Bregenzer Festspiele Die Nachtseite der Vernunft

Schrägen Prüfungen müssen sich Pamina (Gisela Stille, im Glaskasten) und Tamino (Norman Reinhardt) in Sarastros Reich unterziehen. Foto: Bregenzer Festspiele 13 Bilder
Schrägen Prüfungen müssen sich Pamina (Gisela Stille, im Glaskasten) und Tamino (Norman Reinhardt) in Sarastros Reich unterziehen. Foto: Bregenzer Festspiele

Faszinierende Bühnenbilder in Bregenz: David Pountney erzählt in berückenden Bildern Mozarts „Zauberflöte“ als ein Drama um Macht, Liebe und den Terror wild gewordener Weisheitspriester.

Kultur: Tim Schleider (schl)
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Stuttgart - Drei riesige Höllenhunde bewachen neuerdings Vorarlberg. Und? Ist das verwunderlich? Das Faszinierende an den Bregenzer Seebühnen jüngerer Zeit ist ja, dass sich die Bühnenbildner immer wieder die verrücktesten Sachen ausgedacht haben. Und wenn sie fertig waren, hat kein Mensch je gefragt, was das dort eigentlich zu suchen hat. Es ist halt Kunst. Es ist halt Bregenz. Festspielzeit.

Darum diesmal drei Höllenhunde mit langen Hörnern, buntem Fell, Glupschaugen und scharfem Gebiss – der südafrikanische Bühnenbildner Johan Engels hat sich das einfallen lassen, inspiriert von uralten mythischen Geschichten und der ­modernen Street-Art seiner Heimat. Den mitteleuropäischen Betrachter mag es eher an Monsterknautschfiguren aus dem Kinderzimmer erinnern, einerlei. Denn die eine wie die andere Spur führt uns schnurstracks in jene knallbunte Märchenwelt voller Abenteuer und Gefahren, in der David Pountney, der Intendant der Bregenzer Festspiele, Wolfgang Amadeus Mozarts „Zauberflöte“ spielen lässt – für ein Publikum, das, so teilt der Regisseur in 140 höchst kurzweiligen Minuten mit, vor manchem in der Welt Furcht haben kann, aber ganz sicher nicht vor der Oper.

Die Geschichte wird schlüssig erzählt

Auch auf der großen Plattform unterhalb der Hunde, dem überdimensionierten Panzer einer Schildkröte, geht es darum spektakulär zu. Aus einem Blätterwald kriechen Schlangen und Vogelfänger hervor, leuchten Tieraugen auf oder reiten riesige Damen auf ihren gepanzerten Drachen (alles erdacht von der Kostümbildnerin und Puppendesignerin Marie-Jeanne Lecca, phänomenal), krachen Böller und Raketen, fliegen Menschen und Mutanten. ­Während gleich darauf drei engelsgleiche Knaben mit großen Puppenköpfen wunderschön singend in einem Kahn vorbeischippern. Oder sich überhaupt die ganze Bühne dreht, die Königin der Nacht auf einem riesigen Auge meterhoch in den Nachthimmel wächst und dazu ihre berühmte Arie bringt. Nein, viel tuscheln darf man hier mit seinem Sitznachbarn nicht. Sonst hat man schon wieder etwas verpasst.

Vieles gelingt Pountney. Die erste große Leistung: er erzählt die Geschichte der „Zauberflöte“ schlüssig. Und das ist bekanntlich gar nicht einfach bei einem Libretto, das ungefähr so wie beim üblichen TV-„Tatort“ dem Zuschauer ungefähr zur Hälfte mitteilt, dass alles bisher Gezeigte gar nicht so gemeint war und die gerade noch Hochverdächtigen in Wirklichkeit reinste Unschuldslämmer sind (und umgekehrt). Britisch-gewitzt zieht sich Pountney aus der Affäre, indem er uns schon zur Ouvertüre die Vorgeschichte der „Zauberflöte“ erzählt: Da sehen wir die Königin der Nacht und den Weisheitspriester Sarastro am Sarg des Zauberers; hier die Vertreterin vor-vernünftiger Macht, dort den Lordsiegelbewahrer der Weltvernunft, und während sich der Deckel noch schließt, fängt auch schon der Streit ums Erbe an, um die Welt- und Himmelsscheibe – und um Pamina, die Tochter, die Zukunft.




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