Bosch in Schwieberdingen Bürger machen sich große Sorgen wegen zu vieler Windräder
Bosch will zwei Windräder in Schwieberdingen bauen – ist das nur der Anfang? Die Bürger befürchten einen Windpark.
Bosch will zwei Windräder in Schwieberdingen bauen – ist das nur der Anfang? Die Bürger befürchten einen Windpark.
Die Windradpläne der Firma Bosch in Schwieberdingen stecken vorerst fest. Der Gemeinderat zog am Mittwochabend nicht mit und vertagte die Entscheidung, Gemeindeflächen im Gebiet Ried zur Verfügung zu stellen. Die Befürchtungen vor Windanlagen, die mit 261 Metern höher sind als der Stuttgarter Fernsehturm mit 217 Metern, sind groß. Bosch muss sich gedulden, auch über ein Bürgerwindrad muss noch entschieden werden.
Die Energiepolitik der Ampelkoalition in Berlin bringt Länder und Kommunen in Zugzwang. Sie will auf Biegen und Brechen das Ziel erreichen, 1,8 Prozent der Fläche für Windkraftanlagen ausweisen zu lassen. Der Verband Region Stuttgart (VRS) und dessen Chefplaner Thomas Kiwitt fungieren als verlängerter Arm: Kiwitt muss den Kommunen schmackhaft machen, in einer formalen Beteiligungsrunde im Herbst mitzuarbeiten.
Der VRS-Planer warb in der Sitzung in Schwieberdingen um Verständnis für die Windkraftpläne vor Ort. „Wir haben eine veränderte Situation: Ging es früher nur um Klimaschutz, steht jetzt die Versorgungssicherheit im Vordergrund.“ Im Windatlas von 2019 für die Region Stuttgart werde gerade das Gebiet im westlichen Landkreis Ludwigsburg mit einer Mindestwindleistung von 215 Watt pro Quadratmeter als lohnenswert eingestuft – neben höher bewerteten Flächen auf der windreicheren Schwäbischen Alb sowie Arealen im Norden des Rems-Murr-Kreises und im Landkreis Böblingen.
Die Entscheidung des Schwieberdinger Gemeinderats war mit Spannung erwartet worden. Bosch plant mit der Firma wpd zwei Windräder, die schon 2026 in Betrieb gehen sollen. Der Konzern ist mit rund 6300 Mitarbeitern am Stammsitz der größte Arbeitgeber von Schwieberdingen. „Man kann Windkraft auch kritisch sehen, aber der Standort ist ideal“, sagte der Bürgermeister Nico Lauxmann. Er warb intensiv für ein Ja, um den Bosch-Hauptsitz mit der regenerativen und autarken Energieversorgung zu stärken. Dabei sieht er Schwieberdingen sogar in einer Vorreiterrolle für die Windkraft – letztlich überwog aber die Skepsis. Die Fraktionen wollen intern diskutieren, bevor sie entscheiden. Ein Antrag auf Vertagung fand nach langer Diskussion eine Mehrheit, nachdem die CDU mit dem gleichen Wunsch zu Beginn nicht durchgedrungen war.
Der VRS-Planer Kiwitt unterstrich die Notwendigkeit für eine Planungsoffensive im Herbst. Überall in der Region wolle er deutlich machen: „In Sachen Windkraft gibt es keine Nulllösung.“ Es könne mit einer jahrelangen Verweigerungshaltung in der Fläche nicht so weitergehen. Kiwitt sprach von einer „Entmachtung“ der Kommunen: Sie dürften in der formalen Beteiligungsrunde Hinweise geben, die Steuerung liege aber bei der Regionalversammlung. Gerade dies schiebe dem Wildwuchs an Windanlagen einen Riegel vor. „Ohne Regionalplanung kann man nicht verhindern, dass Investoren einfach einen Standort wählen.“
Die Schwieberdinger Gemeinderäte hätten die Unterlagen, die Kiwitt präsentierte, gerne im Vorfeld der Sitzung erhalten. Positiv zur Windkraft in der Nähe des Ortes äußerten sich nur die Grünen. Sie hatten im Vorfeld für ein Bürgerwindrad einer örtlichen Initiative geworben. Ihr Antrag, dass Bosch nur Windräder bauen dürfe, wenn das Bürgerwindrad komme, ging dem Rathauschef Lauxmann zu weit: „Wir haben ihn von der Rechtsaufsicht prüfen lassen – er ist schlichtweg rechtswidrig.“ Man stelle sich vor, das Bürgerwindrad würde aus irgendwelchen Gründen nicht errichtet – dann dürfe Bosch auch nicht bauen, argumentierte Lauxmann, der ein Bürgerwindrad als dritte Anlage neben den beiden von Bosch geplanten grundsätzlich befürwortet.
Die drei Windräder sind aber nicht die einzigen, die im Gespräch sind. Auch die Firma Uhl Windkraft plane eine Anlage in der Suchraumkulisse westlich von Schwieberdingen, teilte die Verwaltung mit. Dieses Projekt wolle man aber „kritisch“ prüfen, weil es der Gemeinde Entwicklungsmöglichkeiten nehmen könnte. Auch aus anderen Kommunen im westlichen Landkreis waren Projektplanungen bekannt geworden. Einige Räte befürchten, dass bis zu 20 Windkraftanlagen rund um Schwieberdingen entstehen könnten. Diese Sorge versuchte Thomas Kiwitt zu nehmen: „Auf 20 Windräder komme ich bei Ihnen nicht.“ Trotz vieler Absichtserklärungen handele es sich um einen volatilen Markt, nicht alle Standorte wären wirtschaftlich. „Es wird da noch viel Ernüchterung geben.“ Kiwitt versicherte: Schwieberdingen werde in Nord-Süd-Richtung im Abstand von fünf bis zehn Kilometern kein Windradstandort mehr zugeteilt.
Deutlich wurde in der Debatte: Den Kommunen steht planungsrechtlich ein scharfes Schwert zur Verfügung, um sich gegen Windräder zumindest auf Flächen in ihrem eigenen Besitz zu wehren: Sie können aufgrund des Rechts auf Eigentum Nein sagen.
Die Vertagung sieht Nico Lauxmann nicht unbedingt als Nein an. Er kündigte eine Bürgerinfo an. Bosch habe sich bereit erklärt mit zu informieren, dann werde noch mal im Gremium beraten. „Der Standort ist im Windatlas schon privilegiert – man hätte ihn durchaus beschließen können.“
Potenzial
Das Windpotenzial von Flächen in den Landkreisen der Region Stuttgart wird im Windatlas 2019 genannt. Gegenüber dem Windatlas von 2011 hat sich die Zahl der geeigneten Flächen stark erhöht. So sind von den rund 66 700 Hektar des Landkreises Ludwigsburg nicht mehr nur 4,5 Prozent, sondern nunmehr 26,6 Prozent für Windkraftanlagen geeignet.
Region
Die Werte der Landkreise in der Region Stuttgart bewegen sich zwischen 13,6 Prozent im Rems-Murr-Kreis und 63,4 Prozent im Kreis Böblingen. Der Kreis Esslingen weist 26,4 Prozent auf, der Stadtkreis Stuttgart 41,4 Prozent und der Kreis Göppingen 45,6 Prozent. Der Durchschnitt der Region liegt bei 33,9 Prozent.