Briefe aus der NS-Zeit publiziert Das Buchprojekt war für sie Last und Lust

Von Ralf Recklies 

Madelaine Linden hat eine Auswahl von Briefen, die ihre jüdische Urgroßmutter in den Jahren von 1937 bis 1943 von Hamburg nach Buenos Aires in Argentinien geschickt hat, veröffentlicht. Diese erlauben einen besonderen Blick auf die NS-Zeit.

Madelaine Linden hat Briefe ihrer Urgroßmutter Anna Hess in einem Buch veröffentlicht. das Layout für die Publikation hat sie selbst gestaltet. Foto: Ralf Recklies
Madelaine Linden hat Briefe ihrer Urgroßmutter Anna Hess in einem Buch veröffentlicht. das Layout für die Publikation hat sie selbst gestaltet. Foto: Ralf Recklies

Schönberg - Jetzt bin ich frei“, sagt die Wahlschönbergerin Madelaine Linden und strahlt. Seit der Veröffentlichung des Buches „Anna Hess – Briefe einer jüdischen Hamburgerin an ihre Tochter in Buenos Aires von 1937 bis 1943“ (ISBN 978-3-943941-93-7) im November 2017 sei eine große Last von ihr gefallen, sagt sie. Eine, die sie 32 Jahre mit sich herumgetragen hat. Eine, die ihr zuletzt auch zur Lust, teils zur Obsession wurde. „Ich habe mich 32 Jahre lang täglich mit dem Thema beschäftigt“, sagt Linden. Das „Thema“ ist eines, das primär ihre Familie betrifft, das aber mit Blick auf die deutsche Geschichte auch darüber hinaus Relevanz hat. Denn die 163 Briefe, die ihre jüdische Urgroßmutter zwischen 1937 und 1943 von Hamburg aus an ihre Tochter Martha nach Buenos Aires geschickt hat, sind ein seltenes Zeitzeugnis.

Verleger hat Publikation spontan zugesagt

Die von Linden ausgewählten Briefe hat der in Weilerswist ansässige Dittrich-Verlag veröffentlicht. Eher zufällig war Linden mit dem Verleger Andreas von Stedman in Kontakt gekommen, der spontan zusagte, die Briefe der Urgroßmutter als Buch herauszugeben. Zuvor war Linden, die 1954 in Uruguay geboren wurde, dann in Argentinien lebte und über die Schweiz in den Siebzigern nach Deutschland kam, mit ihrer Publikationsidee bei Verlegern abgeblitzt. „Niemand wollte sich mit den Briefen auseinandersetzen“, sagt Linden. Mal wurde das Thema als zu politisch, mal als zu unpolitisch bewertet, erinnert sie sich an ihre Odyssee.

Ein Denkmal gesetzt

Mit dem Buch „ habe ich meiner Urgroßmutter ein spätes Denkmal gesetzt“, sagt Linden. Zuvor hatte sie aber 2003 schon dafür gesorgt, dass zur Erinnerung an ihre Urgroßmutter, die 1943 im Alter von 88 Jahren aus der Hansestadt nach Theresienstadt deportiert wurde und dort starb, vor dem Gebäude Rothenbaumchaussee 207 in Hamburg ein Stolperstein gesetzt wurde.

Nicht des Denkmals wegen hat Linden die Publikation über Jahre hinweg zu realisieren versucht. Vielmehr war es ihr wichtig, den von Anna Hess in den Briefen dokumentierten Alltag als Hamburger Bürgerin und jüdische Unternehmerwitwe öffentlich zu machen: „Die Briefe zeigen, wie die Welt der Anna Hess täglich kleiner wurde.“

Früh den Wert der Briefe erkannt

Den besonderen Blick auf die NS-Zeit, der sich in den Briefen auftut, hatte Lindens Vater früh erkannt. Er hatte auch in seiner Tochter die Idee gepflanzt, die Briefe zu publizieren. „Weil ich kein Sütterlin lesen konnte“, so die Schönbergerin, habe ihr Vater alle Briefe auf Band diktiert. Linden tippte die Briefe Anfang der Achtziger ab. „Ich habe sie damals aber nicht wirklich verstanden“, gesteht die Mittsechzigerin, die in jungen Jahren wenige Details der deutschen Geschichte kannte. „Bei uns wurde nur von der Zeit vor und nach dem Krieg gesprochen“, sagt sie.

Anna Hess hatte, nachdem ihre Tochter 1937 wegen der Nazis nach Argentinien emigriert war, regelmäßig Briefe nach Buenos Aires geschickt. Madelaine Lindens Vater war bereits 1934 nach Argentinien ausgewandert, ihr Großvater 1936. Dass Anna Hess in Hamburg zurückblieb, wurde zu einer Wunde in der Familiengeschichte.

Blick auf Vergangenheit ist Blick auf Gegenwart

„Ohne Hitler hätte es mich nicht gegeben“, sagt Madelaine Linden heute mit bittersüßem Humor. Nur durch die Flucht der Familie vor den Nazis habe ihr Vater schließlich seine aus Frankfurt stammende Frau in Südamerika kennengelernt. „Und meine Familie verdanke ich Assad“, ergänzt Linden augenzwinkernd – und schlägt einen Bogen zur Gegenwart. Sie und ihr Mann, die keine Kinder haben, haben einen jungen syrischen Flüchtling aufgenommen – „und das war eine der besten Entscheidungen in meinem Leben“, sagt sie. Denn mit den veröffentlichten Briefen, die auch die Flucht anderer Angehöriger dokumentieren, will Linden nicht nur zurückblicken, sondern auch deutlich machen: Die Geschichte droht sich in Teilen auf tragische Weise zu wiederholen. Das Thema Flucht werde oft zu lapidar betrachtet. Wie man heute mit Flüchtlingen umgehe, man über diese urteile, sei bisweilen unfassbar. Die eigene Familiengeschichte habe ihr vor Augen geführt: „Flucht ist für jeden furchtbar.“ Für diejenigen, die gehen, wie für diejenigen, die zurückbleiben. Dies sei heute nicht anders als in der NS-Zeit.

Letzter Brief ging über Scheden nach Argentinien

Den letzten Brief aus Hamburg schickte Anna Hess übrigens über Schweden nach Argentinien. Der am 8. Juni 1943 verfasste Brief kam dort aber erst 1946 an. „Die Olle“, wie Anna Hess laut Madelaine Linden liebevoll in der Familie genannt wurde, lebte da längst nicht mehr.

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