Brüdergemeinde Irritationen kurz vor erstem Treffen mit Heimopfern

Von und Julia Schweizer 

Die Brüdergemeinde hat einen Ombudsmann benannt, die mit der Leitung der Aufarbeitung der Heimgeschichte beauftragte Professorin ihn zu einem Treffen eingeladen. Die Betroffenen haben erst mit der Tagesordnung davon erfahren – und sind irritiert.

Die ehemaligen Heimkinder haben sich bereits untereinander getroffen und besprochen –  Mitte Januar kommen Vertreter von ihnen erneut nach Korntal, um über die Strukturen für die Aufarbeitung zu sprechen. Foto: jsw/Archiv
Die ehemaligen Heimkinder haben sich bereits untereinander getroffen und besprochen – Mitte Januar kommen Vertreter von ihnen erneut nach Korntal, um über die Strukturen für die Aufarbeitung zu sprechen. Foto: jsw/Archiv

Korntal-Münchingen - Die Evangelische Brüdergemeinde Korntal hat einen weiteren Namen im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Heimgeschichte genannt. Damit hat sie erneut Irritationen ausgelöst – wenige Tage vor dem ersten Treffen aller Beteiligten, auf dem große Hoffnungen ruhen. Daran teilnehmen soll auch Wolfgang Vögele, ein früherer Vorsitzender Jugendrichter. Er wird auf der Agenda für das Treffen als Ombudsmann genannt – doch diese Personalie ist keineswegs gesetzt.

„Die haben das einfach so bestimmt“, kritisiert Detlev Zander, einer der Sprecher der Interessengemeinschaft (IG) Heimopfer, der erst durch die Tagesordnung den Namen erfuhr. „Wir hatten uns darauf geeinigt, dass der Ombudsmann am 13. Januar vorgestellt wird.“ Das sei vergleichbar mit der Verkündung von Mechthild Wolff via Pressemitteilung als Leiterin der Aufarbeitung der Heimgeschichte. Die Brüdergemeinde hatte den Vorwurf des Alleingangs – oder: Bevormundung, je nach Sichtweise – damals damit gekontert, dass man sich nur bei der Suche nach dem noch immer nicht gefundenen Mediator verständigen wollte. Auch nun weist sie Zanders Kritik zurück. Man habe Vögele nur vorgeschlagen und wolle ihn der IG Heimopfer vorstellen, um dann gemeinsam zu besprechen, wie die Aufarbeitung stattfinden könne, sagt der Sprecher der Brüdergemeinde, Manuel Liesenfeld. Zudem habe Vögele noch nicht zugesagt – „aber die Zeichen stehen gut“. Der Richter sei wegen seiner Erfahrung beim Thema Missbrauch und beim Umgang mit Opfern empfohlen worden. „Es braucht Glück, solche Kapazitäten zu bekommen“, sagt Liesenfeld.

Doch auch abseits der aktuellen Aufregung verläuft der Aufarbeitungsprozess nicht reibungslos. Denn es gibt auf beiden Seiten Kräfte, die die Erinnerung an die Ereignisse am liebsten ruhen lassen möchten. Öffentlich reden will über diese Sichtweise momentan freilich niemand – zu zaghaft sind die Bande, die beide Seiten in den vergangenen Wochen geknüpft haben, zu groß die Angst, dass das Treffen, das Mechthild Wolff initiiert hat, platzen könnte.

„Das wird ein wichtiger Termin“, sagt die Professorin, „die Aktien stehen für alle ganz gut. Aber wir müssen erst ein gutes Gespräch führen und brauchen eine Vertrauensbasis“, sagt sie – und ist alles andere als erfreut über die vorzeitige Nennung Vögeles in der Öffentlichkeit. „Das Treffen wäre ein erster großer Schritt, ich will viel dazu beitragen, dass er gelingt“, sagt auch der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde, Klaus Andersen. Die Personalie Vögele sei daher auch nur als ein „Angebot“ zu verstehen. Andersen selbst wird wie Vögele erst später zu dem Treffen zwischen Heimopfern und Wolff dazustoßen.

Auch Detlev Zander weiß um die Wichtigkeit: „Wenn das scheitert, gibt es keine Aufarbeitung. Denn die geht nur mit uns.“ Er ist allerdings skeptisch, was Vögele angeht. „Bei vielen Opfern ist einfach das Vertrauen nicht da, und wenn sie hören, dass die Brüdergemeinde wieder jemanden vorgeschlagen hat, machen sie zu. Zudem haben viele Angst, einer solchen Persönlichkeit wie einem Richter nicht gewachsen zu sein.“ Er könne sich deshalb vorstellen, dass Mechthild Wolff neben der historischen Aufarbeitung auch die Rolle des lange gesuchten Mediators übernehmen könne. „Ich glaube schon, dass Frau Wolff das schaffen kann.“