Böblinger Schießlärm der US-Army Amerikaner bleiben Entschuldigung schuldig

60 Anwohner kamen zur Sitzung im Rathaus.  Lucienne Graupe und Ulrich Durst (Mitte) hatten dazu aufgerufen. Foto: factum/Granville
60 Anwohner kamen zur Sitzung im Rathaus. Lucienne Graupe und Ulrich Durst (Mitte) hatten dazu aufgerufen. Foto: factum/Granville

Die US-Army verspricht im Gemeinderat eine Entlastung der schießlärmgeplagten Bürger. Doch die Planung soll 18 Monate dauern. Die Anwohner, die die Sitzung verfolgten, sind enttäuscht über die mangelnde Empathie der Armeevertreter.

Böblingen: Gerlinde Wicke-Naber (wi)
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Böblingen - Aufgeregt ist Lucienne Graupe am Mittwochnachmittag. Die junge Mutter ist plötzlich zum Medienstar avanciert. Eine Fernsehkamera verfolgt sie auf Schritt und Tritt im Böblinger Rathaus. Sie gibt Interviews für den Rundfunk. Aber Lucienne Graupe ist nicht allein. Mit ihr sind mehr als 60 andere Böblinger Bürger gekommen. Selten, dass eine Gemeinderatssitzung so viele Zuschauer anzieht. Die Zuschauerränge sind voll. Der Oberbürgermeister Stefan Belz (Grüne) registriert es mit Zufriedenheit.

Für die Zuhörer geht es heute ums Eingemachte: Seit 23 Jahren leiden sie unter dem Lärm, der vom Schießstand der US-Armee ausgeht, der unmittelbar an mehrere Wohngebiete grenzt. Seit 23 Jahren kämpft eine Bürgerinitiative gegen diese Lärmbelästigung. Nun soll es endlich eine Lösung geben. Vertreter der Armee wollen die Pläne zur Schalldämmung im Böblinger Gemeinderat vorstellen. Auch deswegen ist Lucienne Graupe aufgeregt. Hoch sind ihre Erwartungen. Hoch sind die Erwartungen aller Zuhörer. „Das ist der wichtigste Termin in den letzten 23 Jahren“, sagt Ulrich Durst. Er ist von Anbeginn bei der Bürgerinitiative dabei.

Drei Militärs in Uniformen sitzen auf dem Podium

Die Anspannung im Ratssaal liegt in der Luft. Vorne auf dem Podium sitzen neben dem Oberbürgermeister Belz und seinen Beigeordneten Christine Kraayvanger und Tobias Heizmann drei hochrangige Militärs der US-Armee in prunkvollen Uniformen.

Vorgestellt wird das Konzept der Lärmdämmung dann aber von zwei Deutschen: von Guido Arnold von der Immissionsmessstelle der Bundeswehr, die das Konzept erarbeitet hat. Und von Armin Weber vom Staatlichen Hochbauamt Stuttgart, das es umsetzen soll. Arnold erläutert, wie er die bestehenden Schutzwände abschrägen will, um den Schall in die Atmosphäre zu leiten, und welche Erleichterung das für die Anwohner bringen wird. „Sechs bis acht Dezibel weniger, das ist für die menschliche Wahrnehmung eine Halbierung des Lärms.“ Das klingt gut. Doch dann folgt die Ernüchterung. „Wir rechnen mit 18 Monaten Planungsphase“, sagt Weber.

Anwohner fordern schießfreie Mittagspause

Die Militärs halten sich zurück, sagen kein Wort. Erst als sie in der Fragerunde von den Stadträten direkt angesprochen werden, antwortet der Rangniedrigste, Colonel Douglas J. Raddatz. Sehr sachlich ist er und sehr kurz angebunden. Der SPD-Fraktionschef Florian Wahl fordert für die lärmgeplagten Bürger auf den Zuhörerrängen eine Entschuldigung. Doch die bleibt Raddatz schuldig. Kein Wort des Bedauerns kommt über seine Lippen. Auch der Frage nach einer versprochenen schießfreien Mittagspause weicht er aus. „Dann müssen wir früher anfangen oder später aufhören mit dem Schießtraining.“

Die Aufregung von Lucienne Graupe und Ulrich Durst weicht der Ernüchterung. „Ich bin sehr enttäuscht“, sagt Graupe nach der Sitzung in die Fernsehkamera. „Ich hätte mir eine Entschuldigung gewünscht.“ Ulrich Durst macht seinem Unmut Luft: „18 Monate. Wie sollen wir die überstehen? Warum gibt es kein Angebot der Amerikaner, wie wir diese Zeit überbrücken?“

Zufrieden äußert sich indes Marc Biadacz. Der CDU-Rat und Bundestagsabgeordnete hatte mit seinem Engagement dieses Treffen mit der US-Armee im Gemeinderat überhaupt erst ermöglicht. „Ich bin froh, dass jetzt was passiert. Auch wenn 18 Monate eine lange Zeit sind.“ Der SPD-Chef Wahl hält hingegen mit seinem Ärger nicht hinter dem Berg: „Keine Empathie. Kein Wort des Bedauerns“, schimpft er.

Chronologie ders Streits über den Schießlärm

Anfang
1945 übernimmt die US-Armee die Böblinger Panzerkaserne von der Wehrmacht. Es gibt bereits einen Schießstand, der aber kaum genutzt wird.

Ausbau
1994 zieht die US-Armee die Panzer ab. Die Böblinger Kaserne wird zum Standort für das Training der Spezialkräfte, die für ihre Einsätze im Nahen Osten vorbereitet werden. Dazu gehört auch ein intensives Schießtraining. Die Schießanlage wird für diese Spezialkräfte ausgebaut.

Ärger
Die täglichen Schießübungen zermürben die Bewohner des Gebiets Rauher Kapf, der unmittelbar an den Schießstand angrenzt. Sie gründen eine Bürgerinitiative.

Bewegung
Nach vielen Jahren Kampf und Schallschutzmessungen von Experten, die die unzumutbare Lärmbelästigung belegen, liegt 2011 ein Konzept zur Schalldämmung auf dem Tisch. Drei Millionen Euro soll das kosten, die US-Armee will das nicht zahlen. Nach Protesten schaltet der CDU-Bundestagsabgeordnete Clemens Binninger den Staatssekretär Markus ­Grübel (CDU) ein. Dieser wiederum schaltet 2015 den ­Ge­neral Markus Laubenthal ein, zu dieser Zeit Stabschef der US-Armee. Dieser bringt ein neues, günstigeres Konzept zur Lärmdämmung auf den Weg.

Stillstand
Nach dem Bau der Lärmschutzwand wird es in Schönaich ruhiger, auf dem Rauhen Kapf hingegen lauter. Messungen der Bundeswehr bestätigen den Eindruck der Anwohner. Die US-Armee verspricht Nachbesserung. Doch nichts passiert. Die Stadt will sich mit 300  000 Euro, an den Kosten für einen Schallschutz beteiligen – das sind ein Drittel der Kosten, so der Beschluss des Gemeinderats 2017.

Neubeginn
Im Februar 2018 tagt ein runder Tisch in Böblingen. Im April gibt es ein Gespräch im Verteidigungsministerium. Die US-Armee verspricht, bis Juli ein neues Konzept vorzulegen.




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