Böblinger Panzerkaserne bietet Einblicke Tausende beim Tag des offenen Türchens

Riesenandrang am ehemaligen Offizierskasino der Panzerkaserne Foto: Eibner-Pressefoto/Sandy Dinkelacker

Nach Jahren der Abschottung öffnete die US-Army am Sonntag die Tore für einen Teil ihres Böblinger Standorts. Die Menschenmassen strömten in das Offizierskasino der ehemaligen Wehrmacht-Kaserne, obwohl es dort gar nicht so viel Kaserne zu sehen gab.

Da muss was Größeres los sein. Wer sich der Böblinger Waldburgstraße am Montagmittag näherte, dem bleibt nicht verborgen, dass an diesem Tag die höchste Straße der Stadt ein Anziehungspunkt ist. Einer Prozession gleich bewegen sich die Menschen und ihre Autos durch die vornehme Halbhöhenlage. Das Ziel befindet sich ganz am Ende. Hinter dem Wasserturm steht ein Gebäude, das erst auf den zweiten Blick offenbart, dass es einmal repräsentativen Zwecken diente: Hier, in diskreter Distanz zur Kaserne, vergnügten sich die höheren Ränge, die an diesem Standort zwischen den Jahren 1938 und 1945 für Hitlers Wehrmacht dienten. Heute ist dort die Feuerwehr des US-Militärs untergebracht. Und die darf erstmals besucht werden.

 

Schiebverkehr

Flottes Durchkommen ist an diesem Maifeiertag unmöglich. Vor dem Eingang gibt es den ersten Stau, im Schiebetempo geht es durch das alte Gemäuer, und wer ein „American Beer“ haben möchte, muss sich in einer der langen Schlangen einordnen. Bereits bis zum frühen Nachmittag schieben sich tausende Menschen durch das ehemalige Kasino – obwohl die Militärs nur einen kleinen Teil des riesigen Kasernenareals öffnen und es dort gar nicht besonders viel Militär zu betrachten gibt.

Schwieriger Ort

Dass sie damit Zugang zu einem nicht ganz einfachen Terrain schaffen, scheint den Amerikanern bewusst. Auf dem Weg in den großen Saal geht es vorbei an Deckenstützen, deren Wappen vom territorialen Großmachtanspruch des Hitler-Regimes zeugen. Infoschilder ordnen dies ein und weisen auf die heutigen politischen Realitäten hin.

Imposanter Saal

Den Höhepunkt vergangener Militärherrlichkeit verkörpert der pompöse Ballsaal, ein Raum von imposanten Ausmaßen mit Kronleuchtern und meterhohen Fensterfluchten. Ein riesenhaftes Bild an der Frontseite, zieht die Aufmerksamkeit der Besucher immer wieder auf sich: Ritter im Kampf, gemalt mit heroischem Pinselstrich, gaben früher die optische Kulisse für die Empfänge und Bankette der Offiziere. Dieses 1939 angefertigte Gemälde erinnere „an den Mut und die Tapferkeit jener, die in den Mauern des Clubs dienten“, stand da auf der Infotafel. Eine gewagte Perspektive mit der die Army-Leute die Besucher weiterziehen lassen, wenn man bedenkt, dass hiermit die Truppen der deutschen Wehrmacht gemeint waren, die vor 80 Jahren halb Europa zerstörten.

Einmal Soldatin sein

Helm auf den Kopf, Schutzweste um den Leib, rein in den fetten Army-Jeep, den Motor mal kurz röhren lassen und schon ist die Dame mit einem seligen Lächeln bereit – für den Einsatz und für die Handykamera des Gatten. Für einen Moment zu sein, wie die Kämpfendenden, die nebenan für die Spezialaufgaben der US-Truppen ausgebildet werden – an diesem Tag ist das Schnupperpraktikum im Hof des Kasinos kein Problem.

Bunter Mix

Viele junge Gesichter, Familien beim Sonntagsausflug, amerikanische Sprachfetzen und gutes altes Schwäbisch im Mix: Es herrscht ein Hauch von Volksfeststimmung über den Dächern der Stadt.

Alte Zeiten werden wach

Für viele ist dieser Tag ein Pflichttermin zur Auffrischung alter Erinnerungen. Denn früher bis 2001 in New York die Wolkenkratzer fielen, gehörte die „Ami-Kaserne“ zum Stadtleben, die für manchen Nachkriegs-Knirps ein verheißungsvoller Ort war. „Damals sind wir öfters durch ein Zaunloch ins Gelände geschlupft“, erzählt ein alter Böblinger. Statt eines Rauswurfs gab’s von den Soldaten ein Eis. Heute wäre die unbequeme Bekanntschaft mit der Militärpolizei sicher.

Das Versprechen

Lange Theke, gemütlich gewölbter Keller, deutsches Bier und harte amerikanische Rockmusik: Im Untergrund des Kasinos befindet sich der Partykeller. Hier trifft man Matthew T. Ziglar, Kommandeur der Kaserne, der mit den Oberbürgermeistern aus Sindelfingen und Böblingen ein Bierchen auf die gute Nachbarschaft trinkt. Der Colonel ist vollkommen überrascht von dem riesigen Interesse, das seine Kaserne bei der Öffentlichkeit hervorruft. „Viele Leute waren schon da, bevor wir die Tore geöffnet haben“, erzählt er. Ein Grund, demnächst die ganze Kaserne der Öffentlichkeit zugänglich zu machen? Am 4. Juli, verspricht er, wolle man den nächsten Schritt wagen. Zum Unabhängigkeitstag der Vereinigten Staaten wird die Kaserne einen Großteil ihrer Einrichtungen öffnen – für alle, Feuerwerk inklusive. Spätestens dann wird oberhalb Böblingen richtig was los sein.

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