Boris Palmer und Hasnain Kazim „Dieses Experiment schafft ein Reizklima“

Von vih 

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer und der „Spiegel“-Journalist Hasnain Kazim tauschen für eine Woche ihre Facebook-Profile. Ziel ist, den Horizont der jeweiligen Anhängerschaft zu erweitern. Die Zwischenbilanz fällt ernüchternd aus.

Hasnain Kazim (l.) und Boris Palmer zu Beginn ihres Experiments Foto: Boris Palmer/Facebook
Hasnain Kazim (l.) und Boris Palmer zu Beginn ihres Experiments Foto: Boris Palmer/Facebook

Stuttgart - „Wenn es geht, macht mir keine Schande“, mit diesen Worten verabschiedete sich der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer am vergangenen Sonntag für eine Woche von den Fans seiner Facebook-Seite. Dass der streitbare Grünen-Politiker Anlass zur Sorge hatte, machte er im Vorfeld deutlich: „Es war ja für mich oft schon schwierig genug, hier einigermaßen gesittete Verhältnisse herzustellen“, schrieb der 46-Jährige. Er sei nun „ziemlich besorgt, ob einige Leute hier ab morgen das Vorurteil bestätigen könnten, das man mit Rechten nicht reden kann“.

Der Hintergrund von Palmers Botschaft: Bei einem Streitgespräch mit dem „Spiegel“-Journalisten Hasnain Kazim (44) Ende Januar in Tübingen hatte er sich spontan auf ein Experiment eingelassen. Für eine Woche wollen der Politiker und der Journalist das Facebook-Profil des jeweils anderen übernehmen und so die „Filterblase“, also das dank Facebook-Algorithmus verfestigte Weltbild ihrer Unterstützer, aufmischen.

Die Ausgangsthese: Auf der Profilseite Palmers, der in den letzten Jahren vor allem mit kritischen Beiträgen zur Integration von Asylbewerbern auf sich aufmerksam machte, tummelt sich ein tendenziell rechtes Publikum; auf der Seite Kazims, der für den „Spiegel“ in Pakistan und der Türkei war und nun aus Österreich berichtet, ein eher linkes. Seit vergangenem Sonntag läuft der „Seitentausch“ nun – und die Zwischenbilanz fällt wenig positiv aus.

Beleidigungen und Pauschalurteile

Bereits am dritten Tag des Experiments sieht sich Kazim zu einer Stellungnahme genötigt. „Ich lösche und blockiere selbstverständlich jeden, der sich jenseits des zivilisierten Miteinanders bewegt“, erklärt er am Mittwoch. Er habe einige Kommentarschreiber auf Palmers Profilseite gesperrt – und er versieht seine Nachricht mit Beispielen. „Hasnain, du pakistanischer Untermensch, verpiss dich zurück nach Pakistan wo du hingehörst“, lautet einer der Kommentare.

Einen Tag später, am Donnerstag, wenden sich Palmer und Kazim in einer gemeinsamen Botschaft an die Leser: Das Experiment bliebe zwar „spannend“. Es gebe aber auf beiden Profilseiten „einige Leute, die es torpedieren wollen“. „Der echte Kazim wird von Profilen, die der echte Palmer nie zuvor auf seiner Seite gesehen hat, mit übelsten Vokabeln beleidigt und entmenschlicht.“ Auch auf Kazims Seite seien Nutzer unter falschen Profilen aktiv, die „beleidigen und sabotieren“. Beide rufen erneut zu einem sachlichen, konstruktiven Dialog auf.

Der erhoffte Dialog funktioniert nicht

Wer sich durch die tausenden Kommentare unter Kazims und Palmers Statements klickt, stellt tatsächlich fest: Der erhoffte offene Dialog über politische Gräben hinweg funktioniert nicht. Vor allem die Anhängerschaft Palmers macht dem Journalisten Kazim das Leben schwer: Beleidigungen, Pauschalurteile und wenig reflektierte Statements häufen sich dort. Palmer gelingt indes an mehreren Stellen ein sachlicher Austausch – wohl auch, weil er sich gewohnt aktiv zeigt und auf zahlreiche Kommentare zügig antwortet.

Doch auch der Oberbürgermeister hat zu kämpfen: Auf seine Statements zu Asylthemen hagelt es oft eher pauschale Rassismusvorwürfe. Geht er mit seinen Wortmeldungen mehr ins Detail, erntet er wenig Reaktionen. So schreibt er am Mittwoch, dem dritten Tag des Versuchs: „Die Debatte war leider nicht sehr ergiebig. (...) Sind die Leute hier nur mit Provokationen vom Stuhl zu holen? (...) Ist sachlich und inhaltlich doch nix für Facebook?“

Hasnain Kazim scheint diese Frage bereits am fünften Tag des Experiments für sich beantwortet zu haben: Er sei überzeugt, „ein politisches Problem ,durchzudiskutieren‘ (...), das funktioniert nicht auf Facebook“, schreibt er am Donnerstag. „Macht es mir Spaß? Ja, na ja. Nervt es? Ja. Lerne ich etwas? Auf jeden Fall“, schreibt er in seinem Zwischenfazit. Ein abschließendes Resümee will er sich offenlassen.