Böblinger Kreischef will es noch mal wissen Alter Landrat rostet nicht
Es ist eine gute Nachricht, dass Roland Bernhard die dritte Amtszeit anstrebt. Zu groß sind die Baustellen, die er hinterlassen würde, meint unser Redakteur Jan-Philipp Schlecht.
Es ist eine gute Nachricht, dass Roland Bernhard die dritte Amtszeit anstrebt. Zu groß sind die Baustellen, die er hinterlassen würde, meint unser Redakteur Jan-Philipp Schlecht.
Das Timing war gut gewählt, wenngleich für Pressevertreter nicht ganz optimal. Am Ende der letzten Sitzung des Kreistags vor der Sommerpause war alles Wichtige eigentlich schon gesagt, als der Vorsitzende unter dem letzten Tagesordnungspunkt Verschiedenes noch mal aufhorchen ließ. Ja, er wolle noch einmal weitermachen und im kommenden Jahr zum dritten Mal für das Amt des Böblinger Landrats kandidieren, verkündete Roland Bernhard am Montagabend.
Ein lokalpolitischer Paukenschlag, der auf leisen Sohlen daherkam. Und doch mit gewisser Spannung erwartet worden war. Dass Bernhard es noch mal wissen will, ist eine gute Nachricht für den Kreis Böblingen.
Bernhard, seit 2008 im Amt und im Jahr 2016 mit 70 von 80 Stimmen wiedergewählt, fühlt sich noch fit und angriffslustig genug für weitere Jahre an der Spitze des Landratsamts. Zur Entscheidung mögen ihn verschiedene Gründe bewogen haben. Zunächst mal stand die Frage im Raum, ob es denn jemand aus dem Kreis der Bürgermeisterinnen, Bürgermeister oder Oberbürgermeister geben könnte, der ihm nachfolgt?
Die Augen waren schon seit einiger Zeit auf den Herrenberger OB Thomas Sprißler gerichtet. Der treibt die Entwicklung seiner Gäumetropole mit Verve voran, gilt als innovativ sowie bürgernah und hat den Vorsitz der größten Fraktion im Kreistag inne, 24 Freie Wählerinnen und Wähler stärken ihm den Rücken. Doch Sprißler, der schon 2019 als Nachfolger des Ludwigsburger Landrats Rainer Haas im Gespräch war, winkte in diesem Frühjahr endgültig ab. Er wolle weder erneut als Herrenberger OB antreten, noch käme es für ihn Frage, auf dem Landratssessel Platz zu nehmen. Andere potenzielle Nachfolger sah Bernhard offenbar nicht.
Dazu kommen gleich mehrere Großbaustellen im Kreis, die in die Ära des heute 66-Jährigen fallen – und die er sicher als amtierender Kreischef vollenden will. Da wäre zuvorderst das 620-Millionen-Euro-Projekt Flugfeldklinik, dessen tatsächliche Kosten wohl deutlich höher ausfallen werden. Geplante Fertigstellung: 2026. Man darf davon ausgehen, dass Roland Bernhard den Moment herbeisehnt, an dem er das rote Band zur Eröffnung durchschneiden und all die Querelen, Kostensteigerungen und Widrigkeiten dieses Mammutprojekts hinter sich lassen darf. Vielleicht sieht er die neue Großklinik sogar als sein Lebenswerk?
Da wäre die Elektrifizierung der Schönbuchbahn, die ebenfalls teurer kam als gedacht. Die zwölf neuen Züge des spanischen Herstellers CAF sollten längst über die Gleise surren, doch das Eisenbahn-Bundesamt versagte die Zulassung aufgrund „nicht genehmigungsfähiger Bremsen“. Die seien mittlerweile eingebaut, das Zulassungsverfahren läuft erneut. Noch dieses Jahr im Dezember sollen die E-Züge das Depot verlassen und offiziell in Betrieb gehen – endlich.
Nicht federführend, aber doch mit einem Finanzierungsbeitrag beteiligt ist der Kreis am sechsspurigen Ausbau der A 81 samt Deckel. Auch hier peilt man 2026 als Jahr der Fertigstellung an. Das rote Band und die Schere, sie werden auch hier herbeigesehnt.
Nimmt man all diese Großprojekte zusammen, erscheint es nur nachvollziehbar, dass Bernhard sie selbst abschließen will – und nicht als Kapitän das Schiff mitten in der stürmischen See verlassen. Es wäre seinem Nachfolger auch kaum zuzumuten, diesen Berg an Aufgaben auf Anhieb schultern zu können. Anders formuliert: Wer würde sich das antun wollen? Zumal im kommenden Jahr der Kreistag neu gewählt wird. Gut möglich, dass sich die Mehrheitsverhältnisse darin verschieben. Das in Kombination mit einem neuen Landrat wäre eine äußerst knifflige Situation. So gibt es zumindest auf der Verwaltungsbank Kontinuität. Gut so.