Bombenangriff auf Stammheim Der schwärzeste Tag der Ortsgeschichte

Von Bernd Zeyer 

Vor 75 Jahren traf ein verheerender Angriff Stammheim. Dabei starben 84 Menschen, Teile des Ortes verwandelten sich innerhalb weniger Minuten in rauchende Trümmerfelder. Am 28. Januar erinnert eine Gedenkveranstaltung an das Ereignis.

Die Folgen des Angriffs waren verheerend. Foto: /privat 7 Bilder
Die Folgen des Angriffs waren verheerend. Foto: /privat

Stammheim - Eigentlich hätten die Bomben, die kurz vor Kriegsende auf Stammheim niedergingen, den Kornwestheimer Rangierbahnhof treffen sollen. Der Wind hatte den englischen Luftkriegsstrategen aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der wehte in jener Januarnacht nämlich so heftig, dass die Zielmarkierungsbomben, auch Christbäume genannt, vom Kurs abtrieben und die Flieger der RAF (Royal Air Force) ihre tödliche Last fälschlicherweise über Stammheim ausklinkten. In wenigen Minuten starben 84 Menschen, Teile des Ortes verwandelten sich in Trümmerhaufen.

„Diese Nacht war furchtbar“

„Diese Nacht war furchtbar“, erzählt Heinz Herbert Girner. Er war damals elf Jahre alt und lebte an der Kornwestheimer Straße 88. Glücklicherweise seien er und seine Familie rechtzeitig im Schutzraum gewesen. Dort habe man gespürt, wie die Erde bebte. „Natürlich hatte ich Angst. Aber ich hatte Dusel“, sagt er heute. Weder von seiner Familie noch von seinen Freunden oder Bekannten sei in der Nacht vom 28. Januar jemand ernsthaft zu Schaden gekommen.

Andere Menschen hatten weniger Glück: Nach dem Angriff habe man die Opfer „pfundweise eingesammelt“, die zerfetzten Leiber hätten nicht nur auf der Straße und in den Kellern, sogar auch in den oberirdischen Stromleitungen gehangen. „Als Kind war ich daran gewöhnt“, sagt er 75 Jahre später und schüttelt ungläubig den Kopf. Rund 40 Luftangriffe habe er miterlebt. „Das Motorenbrummen der Bomber höre ich heute noch“, erzählt er. Besonders schlimm sei die Hilflosigkeit gewesen. Die alliierten Flieger hätten zu Kriegsende machen können, was sie wollten, von der deutschen Luftwaffe sei weit und breit nichts zu sehen gewesen.

Die Flieger machen Jagd auf alles, was auf der Straße unterwegs ist

Die amerikanischen Jagdbomber, die 1944 und 1945 regelmäßig tagsüber anflogen, konnten Girner und seine Spielkameraden an den aufgemalten Nummern und an ihren zum Teil rot lackierten Rümpfen erkennen, so tief flogen sie. Ins Visier ihrer Bordkanonen und Maschinengewehre nahmen sie alles, was unterwegs war: Frauen, Kinder und sogar russische und französische Zwangsarbeiter. „Eigentlich hätten die Piloten an den Uniformen erkennen müssen, dass es sich um verbündete Soldaten handelt“, wundert sich Girner auch heute noch. Auch Robert Aubry war ein Kriegsgefangener. Der in Stammheim einquartierte Franzose hatte in jener Januarnacht viele Stammheimer ohne Rücksicht auf seine eigene Gesundheit in Sicherheit gebracht. Er selbst hatte weniger Glück, eine Luftmine zerfetzte ihn. Heute erinnert eine Gedenktafel am Heimatmuseum an den tapferen Franzosen.

„Stammheims schwärzester Tag“, so wird der 28. Januar 1945 heute genannt. Miterlebt hat ihn auch Dieter Maier. „Die Erde hat regelrecht gewackelt. Für uns Kinder war das spannend,“ beschreibt der 81-Jährige seine damaligen Erlebnisse. Um richtig Angst zu haben, dafür sei er mit seinen fünfeinhalb Jahren wohl noch zu jung gewesen. Auch Maier war rechtzeitig im Schutzraum, einem ausgebauten Stollen unter seinem Wohnhaus an der heutigen Kolumbusstraße. Dort lebt er heute noch, die eiserne Zugangstür zum Stollen gibt es nach wie vor im Keller, der Stollen selbst wurde vor vielen Jahren zugeschüttet.

Gedenkstunde gegen das Vergessen

Maier und seiner Familie ist am 28. Januar nichts geschehen. Zahlreiche Opfer hingegen gab es im ehemaligen Gasthaus „Hirsch“ oder im Musiker-Block-Gebäude an der damaligen Bergstraße. Nach Luftangriffen, so erinnert sich Maier, hätte er Splitter gesammelt und zugeschaut, wie die Toten geborgen wurden. Es sei heutzutage schlichtweg unvorstellbar, welche schlimmen Dinge damals passierten. Leider wolle die heutige Jugend davon nichts mehr wissen.

Gegen das Vergessen möchte Susanne Korge etwas tun. „Es ist wichtig, dass die Menschen sich erinnern“, sagt die Stammheimer Bezirksvorsteherin – vor allem, da es immer weniger Zeitzeugen gebe. Deshalb werde zum 75. Jahrestag eine Gedenkveranstaltung abgehalten, bei der auch die junge Generation miteinbezogen ist. Mädchen und Jungen aus der 10. Klassenstufe der Park-Realschule haben Zeitzeugen befragt. Die Eindrücke der Jugendlichen werden bei der Veranstaltung am Dienstag, 28. Januar, von 15.15 Uhr an in der Schloss-Scheuer, Korntaler Straße 1A, vorgetragen.

Direkt im Anschluss an die Gedenkfeier werden um 17.15 Uhr am Ehrenmal auf dem Stammheimer Friedhof Kränze niedergelegt. Dort gibt es ein Gräberfeld, auf dem die Opfer des Bombardements beerdigt sind. Nach dem Angriff waren die Toten zunächst in einer Scheune an der Kornwestheimer Straße aufgebahrt worden. Zur Totenwache eingeteilt war damals der Kolonialwarenhändler Erdman Bizer. Obwohl keine Bomben mehr fallen, wird auch er ein Opfer des Angriffs: Der Anblick der Toten ist zu viel für ihn, er nimmt sich das Leben.

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