Bohnen- /Leonhardviertel Poet und Philosoph, Prostituierte und Pichler

Von Martin Bernklau 

Bernd Möbs erzählt von „Saufen und Dichten zwischen Bohnen und Rotlicht“.

  Foto: Martin Bernklau
  Foto: Martin Bernklau

S-Mitte - Der Privatermittler Georg Dengler wohnt dort und trinkt seinen Espresso oder Badischen Grauburgunder in der nahen „Basta“-Bar an der Wagnerstraße. Aber nicht erst seit der Krimiautor Wolfgang Schorlau seine Hauptfigur erfand, ist das Bohnenviertel ein literarischer Schauplatz und ein Ort für Literaten. „Saufen und Dichten zwischen Bohnen und Rotlicht“ nannte Bernd Möbs am Freitagnachmittag seine Führung, zu der er mit den AnStiftern eingeladen hatte. Deshalb bekam der Spaziergang einen leichten Schlag in die linke, studentenbewegte Zeitgeschichte, statt Goethe und Schiller.

Wo der Weg begann freilich, in der Kanalstraße hinterm Charlottenplatz, dort soll der aus Herzogs Diensten desertierte junge „Räuber“-Dichter 1782 am damaligen Esslinger Tor die Stadt mit Ziel Mannheim verlassen haben. „Als wir außer dem Tore waren, glaubten wir, einer großen Gefahr entronnen zu sein“, zitierte Möbs den Fluchtbericht des Schiller-Freundes Andreas Streicher.

Das Bohnenviertel zwischen Charlottenplatz, Schellenturm und Wilhelmsplatz trägt seinen Namen ja nach der gesunden Arme-Leute-Nahrung, von der die Wengerter, Handwerker und Fuhrleute dieser ersten Stuttgarter Vorstadt so lang so gern hauptsächlich lebten. Entlang der Weberstraße führte die im frühen 15. Jahrhundert neu gezogene Außenmauer. Trotz all der Wunden und Sünden durch Krieg und Nachkrieg blieb die Mischung aus Läden, Kneipen, Handwerks- und Amüsierbetrieben erhalten.

Ecke der Schriftsteller

Wo heute das Schriftstellerhaus sein schmales, schnuckeliges Domizil hat, dort dichtete nebenan auch schon der junge Wilhelm Hauff seine Märchen, damals gelangweilter Hauslehrer im Kriegsministerium, das direkt am Platz des Bürohochhauses stand. Und in der legendären Weinstube „Kiste“ versammelte Thaddäus Troll seinen „Club der 13“ zum Vierteles-Schlotzen am Stammtisch. Für den gebürtigen Rheinländer Möbs trug eine eingeborene Schwäbin „Kenner trinken Württemberger“ mundart-gerecht und zungenfertig vor. Die „Elsässer Taverne“ jedoch, gleich um die Ecke an der Esslinger Straße, wo der Münchner Lustspielautor und Satiriker Ludwig Thoma („Simplizissimus“) eigene Gedichte deklamierte, gibt es nicht mehr.

In der ehrwürdigen Leonhardskirche hingegen liegt immer noch der Humanist Johannes Reuchlin begraben. Da wirkten neben Gustav Schwab auch die Pfarrer Christian Adam Dann und Albert Knapp, die als Väter des Tierschutzes gelten. Auch ein Kuriosum ist dort zu sehen: ein Blumengesteck der Knapps – aus Haaren, zu dem auch Albert sein Haarteil beitrug.

Nur ein paar Jahre gab es in der Leonhardstraße 8 den unter anderem von Peter Grohmann gegründeten Club Voltaire, wo sich die studentenbewegte Linke von Peter Chotjewitz bis Peter Conradi traf. Auch Joschka Fischer war damals öfter zu Gast, der besserwisserisch arrogante Taxifahrer aus Frankfurt, von dem es hieß, er habe in der Szene-Buchhandlung von Wendelin Niedlich Bücher geklaut und dann in der Frankfurter Mensa verkloppt.

Ausklang im Murrhardter Hof

Nicht im Club, sondern in der schräg gegenüber liegenden Weinstube Widmer, heute Fröhlich, soll der große alte Philosoph und Anstifter der Studentenbewegung Herbert Marcuse seinen Gram darüber hinuntergespült haben, dass gerade mal acht Leute seinen Vortrag in der Uni besucht hatten. Seit der vormalige Feuilleton-Chef Hans Fröhlich dort vom Stammgast zum Wirt wurde, trägt das bürgerliche Lokal zwischen Bars und erotischen Etablissements seinen Namen. Er starb 1996. Vor allem beim „Brunnenwirt“ spielt der 1997 erschienene „Weiberroman“ von Matthias Politycki, der als einer der Schlüsseltexte von Pop-Literatur und postmoderner Avantgarde gilt. Hauptfigur Gregor Schattschneider aus der Kanalstraße ist Stammgast dort. Als Stipendiat am Schriftstellerhaus kannte sich Politycki bestens aus.

Mit einem Teil der rund 40 Spaziergänger ließ Bernd Möbs seine Führung im Murrhardter Hof am Wilhelmsplatz ausklingen, dem einstigen Hauptquartier der journalistischen Spät- und Nachtschicht nahe dem Tagblatt-Turm. Seit Menschengedenken tischt dort der Türke Burhan Sabanoglu – angeblich – den besten Kartoffelsalat, die besten Maultaschen der Stadt auf.

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