Drogen sind heute in aller Munde, sogar im Bundestag. Bekanntlich ist ein limitierter Besitz von Cannabis seit diesem Monat nicht mehr strafbar. Die aktuelle Ausstellung „Schall + Rau(s)ch“ in der städtischen Galerie beschäftigt sich mit dem Thema von A wie Alkohol bis Z wie Zukunftsdrogen. Ein Kenner der Böblinger Geschichte, Hans-Jürgen Sostmann, verdeutlichte jüngst in seinem Vortrag angesichts der Geschichte der Familie und des Unternehmens Bonz, wie einst aus einer Provinzapotheke ein bedeutender Produzent wurde.
Sostmann: „Die Familie Bonz und ihre Mitarbeiter/-innen leisteten über mehrere Generationen Pionierarbeit bei der Entwicklung des ersten reinen Narkose-Äthers.“ Die schlichte chemische Äther-Formel lautet HG3C-O-CH3. Böblingen war vor allem im 19. Jahrhundert ein international bekannter Herstellungs- und Handlungsort für Drogen. Produziert wurden die Stoffe in unterschiedlichen Gebäuden rund um den Unteren See, teilweise auch im alten Pfarrhaus auf dem Schlossberg.
Los geht es mit getrockneten Kräutern aus dem Schönbuch
An die Bedeutung erinnert heute auch noch die Dr.-Richard-Bonz-Straße im Stadtzentrum. Die spätere Drogen- und Materialien-Firma Bonz startete offiziell im Jahr 1811, als ein Böblinger Kaufmann namens Christian Kayser, der fälschlicherweise als Apotheker tituliert wurde, ein entsprechendes Unternehmen eröffnete. Er dachte zunächst an den Handel mit getrockneten Kräutern und deren chemische Verarbeitung in seinem Familienbetrieb am Postplatz. In diesen Häusern, man denke an die heutige Bezeichnung Drogerie, konnte man eine große Palette solcher Produkte kaufen. Noch 1866 wurden im Handelsregister der Böblinger Firma Zais am Plattenbühl aufgeführt: Zimtlikör, Arak, Cognac, Rum, Punschessenz, Kirschengeist, Zwetschgen- und Fruchtbranntwein, feinste Liköre sowie Kosmetikartikel. Außerdem kam als Partner Johann Metzger aus Schönaich dazu, ein versierter Kaufmann mit Handels- und Auslandserfahrungen.
Die Grundlagen für ihre Kräuter, Drogen und Arzneimittelpflanzen fanden sie damals noch im Schönbuch und auf der Schwäbischen Alb. Metzger und Kayser gehörten der Glaubensgruppe der Pietisten an und lernten so die Esslinger Apotheker-Familie Bonz kennen.
Die Firma wächst schnell – neue Mitstreiter werden gebraucht
Josef Bonz hatte eine Apothekerlehre in Mainz absolviert, das zu dieser Zeit Französisch war, so dass er auch diese Sprache beherrschte. Das war für spätere Handelsbeziehungen von Vorteil. Aufgrund der Qualität der Produkte und des geschickten Handelns wuchs die Firma weiter und so wurden verschiedene Gebäude im Stadtgebiet von Böblingen dazugekauft oder -gepachtet, etwa der sogenannte Klepperstall (früherer Pferdestall) an der Turmstraße oder das Clösterle, das früher schräg gegenüber der jetzigen Zehntscheuer lag.
So wurde es notwendig, weitere Mitstreiter in die Firma zu ziehen. Große Bedeutung erlangte dabei der Kaufmann Gottlob Kleiber, so dass die Firma ab 1819 Kleiber und Bonz chemische Fabrik genannt wurde. Sostmann: „Eine wichtige Person war auch Bonz‘ Schwager Gottlieb Schumann, der besonders erfolgreich in der Entwicklung und Forschung von Produkten war. Er wurde 1834 Professor in Hohenheim.“
Legendär: der Böblinger Zimtlikör
Grund war der geschäftliche Fleiß kombiniert mit einer großen Innovationskraft – ein Rezept mit Gültigkeit bis heute. Ein wichtiges Datum war 1838, als es Bonz und seinem Team gelang, Jodkali als Salz in reiner kristalliner Form zu produzieren, das als Medikamentengrundstoff benutzt wurde. Großen Erfolg hatte man auch ab 1836 mit chlorsaurem Kalium, das für die Zündholzindustrie, die bekanntlich in Ludwigsburg ihre Wurzeln hatte, gebraucht wurde.
Legendär war der Böblinger Zimtlikör, dem die Ärzte heilsame Wirkung auf den Blutdruck verschrieben. Sostmann: „Dazu muss man wissen, dass die damaligen Liköre einen sehr viel geringeren Alkoholgehalt hatten.“ Die Stärke des Vortrages von Hans-Jürgen Sostmann bestand nicht nur in der Aufzeichnung familiärer und wirtschaftspolitischer Entwicklungsstränge, sondern natürlich auch in vielen Bildern, die nicht nur die unterschiedlichen Familienmitglieder, sondern auch viele historische Gebäude Böblingens zeigten. Auch Kriege waren mit verantwortlich für das Wirtschaftswachstum der Firma Bonz, denn das produzierte Chloroform wurde während des amerikanischen Bürgerkrieges 1861 und während des deutsch-französischen Krieges 1871 von Ärzten oft geordert. Auch die Universitätsklinik Tübingen beauftragte die Firma Bonz, einen absolut reinen Äther herzustellen. Die Bezeichnung lautete „Pronarkosi Bonz Äther“.
Auf den Äther folgte ein Wermutstropfen
Auf den Äther folgte ein Wermutstropfen. Die Firma wollte für die Patentanmeldung die Qualität nachweisen und beauftragte ein chemisches Labor der Universität Tübingen damit. Der Institutsleiter Rohrer veröffentlichte jedoch das Produktionsgeheimnis, so dass die Alleinstellung von Bonz verloren ging. Zu dieser Zeit umfasste die Produktion 15 Seiten Preisliste mit 400 chemisch-pharmazeutischen Produkten.
In den 1960er-Jahren übernimmt Hoechst die Firma
Die Wirtschaftskrisen der Weltkriege und fehlende Grundstücke für notwendige Erweiterungen trugen zum Niedergang bei. In einer Anzeige hieß es 1965 in der Lokalzeitung, dass sich die Chemiewerke Hoechst in der Nähe etabliert hätten, also Bonz übernommen hatten. Noch 1985 wurden 70 Prozent aller Erzeugnisse mit dem Namen Bonz in 55 Länder exportiert. In Böblingen arbeiten damals noch 40 Personen.
Aber der Name Bonz ist auch heute noch nicht verschwunden. Die Hoechst-Tochter Asid-Bonz hat ihren Sitz in Herrenberg. Mit dem Namen Bonz sind nicht nur großartige Innovationen im Bereich der Chemie und der Medizin verbunden. Anna Maria Bonz, die Schwester der drei letzten Brüder und Firmeninhaber, hatte bei dem Stuttgarter Kunstprofessor Adolf Hölzel ab 1931 studiert, ihr Atelier lag in der Pfarrgasse.
Belebend war nicht nur der Vortrag. Fast alle Besucher fanden sich anschließend im Erdgeschoss der Zehntscheuer wieder: bei dem Genuss von Kaffee, Mohnkuchen, Sekt und Zucker.