Brückenknatsch in Esslingen Alicensteg: Wurden die Stadträte ausgetrickst?

Die Putzaktion der Wanderfreunde wird zum Abriss-Argument. Foto: Roberto Bulgrin

In Esslingen tobt ein Streit über den geplanten Abriss des Alicenstegs. Der Rathausverwaltung wird vorgeworfen, dass sie Gemeinderäte nicht vollständig informiert hat.

Chefredakteur: Johannes M. Fischer (jmf)

Esslingen - Andreas Fritz, Gemeinderat der Grünen, klingt enttäuscht. Es hatte ihn auf dem falschen Fuß erwischt, als der Ausschuss für Technik und Umwelt Ende Januar eine überraschende Entscheidung traf. „Damit habe ich nicht gerechnet.“

 

Zur Abstimmung stand der Abriss des Alicenstegs – ein von vielen Esslingern geliebter Fußweg, der vom Stadtteil Zollberg über die die Stadt teilende Dreifachhürde aus B 10, Neckar und Bahnlinie hinweg in den Merkelpark und die Innenstadt führt. Der Ausschuss stimmte für den Abriss – gegen die Stimmen der Linken und Grünen, mit den Stimmen von Freien Wählern, CDU und FDP. Die SPD stimmte – für Fritz überraschend – nicht einheitlich ab: Während die Abgeordnete Heidi Bär gegen den Abriss votierte, entschied sich Andreas Koch dafür. Seine Stimme gab, wie Koch selber einräumt, „den Ausschlag“.

Ebenso schlimm wie die Entscheidung selbst ist für Fritz und den Stadtrat Tobias Hardt von den Linken die Art, wie der Beschluss zustande kam. Sie finden, dass die Gemeinderäte nicht eindeutig informiert wurden. Die Verwaltung habe etwas „konstruiert“, was dann letztlich zu der Abrissentscheidung geführt und „dem Steg den Todesstoß versetzt“ habe, so Fritz.

Gefahr in Verzug?

Das wichtigste Argument der Verwaltung für den Abriss lautete: „Gefahr in Verzug“. Weil eine kleine Putzkolonne Anfang Januar einen gesperrten Waldweg, der vom Zollberg zum Steg führt, sauber gemacht hätten, sei der Steg für Spaziergänger noch attraktiver geworden. Täglich gingen nun Menschen über den Alicensteg, der über die viel befahrene B 10 führt. Auf der Brücke sei der Belag lose, Teile davon könnten von Passanten auf die Fahrbahn gestoßen werden, was zu „fatalen Unfällen“ führen könnte, so ein Mitarbeiter des Tiefbauamtes.

Lesen Sie auch den Kommentar zum Abriss des Alicenstegs.

Gemeinderäte wie Fritz oder Hardt hegen Zweifel am Argument „Gefahr in Verzug“. Fritz erinnert an einen anderen abgerissenen Steg an der Frauenkirche. Auch hier sei von „Gefahr in Verzug“ die Rede gewesen. Im Nachhinein habe sich allerdings gezeigt, dass der Fußgängerweg mitnichten baufällig gewesen sei.

Die von der Verwaltung angeführte Baufälligkeit sowie die hohen Sanierungskosten – ungleich höher als die Abrisskosten – waren für Koch die entscheidenden Argumente, sich für den Abriss auszusprechen. Koch betont allerdings auch, dass er sich für einen „neuen Alicensteg ausgesprochen“ hätte. Jedoch steht die Frage im Raum: Darf der Steg überhaupt noch einmal gebaut werden, wenn er erst einmal abgerissen worden ist?

Verhindert die B 10 einen Neubau?

Hardt bezweifelt das. Und das hat etwas mit der B 10 zu tun. Im Bundesverkehrswegeplan gibt es nämlich die Option, dass die B 10 sechsspurig ausgebaut wird. Hardt ist sicher: „Es werden keine neuen Bauwerke genehmigt, die diesen Ausbau der B 10 stören könnten.“ Er schließt die rhetorische Frage an: „ Warum wurde dieser Fakt in der Beschlussvorlage nicht erörtert?“

Jörg Exner vom Fußgänger-Lobbyverein „Fuss e.V.“ vermutet, dass die Gemeinderäte ausgetrickst wurden: „Die Abstimmung im Ausschuss wäre anders verlaufen, wenn den Rätinnen und Räten dieser Umstand bekannt gewesen wäre.“ Einen Neubau des Alicenstegs hält Exner „auf absehbare Zeit für ausgeschlossen, zumindest aber höchst fraglich, weil links und rechts der Fahrbahn ein Korridor freigehalten werden muss – auch wenn der B-10-Ausbau nie kommt.“

Koch kann die Aufregung nicht nachvollziehen. „Umgekehrt wird – salopp ausgedrückt – ein Schuh daraus“, erklärt er. „Der Neubau eines Stegs könnte für die zuständigen Behörden den Anlass bilden, von den absurden Ausbauplänen endgültig Abschied zu nehmen.“ Wie unversöhnlich sich die Alicensteg-Lager gegenüberstehen, macht das abschließende Urteil von Fritz deutlich: Der Tag der Entscheidung, der 25. Januar, „war ein schwarzer Tag für die Fußgänger von Esslingen“.

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