„Boris“ an der Stuttgarter Staatsoper Wenn die Toten erwachen
„Boris Godunow“ und „Secondhand-Zeit“, mit der Musik von Modest Mussorgski und Sergej Newski, werden als Kombination an der Staatsoper Stuttgart (ur)aufgeführt
„Boris Godunow“ und „Secondhand-Zeit“, mit der Musik von Modest Mussorgski und Sergej Newski, werden als Kombination an der Staatsoper Stuttgart (ur)aufgeführt
Stuttgart - Gemurmel, einzelne Töne, halbe Arien, Stimmen aus dem Untergrund. Das Große Haus ist über Lautsprecher länger schon mit akustischem Material angereichert, wenn die Türen zur Premiere „Boris“ in der Stuttgarter Staatsoper aufgehen. Das Stück hat begonnen, bevor es eigentlich beginnt. Es ist da, wie die Welt schon immer dagewesen zu sein scheint. Der Prolog zu Sergej Newskis Stück „Secondhand-Zeit“ kommt, darin Wagners „Rheingold“ ähnelnd, aus der Tiefe des Raums und der Zeit. Und er tönt aus der Zukunft, in der die Meere verschmutzt sind und die Pelikane sterben. Das sieht man im Video. Das Öl läuft über den Holz-Pavillon auf der Drehbühne, der hier Hintergrund und wundersam wandelbarer Ort für alles ist: Heute, Vorgestern und Morgen.
Von Anfang der Intendanz von Viktor Schoner an hat die Dramaturgie mit der Zeit gespielt, als wollte und wolle sie stets aufs Neue William Faulkners Satz variieren, demnach das Vergangene nicht nur nicht tot sei, sondern noch nicht einmal vergangen. Immer wieder wurden auf diesem Weg Stücke und Komponisten, auch Trends, befragt, die in der Historie des Hauses für die Stuttgarter Staatsoper wichtig gewesen sind. Sind sie es noch? Arpad Schilling startete seinerzeit in eine Richtung, die nicht weiterverfolgt wurde: Er inszenierte „Lohengrin“, wie ein legitimer Erbe Bert Brechts von heute – bewusst als armes Theater im Kreidekreis. Wenig Aufwand, viel Ertrag. Polystilistik war fortan Programm: „Nixon in China“, „Die Liebe zu drei Orangen“ und „Prinz von Homburg“, um nur drei Beispiele zu nennen, präsentierten sich grundverschieden in den Ansätzen.
Mit Traditionsbezügen und deren Spiegelungen und Brechungen operiert analog auch der Stuttgarter Generalmusikdirektor Cornelius Meister, der zu Beginn der Saison in Giuseppe Verdis fünfaktiger französischer „Don Carlos“ Fassung am Ende des dritten Aktes die Ballettmusik mit einer punkig-schrägen Polka-Komposition des Österreichers Gerhard. E. Winkler beschloss: Ein Fünf-Minuten-Coup, der das Publikum einigermaßen konsterniert zurückließ, weil er didaktisch nicht vorbereitet war.
Bei der Kombination von Modest Mussorgskis Oper „Boris Godunow“ (russisch gesungen), nach Puschkin und von 1869, als die später von Rimski-Korsakow und Schostakowitsch revidierte Oper noch in relativ rohem Zustand, aber eben auch als Musterbeispiel einer „offenen Form“ daherkommt, mit Sergej Newskis neuer Szenenfolge „Secondhand-Zeit“ (deutsch gesungen), sind solche Irritationen ausgeschlossen. Abwechselnd, also Tableau für Tableau, Szene für Szene, werden beide Werke miteinander verschränkt und teilweise verbunden. „Boris Godunow“ erzählt dabei eine Geschichte, die eigentlich mehr eine Handlung ist: Nach seiner Krönung – halb Märchenszene, halb Science-Fiction – steigert sich Zar Boris (Adam Palka, mit mächtig intelligentem Bass, im Abgrund und im Irrsinn gleichermaßen daheim), der mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Vorzeit der Oper einen potentiellen Widersacher hat aus dem Weg räumen lassen, in die innere Verwerfung und den finalen Tod hinein. Der Rest in dieser weitgehend rezitativischen Oper ist Volk und Masse, Folklore auch, in der das Individuelle unterzugehen scheint. Boris‘ Trauma ist immer auch ein kollektives, das sich hier historisch in Bildern und Masken widerspiegelt: Der selbstzufriedene Stalin auf Jalta, der unergründlich grinsende Lenin (und auch Putin) beim Treffen der Exekutive. Aber es geht eigentlich nicht um Geschichts- oder Gegenwartsbewältigung in diesem Rahmen.
Nun nämlich setzt Sergej Newskis Komposition „Secondhand-Zeit“ an und schließt sich kurz mit der literarischen Vorlage gleichen Namens der Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, die in ihrem Buch hunderte Einzelne aus dem Kollektiv der russischen und der postsowjetischen Historie herauslöst und somit die Erzählperspektive radikal ändert: Geschichte wird nicht in Form der großen Fabel übergeben, sondern gewissermaßen als mikroskopische Studie unheroischer Lebensläufe weitergereicht. Es entstehen kleine Individual-Dramen mit brutal-realem Hintergrund. Was der Leser vokal imaginieren musste, gewinnt in der durchgehend bläser-und schlagzeuglastigen (bis hin zu zur Kombination von Schläuchen und Mundharmonika geht es) Komposition von Newski Gestalt. Man hört jetzt die Stimmen und sieht die Gestalten. Um nur ein paar zu nennen, die der Regisseur Paul-Georg Dittrich simultan in den drei Stuttgarter Großlogen und auf der Bühne agieren lässt: Da ist die Frau, die vor dem Bürgerkrieg in Tadschikistan nach Moskau flieht – und dort auf die Billiglohnsklaven aus ihrer Heimat trifft („Die Aktivistin“). Da ist der Sohn, der im kommunistisch regulierten Turbokapitalismus mit seiner Mutter aus der Lebensbahn und vor allem aus der Wohnung geworfen wird und eine Odyssee beginnen muss. „Was ich von den Menschen halte?“, sagt er in seiner Sprechpartie: „Die Menschen sind weder schlecht noch gut, es sind einfach Menschen, mehr nicht.“ („Der Obdachlose“). Und da ist die Mutter, die mit ihrem Sohn die Liebe zum Guten und Schönen teilt, zu Literatur und Poesie, und dann bringt sich der Sohn im Alter von 14 Jahren einfach um („Die Mutter eines Selbstmörders“).
Teilweise sind das Doppelrollen. Xenias Amme bei Mussorgski zum Beispiel (eine von drei wenig expliziten Frauenpartien), ist dann eben auch die nämliche Mutter. Die Figuren treten aus dem einen Stück in das andere über – und orientieren sich wieder zurück: Passagiere der Zeit. Manchmal hat das Auswirkungen auf die Komposition: Newski ist dann – mit harmonischen Anleihen bei Mussorgski, aber auch im Tango-Stil und bis hin zu einer Art Schlussfuge – sehr geschickt bei den Übergängen zwischen der Musik von 1869 und der von 2020. In den besten Momenten entsteht eine kurzfristige Irritation. Ist es noch Newski oder schon wieder Mussorgski? Dann nehmen die Werke tatsächlich Verbindung auf. Darüber hinaus jedoch bleibt Newskis anspielungsreiche Komposition eigenständig und ist auch darauf angelegt, autonom als „Secondhand-Zeit“ aufgeführt zu werden.
Für diese Gelegenheiten könnte die ziselierende Video-Ästhetik, die in der Stuttgarter Oper mit einem ungeheuren Aufwand von Vincent Stefan betrieben wird, mit ihren überbordenden, assoziativen Bilderschleifen womöglich das Richtige sein. Durch die optische Massierung und in der Konfrontation mit dem Bühnenbild von „Boris Godunow“ (Joki Tewes, Jana Findeklee) indes findet sich die Szene oft degradiert, ja, wirkt manchmal wie eine Puppenkiste. Umgekehrt gilt aber auch: Wenn die Toten noch einmal richtig erwachen und es zur finsteren Unterhaltung zwischen dem Intriganten Schuiski (Matthias Klink), Boris Godunow sowie dem Resümee des Mönchs Pimen (Goran Juric) kommt („Sei gewiss, Zar, deine Macht ist groß“, Dritter Teil), ist mit einem Mal im Prinzip keine Technik, keine Ergänzung, kein Bild und kein Clip mehr nötig. Vollkommen analog bewegen sich drei vokale Granden durch Mussorgskis mit Samt unterfütterte Dornen- und Schmerzenspartitur. Nichts fehlt.
Es sind diese und andere Wechselwirkungen, die dem dreieinhalbstündigen Abend, der entschlossen das Montage-Prinzip bis zum Schluss durchhält, einen anderen Wesenskern verleihen als die bloße Reproduktion einer Partitur von 1869 (und sei sie noch so originell interpretiert). Der Plan, eine Parallelzeit (mit Video-Doppelgängern von Figuren) zu etablieren, hat freilich auch seine Tücken: Newskis Kompositionsskizzen nämlich verlieren auf Dauer ein wenig an Wirkung gegenüber Mussorgskis ja vor allem auf strukturelle Überwältigung angelegtem Stück. Am Schluss kreisen Newskis Motive schon auch sehr um sich selbst, während Mussorgski stoisch auf Kurs bleibt. Insgesamt gilt: Selbst für Opernverhältnisse wird sehr viel Dystopie verhandelt, brillant im Einzelnen natürlich, wenn es immer wieder darum geht, dass uns Geschichte buchstäblich unter die Haut geht: Viele Menschen hier, auch Boris, sind tätowiert und schauen aus wie ein offenes Buch. Die Zeit hat sich ihnen eingeschrieben. Andererseits haben womöglich nur wenige im Publikum die Kapazitäten, zusätzlich zur hier verbrachten Lebenszeit beim Besuch der Vorstellung – der sinnvollerweise eine umfassende Vorbereitung, mindestens aber ganz genaue Programmheftlektüre verlangte – noch einmal Walter Benjamins achtzehn Miszellen „Über den Begriff der Geschichte“ zu lesen, obwohl das insgesamt hilfreich sein könnte.
„Boris“ also, die Kombination aus Mussorgskis Oper mit Sergej Newskis „Secondhand-Zeit“, wird vom Dirigenten Titus Engel mit dem Staatsorchester bis hin zum Staatsopernchor respektive Kinderchor (Manuel Pujol), von der Amme/Mutter (Maria Theresa Ullrich) bis hin zum Gottesnarr (Petr Nekoranec) mit Identifikation, Akkuratesse und enormer Energie gestemmt und von Adam Palka in der Titelrolle des Boris Godunow mit einer Technik und Realistik gestaltet, die ihresgleichen sucht. Es ist ein Kraftakt, während dessen die Oper sich als klassische Form selber in Frage stellt. Wie jedem Kraftakt eignet dem Ganzen etwas Selbstreferentielles. Allerdings: Bespiegelung nur um der Bespiegelung willen ist es nicht. Reichlich Buhs, schließlich mehr als respektvoller Beifall in der Stuttgarter Staatsoper.
Vorstellungen am 7., 16., 23. Februar, 2. März und 10. und 13. April