Es ist die Streitfrage schlechthin: Wie rum gehört denn nun die Brezel? Der dicke Bauch nach oben? Oder doch die schmalen Ärmchen? Es ist eine Frage, die Sonja Hart oft gestellt wird. Die Agrar-Ökonomin weiß so ziemlich alles rund um die Brezel – und lernt dennoch jeden Tag Neues über das Lieblingsgebäck dazu. Seit mittlerweile sieben Jahren ist Sonja Hart die Museumsleiterin im Brezelmuseum in Erdmannhausen.
Genau so lange gibt es das kleine Museum in dem 5000-Einwohner-Ort im Landkreis Ludwigsburg auch. Im Juli 2016 eröffnete das weltweit erste Brezelmuseum in der Badstraße 8 in Erdmannhausen – just an der Stelle, an der Emil und Grete Huober die „Erste württembergische Brezelfabrik“ eröffnet und die Brezel als Dauergebäck bekannt gemacht haben. Das war 1950. 66 Jahre später hat deren Sohn Karl Huober an gleicher Stelle das Brezelmuseum eröffnet.
Überraschendes rund um das Thema Brezel
Durch einen Anbau an das ursprüngliche Firmengebäude geht es in das Museum hinein. Drinnen bleibt man erst einmal in dem kleinen Museumsshop hängen, der allerlei Überraschendes rund um das Thema Brezel präsentiert – vom Brezel-Spülschwamm bis zum Brezelschnaps. An der Decke schwebt eine Riesenbrezel aus Weidenästen.
Es brezelt also, und dabei fängt die eigentliche Ausstellung erst noch an. Aber jetzt: Hier gibt es allerlei Wissenswertes und Interessantes – von den Zeichen der Bäckerzünfte bis zu einem Abbild eines Fensters der spätgotischen Hallenkirche in Dinkelsbühl. Es entstand um das Jahr 1465 und zeigt im oberen Bereich sechs gemeißelte Brezeln aus Schilfsandstein.
Oder eine Brezel-Christbaumkugel. Sonja Hart grinst. „Alles, was mit Brezeln zu tun hat, landet letztendlich hier.“ Die Geschichte und dem Mythos der Brezel wird ebenso erzählt wie die des Bäckerhandwerks. Apropos: Selbstverständlich kann man Letzteres auch in der Backstube selbst ausprobieren. Und, so viel sei verraten: Brezelschlingen ist gar nicht so einfach.
Selbst Brezeln backen
Um ein bisschen in die Schling-Bewegung ’reinzukommen, hilft eine Trockenübung mit wollenen Teigwürsten. Sie werden von der Tante des Kurators Frank Lang handgestrickt. Mit echtem Teig – das geht allerdings nur zu bestimmten Terminen oder nach Voranmeldung – sieht das Ganze aber noch mal anders aus. Zumindest als Laie darf man froh sein, wenn das Teig-Gewusel nach dem Wirbel in der Luft halbwegs in Form und gut landet.
Sonja Hart hat als Museumsleiterin schon viele Menschen im Brezelschlingen angeleitet und entsprechend viele Brezeln geschlungen. „Meistens bin ich nicht wirklich zufrieden mit dem Ergebnis“, sagt sie. Andererseits möchte sie es aber auch gar nicht perfektionieren. „Ich versuche, jedes Mal eine andere Brezel zu machen.“
Im weitesten Sinne etwas anderes aus der Brezel machten und machen auch immer wieder Künstler, die sich mit dem Gebäck auseinandersetzen. Auch ein Auszug aus deren Werk darf im Brezelmuseum nicht fehlen. Die Brezel-Kunst von Jürgen Roesner zum Beispiel, die er unter dem Titel „Der Brezel neue Kleider“ ausstellt.
Das Traditionsgebäck den Menschen nahe zu bringen, ist ein Traumjob für Sonja Hart. Auch, wenn sie nie gedacht hätte, dass sie einmal in einem Brezelmuseum landet, wie sie lachend einräumt. Die Agrar-Ökonomin ist bei Huober-Brezel für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und genießt es, als Museumsleiterin „jeden Tag das Gefühl von Heimat vermitteln zu dürfen“.
Und wie herum die Brezel nun gehört?
Es sind täglich neue Leute, die Sonja Hart kennenlernt. Leute, die sie in Erstaunen versetzen darf, dass es so viel über die Brezel zu erzählen gibt. Und viele können auch selbst etwas über die Brezel erzählen, haben Erinnerungen, Fundstücke, Fotos . . . In den sieben Jahren ist einiges zusammen- und so manches neu hinzugekommen. Manche Brezel-Ideen brauchen eben auch ihre Zeit.
Und wie herum die Brezel nun gehört? Bauch nach oben. So landet die Brezel nämlich nach dem Schlingen auf dem Blech. Das persönliche Oben-unten-Empfinden der Museumsbesucher sei aber regional unterschiedlich, hat Sonja Hart beobachtet. Ebenso wie die Optik des Gebäcks – auf dem Oktoberfest ist es groß, in Franken kleiner, die schwäbischen Ärmchen sind oben, die badischen unten und so weiter . . .
Unterwegs in der Region
Serie
Urlaub daheim ist alles andere als langweilig. Die Region Stuttgart bietet vielfältige Möglichkeiten für abwechslungsreiche Tage ohne weite Anreise – für Kulturinteressierte wie für Naturfreunde, für Sportbegeisterte wie für Genießer. In unserer Serie „Der Ferientipp“ stellen wir Ausflugsziele vor. Wetten, dass auch für Sie etwas dabei ist?
Anreise
Das Brezelmuseum in der Badstraße 8 in Erdmannhausen liegt etwa fünf bis zehn Fußminuten von der S-Bahn-Haltestelle Erdmannhausen (S 4 Richtung Backnang) entfernt.
Öffnungszeiten
Das Museum hat samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Termine, sowie Führungen, Brezel-Backen und Geburtstage sind nach Absprache auch wochentags möglich. Infos unter 0 71 44 / 8 88 25 65. Die Ausstellung ist barrierefrei zugänglich. Der Eintritt kostet fünf , ermäßigt drei Euro.
Backen Die nächsten Termine sind am am 16. August und am 4. September, jeweils um 14 Uhr. Dazu ist eine Anmeldung nötig.