Böblinger Pharmafirma Wörwag trotzt den weltweiten Krisen
Das Unternehmen mit Stammsitz auf dem Flugfeld investiert in eigene Produktionsstätten, um die Lieferkette besser im Griff zu behalten. Die Strategie hat sich 2023 bezahlt gemacht.
Das Unternehmen mit Stammsitz auf dem Flugfeld investiert in eigene Produktionsstätten, um die Lieferkette besser im Griff zu behalten. Die Strategie hat sich 2023 bezahlt gemacht.
In einer Zeit, in der die Pharmaindustrie mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert ist, darunter Inflation, Lieferschwierigkeiten, Rohstoffknappheit und geopolitische Spannungen, hat das Böblinger Pharmaunternehmen Wörwag Pharma es geschafft, sich am Markt zu behaupten. Ja, sogar den Umsatz weiter zu steigern: Er wuchs in 2023 um 7,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und lag bei 303 Millionen Euro. Damit ist das anvisierte Ziel erreicht, die Schallmauer von 300 Millionen Euro zu durchbrechen, das Finanzchef Gerhard Mayer im vergangenen Jahr ausgegeben hat.
Die internationalen Verwerfungen seien durchaus spürbar, sagt er: „Die größte Herausforderung waren die Lieferengpässe.“ Die Unruhen im Roten Meer mit der Huthi-Miliz seien etwa auch in Böblingen spürbar gewesen. „Wir haben schon lange vor 2023 unsere eigene Strategie entwickelt, mit den derzeitigen Hindernissen bestmöglich umzugehen – und die hat sich vergangenes Jahr ausgezahlt“, sagt Mayer.
Wörwag entwickelt am Hauptsitz in Böblingen sowohl verschreibungspflichtige Präparate als auch sogenannte Over-the-Counter-Produkte, die ohne Rezept, allerdings nur in der Apotheke erworben werden können. Das Unternehmen ist spezialisiert auf Präparate für Diabetiker, Erkrankungen des Nervensystems, ein stärkeres Immunsystem und den Bewegungsapparat. Eines der erfolgreichsten ist „B12 Ankermann“, das einen Mangel an Vitamin B12 ausgleicht. Der Umsatz mit dem Produkt ist 2023 um elf Prozent gewachsten. Außerdem bilden Zink-Präparate wie „Zinkorot“ einen wachsenden Produktbereich.
Doch wie schaffen die Böblinger seit Jahren ein beständiges Wachstum? Das Pharmaunternehmen mit mittlerweile rund 1400 Mitarbeitern auf der ganzen Welt setzt auf einen starken Außendienst im In- und Ausland. Hinzu kam 2023 die Erweiterung der eigenen Produktion durch den Zukauf des Standortes Wörwag Pharma Production in Pöcking am Starnberger See mit 65 Mitarbeitern: „Wir investieren in Deutschland und Europa, wo andere vor allem in Asien investieren“, sagt Mayer. Das Familienunternehmen produziert zu einem erheblichen Teil in Polen und Bayern selbst und sichert so die Kontrolle über die Lieferkette.
Der erneute Umsatzsprung ist auch insofern bemerkenswert, da Wörwag einen wesentlichen Teil seines Geschäfts in Osteuropa und sogar Russland erzielt, das bekanntermaßen von massiven Sanktionen aufgrund seines Angriffskriegs gegen die Ukraine betroffen ist. „Beide Länder, Russland und die Ukraine laufen“, sagt Geschäftsführer Jochen Schlindwein. Pharmaprodukte und Lebensmittel seien von den weltweiten Sanktionen gegen Russland ausgenommen, sagt er. Der Waldenbucher Schokohersteller Ritter Sport stand für sein Russland-Geschäft zuletzt in der Kritik, spendet die Einnahmen daraus aber an die Ukraine-Hilfen.
Wörwag-Chef Jochen Schlindwein sagt zum Ukraine-Geschäft: „Das Leben geht weiter und das sehen wir auch in unserem Geschäft.“ In puncto Russland hinterlasse allerdings der sinkende Rubel-Kurs deutliche Spuren. Schlindwein: „Aber wenn wir uns den Binnenmarkt und dessen Ergebnis in russischem Rubel anschauen, dann sehen wir keine Gegensanktionen oder Aversionen der Bevölkerung, der Patienten oder Konsumenten gegen unsere Produkte aus Deutschland.“
Eine große Herausforderung bleibt die Regulatorik, sprich die Hürden bei der Zulassung neuer Präparate. „Wir haben 60 Mitarbeiter nur für die Zulassung in Böblingen beschäftigt“, sagt Gerhard Mayer. Am Stammsitz auf dem Flugfeld arbeiten derzeit 200 Wörwag-Mitarbeiter.