Böblinger Pianistenfestival Ein furioses Gemälde aus Musik und Emotionen

Die Fotoshow zur Musik hätte es für ihn gar nicht gebraucht: Der Pianist Philipp Scheucher erschafft mit unbändiger Energie Bilder im Kopf. Foto: /Stefanie Schlecht

Der Österreicher Philipp Scheucher setzt beim Pianistenfestival in der Böblinger Kongresshalle einen beeindruckenden Schlusspunkt.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Wer die Augen schloss, konnte sie ganz deutlich vor sich sehen: Die Fontänen und Wasserfälle, die sprudelnden und glitzernden Brunnen. Eigentlich brauchte es dafür gar nicht die Diashow, die hinter Philipp Scheucher Impressionen der Villa d’Este auf die Leinwand warf. Dem österreichischen Pianisten gelang es ganz alleine mit seinem Instrument und seiner unbändigen Ausdruckskraft, vor dem geistigen Auge den italienischen Renaissancegarten mit seinen rund 500 Wasserspielen heraufzubeschwören, der Franz Liszt einst zu seinen „Jeux d’Eux“ inspiriert hat, einem von 26 Stücken seiner Sammlung „Années de Pèlerinage“.

 

Bereits mit seinem Auftaktstück machte der vielfach ausgezeichnete Österreicher an diesem letzen Abend des Böblinger Pianistenfestivals deutlich, warum er zu den vielversprechendsten Künstlern seiner Generation zählt. Das 1993 in Graz geborene Klaviertalent gestaltete im nahezu vollbesetzen Württembergsaal das Abschlusskonzert dieser 26. Auflage der überregional renommierten Klassikreihe.

Weicher österreichischer Akzent bildet Kontrast zum wütenden Spiel

Das vom künstlerischen Leiter und Böblinger Kulturpreisträger Ulrich Köppen gesetzte Schwerpunktthema mit Klängen und Impressionen aus der Natur setzte Scheucher konsequent und mit vernehmbarer Spielfreude um. Neben drei charakterlich sehr unterschiedlichen Stücken aus Maurice Ravels Zyklus „Miroirs“ hatte er noch drei weitere Kompositionen von Franz Liszt ausgewählt.

Sympathisch (und bei Klassikkonzerten nicht immer selbstverständlich) war dabei, dass Scheucher sich zwischen einzelnen Stücken die Zeit für eine kleine Publikumsansprache nahm. Sein weicher und warmer österreichischer Akzent bildete dabei einen interessanten Kontrast zu seinem teils wütenden und temperamentvollen Klavierspiel.

Der junge Pianist näherte sich allen Werken mit beeindruckendem Einfühlungsvermögen, hoher Präzision und zugleich furioser Energie. Das zeigte sich schon bei den drei Ravel-Stücken, die von poetischer Schwermut („Oiseaux tristes“) über dramatisches Sturmgetöse („Une barque sur l’océan“) bis hin zu fröhlich-schwungvollem Übermut („Alborada del gracioso“) eine enorme emotionale Bandbreite abdeckten.

Kampf im Kopf

Mit Liszts Ballade von Leander und Hero, die durch eine Meerenge voneinander getrennt sind, erreichte der Abend einen ersten Höhepunkt. Wie in einer musikgewordenen Aktionsmalerei ließ Scheucher das Bild des verzweifelt gegen die Wellen ankämpfenden Leander im Kopf lebendig werden. Nach dem Stück musste auch das Publikum erst einmal durchschnaufen. Aber genau das macht ja den Reiz bei diesem Live-Erlebnis aus, meinen Yseult Jost und Domingos Costa.

Das Pianisten- und Musiklehrerpaar leitet den Böblinger Musikherbst und genießt es, an diesem Abend zur Abwechslung einfach nur zuhören zu dürfen. „Ich finde es fantastisch, was es hier für eine Programmvielfalt gibt“, lobt Yseult Jost das Böblinger Festival. Ihr Mann nennt die Reihe „ein leuchtendes Kleinod“, das in Baden-Württemberg seinesgleichen suche und vor allem jungen Talenten eine Bühne biete.

Nach diesem Stück muss das Publikum erst einmal durchschnaufen

„Es ist eine Art spirituelles Erlebnis zwischen dem Künstler und uns“, beschreibt Costa das in einer digitalen Welt mit viel vorproduzierter Musik selten gewordene Live-Erlebnis. „Da geht es um Mut zum Risiko. Das hört und spürt man hier“, sagt er. Schließlich könne live so viel schief gehen. „Das ist alles ganz zerbrechlich. Schon das kleinste Husten kann die Konzentration stören.“

Wie recht er haben sollte, zeigte sich in der zweiten Konzerthälfte, als Scheucher, tief in Liszts Gefühlskosmos versunken, erst die „Nuages Gris“ („Graue Wolken“) und danach die für ihre technischen Anforderungen berüchtigte Sonate h-moll darbot. Ausgerechnet bei den besonders zarten und emotionalen Passagen packte offenbar gleich mehrere Gäste ein Husten- und Niesreiz – zum Ärger der übrigen Zuhörerschaft, die böse Blicke in Richtung der Störgeräuschquellen schickte.

Philipp Scheucher ließ sich jedoch von keinem Husten, Schneuzen oder Bonbonpapierknistern aus dem Konzept bringen. Mit beeindruckender Kraft und Konzentration meisterte er die schweren Stücke und schenkte dem minutenlang applaudierenden Publikum mit einer ungestümen Version von Edvard Griegs „In der Halle des Bergkönigs“ noch einen wilden Ritt als Zugabe.

Kulturamtsleiter Sven Reisch zeigte sich zum Abschluss des ersten von ihm mitbetreuten Pianistenfestivals „echt glücklich“ mit dem Verlauf und der Resonanz. Auch mit den insgesamt 1300 Gästen an fünf Abenden könne man zufrieden sein.

Organisator lobt Offenheit und Begeisterungsfähigkeit des Publikums

Festivalorganisator Ulrich Köppen würdigte im Rückblick noch einmal die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Vortragenden. Bei vergleichsweise moderner Musik wie Messiaen und Bartók habe er sich zwar mehr Publikumszuspruch gewünscht. „Aber die Begeisterung war auch hier spürbar“, lobte er das Böblinger Publikum für seine „Offenheit und Begeisterungsfähigkeit“.

Wie zur Bestätigung forderten ein paar Böblinger Stammgäste am Rande des Klavierabends, das Klassikangebot in der Kongresshalle noch weiter auszubauen. Ulrich Köppen hätte wohl nichts dagegen.

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