Brückeneinsturz in Genua Unglücksbrücke stand schon lange in der Kritik

Die Augenzeugen erzählen von regem Verkehr, der auf der Ponte Morandi herrschte, als diese rund 40 Meter hohe Brücke um kurz vor zwölf Uhr mittags auf einer Länge von etwa 100 Metern einstürzte. Foto: dpa 14 Bilder
Die Augenzeugen erzählen von regem Verkehr, der auf der Ponte Morandi herrschte, als diese rund 40 Meter hohe Brücke um kurz vor zwölf Uhr mittags auf einer Länge von etwa 100 Metern einstürzte. Foto: dpa

Blitzeinschlag? Bauarbeiten? Schwerverkehr? Experten spekulieren über die Ursachen des Einsturzes in Genua. Klar ist: Die Brücke stand seit Jahren unter Beobachtung.

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Genua - Das Bild wackelt, zu sehen sind graue Trümmer, Regen und eine Straße, die ins Nichts führt. „O dio, o dio, o dio“, schreit ein Mann fassungslos im Hintergrund des Videos, das ein Augenzeuge mit seinem Handy aufgenommen hat. Am Dienstagmittag ist im norditalienischen Genua eine vierspurige Autobahnbrücke eingestürzt. Mindestens 22 Personen kamen dabei ums Leben, zahlreiche weitere wurden verletzt. „Wir sehen da unten in den Trümmern Autos, die noch die Scheinwerfer anhaben“, erzählt wenige Minuten später ein Augenzeuge dem Radiosender „Rai uno“. „Es ist eine Katastrophe. Ich habe für das, was ich hier sehe, keine Worte.“

Die Augenzeugen erzählen von regem Verkehr, der auf der Ponte Morandi herrschte, als diese rund 40 Meter hohe Brücke um kurz vor zwölf Uhr mittags auf einer Länge von etwa 100 Metern einstürzte. In ganz Italien herrscht derzeit Ferienverkehr: An diesem Mittwoch ist Ferragosto, Mariä Himmelfahrt, der wichtigste Feiertag, der in Italien traditionell am Meer verbracht wird.

Vor dem Einsturz soll angeblich ein Blitz eingeschlagen haben

Über die Gründe des Einsturzes der Brücke wurde am Dienstag viel spekuliert. In einigen italienischen Medien hieß es, es sei wegen des Unwetters, das zum Zeitpunkt des Einsturzes über Genua wütete, zum Einsturz gekommen. Auch soll kurz zuvor ein Blitz in die Brücke eingeschlagen sein. Auch auf dem Handyvideo eines Augenzeugen ist ein weißer Lichtstrahl zu sehen. Ob es sich aber um einen Blitz handelt, oder ob dieser durch den Einsturz entstand, ist nicht zu sehen.

Auch wurde direkt über strukturelle Probleme des Ponte Morandi diskutiert, der im Jahr 2016 saniert wurde. Die Brücke, die über den Fluss Polcevera, Gleisanlagen und ein Wohn- und Gewerbegebiet führte, wurde am 4. September 1967 nach vierjähriger Bauzeit eingeweiht. Benannt ist sie nach dem italienischen Ingenieur Riccardo Morandi, der die Schrägseilbrücke entworfen hat. Gebaut wurde die Brücke zwischen 1962 und 1967 von der Società Italiana per Condotte d’Acqua. Diese war am Dienstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

An der Sohle der Brücke wird derzeit gearbeitet

Doch die Betreibergesellschaft Autostrade per Italia teilte nach dem Unglück auf ihrer Internetseite mit, dass an der Sohle der Brücke derzeit gearbeitet wurde, um das Fundament der Fahrbahn zu verstärken. Auf der Brücke selbst habe ein Baukran gestanden. „Die Arbeiten und der Gesamtzustand der Brücke wurden ständig überwacht“, heißt es in der Mitteilung. Die Ursache werde gründlich untersucht, sobald die Unglücksstelle sicher betreten werden könne. Der Staatssekretär im Verkehrsministerium Edoardo Rixi sagte in einem Interview mit dem Nachrichtensender SkyNews24: „Es ist inakzeptabel, dass eine so wichtige Brücke nicht in einer Art und Weise gebaut war, dass ein Einsturz ausgeschlossen ist.“

Klar ist: Die Brücke stand seit Jahren unter Beobachtung – und auch seit Langem in der Kritik. „Das Ingenieurswesen ist beim Ponte Morandi gescheitert“, sagte Antonio Brencich, Dozent an der Universität für Ingenieurswissenschaften in Genua. Allerdings sagte er das bereits 2016. „Früher oder später muss diese Brücke ersetzt werden. Es wurden bereits so viele Instandhaltungsarbeiten geleistet, dass es langsam günstiger wäre, etwas Neues zu bauen“, sagte der Experte.

Die Brücke ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt gewesen

„Das Problem des Ponte Morandi ist, dass die Verbindungen der Seile aus Beton sind und nicht aus Metall“, sagte Diego Zoppi, Mitglied des Nationalen Rates der Architekten am Dienstag. „In den 1960er Jahren hat man nicht in Betracht gezogen, dass Beton sich senkt und dann zusammenfällt. Vor 50 Jahren hatte man noch alles Vertrauen in den Beton gesteckt – auch darin, dass er ewig hält. Heute weiß man, dass er nur wenige Jahrzehnte überdauert.“

Die Brücke, die Teil der Autobahn 10 entlang der Riviera war, war ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt für Genua. Durch den wirtschaftlichen Aufschwung des Hafens sind auch vermehrt Schwertransporte darüber gefahren, ein weiterer Punkt, über den nun spekuliert und diskutiert wird, ob er zum Einsturz beigetragen haben könnte. Doch am Dienstag ist vor allem die Trauer und die Fassungslosigkeit groß und über Ursachen wollen viele noch nichts wissen. „Non c‘è piu il ponte, die Brücke gibt es nicht mehr“, sagt ein Retter. „Es ist schlicht unfassbar.“




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