Schlechte Nachrichten für alle, die im Schwäbischen Wald auf Breitband angewiesen sind: Der dortige Ausbau schneller Internetverbindungen hat einen herben Rückschlag erlitten. Der Anbieter Hello Fiber, der in mehreren kleinen Orten in den Kreisen Rems-Murr, Esslingen und Reutlingen Glasfaseranschlüsse verlegen sollte, zieht sich komplett aus dem Glasfaser-Ausbau zurück. Laut Holger Niederberger, dem Bürgermeister des betroffenen Berglen, hat sich der Eigentümer von Hello Fiber – der ehemaligen Unitymedia-Besitzer Liberty Networks – entschlossen, den Glasfaser-Ausbau durch Hello Fiber nicht mehr zu finanzieren. „Als Gründe wurden insbesondere die geänderten makroökonomischen Rahmenbedingungen wie Inflation, Zinsen, Baukosten und Baukapazität genannt“, so Niederberger.
Der Anbieter verspricht weiterhin Glasfaser-Internetanschlüsse
„Dieser Schritt kommt für uns sehr überraschend, da noch Anfang Dezember konkrete Gespräche über die Ausbauschritte stattgefunden haben und eine sehr groß angelegte Verkaufsakquise durch Hello Fiber erfolgte“, meint auch der Althüttener Bürgermeister Reinhold Sczuka. Noch vor vier Wochen lagen Flugblätter mit Hello-Fiber-Werbungin den Briefkästen. Der Website des Unternehmens ist der Projektstopp auch nicht anzumerken. „Produkt ist für diese Adresse verfügbar“, meldet die Homepage noch immer, wenn man beispielsweise Adressen in Althütte, Berglen oder Rudersberg angibt. Der Anbieter verspricht auf der Seite weiterhin Glasfaser-Internetanschlüsse bis in die Häuser der Kunden, mit Downloadgeschwindigkeiten von bis zu 1000 Mbit pro Sekunde: „Bis Ende 2024 werden die Haushalte und Gewerbetreibende von Rudersberg, Berglen und Althütte an das Glasfasernetz von Hello Fiber angeschlossen.“ Auch in Grafenberg (Kreis Reutlingen), Großbettlingen und Kohlberg (Kreis Esslingen) wollte Hello Fiber eigentlich binnen zwei Jahren 236 Kilometer Glasfaserkabel verlegen und mehr als 15 000 Haushalte versorgen.
Keine Zusatzkosten für Gemeinden – aber ein Rückschlag
Die Firma war vollmundig ins Rennen gegangen, als sie mit den Gemeinderäten Absichtserklärungen unterzeichnete. Trotz des sportlichen Zeitplans von 24 Monaten waren die Rathäuser und wohl auch viele Einwohner der genannten Orte optimistisch und gaben Hello Fiber den Vorzug gegenüber anderen Anbietern – obwohl die Firma erst im Jahr zuvor gegründet worden war. Hello Fiber versprach damals, das Vorhaben ohne eine Vorvermarktungsquote durchzuziehen – also unabhängig davon, wie viele Bürger einen Vertrag abschließen. Laut Reinhold Sczuka war dies einer der Gründe für die Entscheidung, in Althütte mit Hello Fiber zusammenzuarbeiten. „Die Telekom wollte den Ausbau auch nicht eigenwirtschaftlich, sondern mit Steuermitteln realisieren.“
In Rudersberg gab es Ende August gar einen symbolischen Spatenstich, zum Fototermin kamen neben Firmenvertretern auch der Bürgermeister Raimon Ahrens sowie ein Vertreter des Landratsamts. Immerhin: Für die Gemeinden entstehen durch den Rückzieher keine zusätzlichen Kosten. Hello Fiber hat den Ausbau der Breitbandversorgung komplett eigenwirtschaftlich geplant.
„Welche Auswirkungen diese Entscheidung auf bereits geschlossene Verträge der einzelnen Kunden hat, wissen wir noch nicht. Wir erwarten jedoch, dass dieses Thema direkt von Hello Fiber mit den Kunden geklärt wird“, sagt der Rudersberger Bürgermeister. Was nun mit den Straßen passiert, die teils schon für die Leitungen aufgerissen wurden, gelte es ebenfalls zu klären. Reinhold Sczuka geht davon aus, dass zumindest bei den Kunden in Althütte kein wirtschaftlicher Schaden entstanden ist: „Soweit ich weiß, ist da noch kein Geld geflossen.“
Ärgerlich ist das Hello-Fiber-Aus für Rathäuser und Kunden aber dennoch. Schon jetzt sind teilweise kleine Weiler von Althütte, Großerlach, Murrhardt und Sulzbach besser mit Glasfasernetz versorgt als die Kernorte. Der Grund: Sie profitieren von der Kooperation von Deutscher Telekom und der Gigabit Region Stuttgart. Selbst wenn ein anderer Anbieter für den Glasfaser-Ausbau in den Kernorten gefunden wird, wird das superschnelle Netz dort später verfügbar sein als erhofft. „Gemeinsam mit den anderen betroffenen Kommunen und dem Zweckverband Breitband Rems-Murr sind wir in einem engen Austausch, um das wichtige Thema Breitbandausbau bei uns in Rudersberg trotz der enttäuschenden Entscheidung von Hello Fiber mit Nachdruck voranzubringen“, sagt Raimon Ahrens.
Das schnelle Netz auf dem Land
Verfügbarkeit
In Baden-Württemberg verfügen 88,9 Prozent der Haushalte über einen Internetanschluss mit einer Downloadgeschwindigkeit von mindestens 100 Mbit pro Sekunde. Mit 1000 Mbit und mehr surfen allerdings nur 59,5 Prozent der Haushalte. Der sogenannte Breitbandatlas zeigt, wie es um die Internetverbindungen in der Region bestellt ist. Während die Versorgung etwa in Stuttgart und dem Kreis Heilbronn vergleichsweise gut aussieht, klaffen vor allem im Schwäbischen Wald noch Lücken. Ähnlich schlecht ist die Verfügbarkeit nur noch in Kirchheim (Kreis Ludwigsburg) und Frickenhausen (Landkreis Esslingen).
Zukunft
Schnelles Internet ist keine Spielerei, sondern ein echter Wirtschaftsfaktor. Um die Rückstände aufzuholen, hat das Land Baden-Württemberg seit dem Jahr 2016 für 3 170 kommunale Ausbauprojekte insgesamt 1,69 Milliarden Euro an Fördergeld zur Verfügung gestellt. Dazu kamen 1,8 Milliarden vom Bund.