Barclay James Harvest in Esslingen Les Holroyd sorgt auch mit fast 80 Jahren noch für gute Stimmung

Les Holroyd spielt in Esslingen seine Evergreens. Foto: Roberto Bulgrin

Die britische Progressive-Rock-Gruppe Barclay James Harvest feat. Les Holroyd schlug in Esslingen auf und begeisterte vor allem mit den Hits „Hymn“ und „Life Is For Living“. Das Publikum erinnert sich an eine besondere Zeit, die als „entspannter“ im Gedächtnis geblieben ist.

Ein Hauch von Ironie lag in der Luft. Es war, als ob ein Großteil des Publikums, das zum Konzert von Barclay James Harvest ins Esslinger Neckar Forum geströmt war, in fröhlicher Distanz zu sich selbst unterwegs war. Viele waren über 60, nur wenige unter 50. Natürlich kamen sie auch, um in alten Zeiten zu schwelgen, um verschüttete Erinnerungen auszugraben. Doch schon der Kleidungsstil – das legere Outfit für über 50-Jährige in den 2020er Jahren – zeigte, dass die Veranstaltung weit entfernt war von dem Kult, den beispielsweise Depeche Mode-Partys ausstrahlen, bei denen die Gäste den Eindruck erwecken, ganz im Damals zu versinken.

 

Viele kamen auch nicht von selbst, sondern bekamen ihre Tickets von Freunden oder den Kindern geschenkt, weil diese mitbekommen hatten, dass die Beschenkten in ihrer Jugend Fans dieser Musik waren. So wie Ute Pöhler, die sich beim Hören der Musik an ihren ersten Steh-Blues in den 1980ern erinnert, aber weit davon entfernt ist, ihre Jugend zu glorifizieren. Sie erinnert sich an die guten Momente, aber eben auch „an die unschönen Momente der Pubertät mit den Eltern und die Diskussionen, dass man da nicht hindarf und nicht dorthin darf.“ Annette und Dietmar Deusch kamen aus Rheinland-Pfalz angereist, sie bekamen das Ticket zu Weihnachten von den Kindern geschenkt. Die Musik erinnert sie an ein Alter, „in dem jetzt unser Sohn ist oder sogar noch jünger“. Und wie war die Zeit? „Alles etwas langsamer“, sagt Annette Deusch, und vielleicht war auch das Hörverhalten ein anderes. „Ich kann mich erinnern, dass wir damals die Lieder zehn Mal hintereinander gehört haben.“

Eine Versammlung aus einem anderen Jahrhundert

Es war also eine Versammlung von Menschen aus einem anderen Jahrhundert, deren Kindheits- und Jugendgedächtnis von Aufbruch und Freiheitsdrang geprägt wurde. Einer der Ältesten an diesem Abend stand auf der Bühne. Les Holroyd geht auf die 80 zu und trägt die grauen Haare lang und zottelig. Ähnlich wie eine Patty Smith macht er den Eindruck, immer noch der Alte zu sein, nur eben sehr viel älter. Er gehört vermutlich zu den Rocksängern, die bis zum letzten Atemzug die Gitarre in der Hand halten werden.

Seine Bewegungen auf der Bühne sind gedämpft, auch die Stimme. Großes Spektakel wird nicht geboten. Ab und zu blinkt es in verschiedenen Farben, so, wie es vor einem halben Jahrhundert in den Diskotheken üblich war. Die große Show ist aber auch nicht nötig, denn die Gruppe lebte schon immer von ihrer Musik – die Darbietung wird in solchen Fällen nebensächlich.

Viel Bewegung gab es also nicht, und manchmal wirkte die Bühne mit ihren Musikern und den beiden Gitarristen im Vordergrund sogar wie ein Standbild. Wäre der Ton perfekt gewesen, hätte man meinen können, hier wird gar nicht wirklich gespielt, sondern nur so getan, als ob. Aber es war nicht perfekt, auch nicht der Gesang von Les Holroyd, und gerade deshalb passte an diesem Abend trotz allem, was zeitlich nicht zusammenpasste, irgendwie doch alles zusammen und bescherte der BJH-Gemeinschaft einen sympathischen, erinnerungsträchtigen und musikalisch wertvollen Abend.

Bei dem Song „Hymn“ kam Bewegung ins Publikum

Die Zuhörer saßen geduldig und wohlwollend auf ihren Plätzen, wippten mit den Füßen, bewegten den Kopf ein wenig hin und her. Allein ein einziger einsamer alter Mann in der ersten Reihe stand während des gesamten Konzerts und verdrehte Kopf und Arme im Rhythmus der Musik. Der letzte Fan, der die Distanz zwischen Alter und Jugend aufzuheben vermochte? Nicht ganz. Die ganz großen Hits hob sich die Gruppe für den Schluss auf. Mit „Hymn“ und „Life Is For Living“ kochte es dann doch noch im Saal – kaum noch jemand im Publikum saß mehr auf seinem Stuhl. Es war ein bisschen so, als wären alle gekommen, um „Hymn“ zu hören, auf den Punkt ein wenig auszuflippen und alles andere gerne mitzunehmen.

Svenja Wagner gehörte zu denen, die BJH schon während ihrer großen Erfolge hörte. Es war ihr erstes großes Konzert überhaupt. In der Hand hält sie ein Ticket aus dem Jahr 1982. Damals kostete der Eintritt 25 Mark. „Ich war dort mit meiner besten Freundin. Ich habe sie heute auch schon angerufen, aber sie kann nicht mitkommen, weil sie gerade in Südafrika ist. Das ist ja auch nicht so schlecht.“ Svenja Wagner bezeichnet sich selbst als Musik-Nerd, spielt auch selbst seit einigen Jahren Schlagzeug. Die Musik des Abend „ist ganz ihr Stil, auch wenn sich heute vieles weiterentwickelt“ habe.

Unter das Publikum hatten sich auch einige Jüngere gemischt. Julia Wallentin wurde mit der BJH-Musik „groß gezogen“. Sie findet die Musik „einfach großartig. Es ist inspirierend, es lässt mich aufblühen, es ist die Musik, die mich glücklich macht.“ Obwohl eine andere Generation, knüpft auch sie Erinnerungen an die Band. „Mein Vater ist vor elf Jahren gestorben. Aber er ist insgeheim hier. Er wäre stolz, wenn er wüsste, dass ich hier mit meinen Freunden bin.“

Bei der deutlich schnelleren Musik ihrer Zeit „ist sie raus“. Julia Wallentin hat „schon immer die Musik von früher gemocht. Die heutige Musik macht mich nicht an.“ Die Zeit ihrer Eltern hat sie nicht erlebt, sie ahnt aber, wie es gewesen sein könnte. „Entspannter. Ich wäre gerne in der Zeit groß geworden, wo mein Vater 20 war.“

Die Geschichte von Barclay James Harvest

Gründung
Vor 50 Jahren begann die musikalische Reise von Barclay James Harvest (BJH) in Manchester. Ihr Debütalbum erschien 1970.

Musikstil
Von Anfang an experimentierten BJH mit neuen Formen aus Gitarre, Baß, Drums, Holzbläsern, Streicher und Blechbläser. Später kam ein Mellotron dazu, um den Sound eines Orchesters nachzuahmen. Mit melancholischem Classic-Rock und esoterischen Sphärenklängen schufen sie in ihrer Zeit einen unverwechselbaren Sound. Fans von Barclay James Harvest hörten in der Regel auch die Musik von Moody Blues und Pink Floyd.

Trennung
Barclay James Harvest oder auch BJH ist nicht mehr so zusammen wie sie es in den ersten Auftritten waren. 1998 trennten sich die Musiker. Die Nachfolgebands nannten sich John Lees’ Barclay James Harvest und Barclay James Harvest featuring Les Holroyd. Letzterer gastierte in Esslingen.  

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