Briefe aus der Ukraine „Tapferkeit hat kein Geschlecht“
Das weibliche Gesicht des Krieges in der Ukraine zeigt ein Buch aus 38 offenen Briefen, die Ukrainerinnen an die freie Welt gerichtet haben.
Das weibliche Gesicht des Krieges in der Ukraine zeigt ein Buch aus 38 offenen Briefen, die Ukrainerinnen an die freie Welt gerichtet haben.
Eine Politikerin und junge Soldatenwitwe, eine Managerin, eine Sängerin, Schülerinnen und Lehrerinnen, ein Model, eine Offizierin, Rettungssanitäterinnen, Wissenschaftlerinnen, eine Journalistin – sie alle und noch mehr haben sehr persönliche Zeilen über den Krieg in der Ukraine verfasst. Die Autorin Aurélie Bros hat 2022 rund 38 Briefe ukrainischer Frauen und Mädchen gesammelt und nun veröffentlicht. So sind unter dem Titel „Wie ein Lichtstrahl in der Finsternis – Briefe von Frauen aus der Ukraine an die freie Welt“ berührende, private und politische Erfahrungen und Gedanken und sehr unterschiedliche Positionen von Frauen während des Krieges in der Ukraine zu lesen. Eingerahmt werden sie von einführenden Worten der Initiatorin Bros, die kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 in die Ukraine ging – sowie von sensiblen Schwarz-Weiß-Fotos.
Brief für Brief entblättern sich persönliche Geschichten, die es Außenstehenden möglich machen, Einblicke in die Lebensrealitäten dieser Ukrainerinnen zwischen 10 und 72 Jahren zu gewinnen. Manche der porträtierten Frauen sind in ihrer Heimat bekannte Persönlichkeiten wie etwa die Scharfschützin und ehemalige Journalistin Olena Biloserska, die selbst ein Buch geschrieben hat: „Tagebuch einer illegalen Soldatin“. In ihrem Brief berichtet sie über den Dienst an der Waffe und was sie nach dem Krieg vorhat: „Die Teilnahme an den Kampfhandlungen ist für mich keine Rache, sondern die Pflicht, als Soldatin mein Land zu verteidigen. Nach unserem Sieg werde ich, wenn ich überlebe, auf jeden Fall eine Fortsetzung meines Buches schreiben. Ich hoffe, es wird in einem freien europäischen Land erscheinen, das die Zivilisation vor den wilden Horden aus dem Osten gerettet hat.“
Die 1995 geborene ukrainische Sängerin Jerry Heil erzählt von ihrer Flucht aus Kiew nach Rumänien, von Hilfsbereitschaft, von ihren proukrainischen Konzerten in Amsterdam und Brüssel, von der Kraft ukrainischer Volkslieder. Überhaupt spielt das europäische Ausland eine große Rolle in vielen Briefen. Einige der Frauen schildern, wie sie den Tag des russischen Angriffs 2022 erlebten. Arbeit, Kinder, Haushalt, Maniküre oder Termine werden abgelöst von Sirenen, Gedanken an die Eltern und das Packen eines Notfallkoffers, wenn dafür noch Zeit war. Wiederum andere Frauen wie etwa die LGBTQIA+-Aktivistin Olha Olschanska berichten vor allem über den schmerzvollen Verlust ihrer Heimat, nachdem sie nach Polen, Deutschland oder Ungarn geflüchtet waren. Olha Olschanska hat sich wie viele andere für den Weg zurück in die Ukraine entschieden. „Nein. Ich habe kein Angst. Ich bin zu Hause, und ich bin glücklich. Wenn es mein Schicksal ist, hier zu sterben, dann soll es so sein. Ich hatte genug Möglichkeiten, die Ukraine zu verlassen, zu emigrieren oder einfach in Deutschland zu bleiben (. . .) aber ich kann und will nicht.“
Ähnlich ging es der mittlerweile 35-jährigen Publizistin, Produzentin und dreifachen Mutter Olha Borawljowa. Schreckliche Odysseen aus der Ukraine hinaus nach Deutschland und wieder zurück hat sie hinter sich und fragt: „Warum sieht die ganze Welt zu wie bei einer Realityshow und stoppt diesen Krieg nicht? (. . .) Ich lebe so gern. Und ich will, dass meine Töchter leben.“ Von Deutschland ist die Marketingfrau enttäuscht. Ihr Brief liest sich wie ein patriotisches Manifest über die Ukraine, ein Land, von dem Deutschland ihrer Meinung nach sehr viel lernen könne. Olha Borawljowa lädt ein, sie zu besuchen: „Sie müssen ein bisschen tiefer in das Wesen dieses Landes und seiner Menschen eintauchen. Und ich bin bereit, Sie dabei zu begleiten, Sie zu beherbergen, so wie Sie mich beherbergt haben. (. . .) Ich erwarte Sie mit offenem Herzen.“
Um die Schilderungen schlimmster Kriegsverletzungen der Rettungssanitäterin Oksana Kortschynska kommt man nicht herum. Das ist vielleicht auch gut so. Sie berichtet bereits seit 2014 von ihren Einsätzen und wie sie nach einem Angriff mit Streumunition auf ein Dorf an Leichenteilen vorbeifährt, von Bombensplittern zerfetzte Körper versorgt, von verletzten Zivilisten, darunter auch ein junges Mädchen, das seine ganze Familie verlor. Vom wundersamen Überleben eines Kollegen und ihrer von russischen Kräften gefolterten und eingesperrten Kameradin Taira, die mittlerweile durch einen Gefangenenaustausch freigelassen wurde.
Die Parlamentsabgeordnete Olha Stefanyschyna hat ihren Mann im Krieg verloren und bittet in ihrem Text um Waffen. Noch mehr bittet sie um Empathie. „Stellen Sie sich vor, dass Sie eines Tages nicht mehr in Ihrer Wohnung leben, in der Sie Zehntausende glückliche Stunden miteinander verbracht haben. (. . .) Der Wohnung, in der Sie sich wohlgefühlt haben. Und in der Sie wahrscheinlich nie wieder leben können. Weil Ihre Familie zerstört wurde von den russischen Invasoren. Stellen Sie sich das vor. (. . .) Niemand auf der Welt ist gegen ein solches Leid wie den Krieg gefeit, der einem in einer Sekunde alles nimmt, was man liebt. Für immer (. . .) Bitte helfen Sie uns (. . .). Wir müssen Russland besiegen. Wir alle zusammen.“
Die 12-jährige Waise Anastasija Seliwanowa beschreibt ihre Zeit im Keller in ihrem Heimatort Mariupol, als die Stadt unter Beschuss stand. „Es war die Hölle . . . es gab kaum etwas zu essen, über dem Feuer wurde Suppe für uns aus dem Wasser gekocht, das aus den Heizkörpern abgelassen wurde.“ Zum Zeitpunkt, als sie den Brief verfasste, lebte sie mit ihrer Tante und Cousine in Polen. Ein Mann hatte sie dorthin gebracht. Er habe eigentlich seine Eltern retten wollen, weil er nicht zu ihnen durchkam, entschied er sich, eine Familie mit Kindern mitzunehmen. Anastasija nennt ihn deshalb „Engel“.
Die Geschichten geben keinen Querschnitt der ukrainischen Bevölkerung wider, auch nicht der weiblichen. Wie Aurélie Bros in ihrem Vorwort schreibt, waren nur jüngere, gebildete Frauen bereit, öffentliche Briefe zu schreiben. Der älteren Generation sitzen Schrecken und Misstrauen gegenüber einem totalitären Regime, unter dem sie aufgewachsen waren, im Nacken, sie hielten das Briefprojekt für gefährlich, so Bros.
Doch der Blick auf die weibliche Seite dieses Krieges ist vor allem auch deshalb interessant, da Männer zum Dienst einberufen werden können und das Land nicht verlassen dürfen. Die weibliche Perspektive zeigt, wie diejenigen, die geflüchtet sind, ohne ihre Partner, Brüder, Söhne und Väter in fremden Ländern versuchen, in Sicherheit zu leben.
Und wie diejenigen, die geblieben sind, versuchen, in ihrer Heimat zu überleben, anderen zu helfen oder auch zu kämpfen. Sie kämpfen gemeinsam mit den Männern für eine freie Ukraine, in der auch die Rolle der Frauen gegen veraltete Geschlechterzuschreibungen verteidigt wird. Oder wie die Menschenrechtsanwältin Oleksandra Matwijtschuk im Nachwort schreibt: „Frauen stehen an vorderster Front in unserem Kampf für die Freiheit. Denn Tapferkeit hat kein Geschlecht.“
Projekt
Die Französin Aurélie Bros ist Expertin für Geopolitik und Energie, sie forscht zu den postsowjetischen Staaten, untersuchte etwa die Exportstrategie von Gazprom über die Ukraine nach Europa und lehrte an verschiedenen Universitäten. Seit März 2022 koordiniert sie ein Hilfsprojekt des „Handelsblatts“, mit dem ukrainische Journalisten in Not unterstützt werden. Dadurch hat sie die Protagonistinnen für das Buch kennengelernt.
Buch
Aurélie Bros: „Wie ein Lichtstrahl in der Finsternis – Briefe von Frauen aus der Ukraine an die freie Welt“. Elisabeth-Sandmann- Verlag, 320 Seiten, 30 Euro.