Buch „Musterbruch“ von Patricia Cammarata Väter, bitte das U-Heft der Kinder suchen!

„Wahre Liebe weiß, wo das U-Heft liegt“, schreibt Autorin Patricia Cammarata. Foto: Sophie Weise-Meißner

Diplompsychologin Patricia Cammarata hat das Thema gleichberechtigte Elternschaft mit groß gemacht, nun will sie in ihrem Buch „Musterbruch“ Müttern und Vätern erneut helfen, sich Aufgaben fair zu teilen. Dabei spielt auch das Untersuchungsheft eine Rolle.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Was Patricia Cammarata von Vätern und Müttern fordert, welche Muster sie erklären und brechen will, steht bereits in der Widmung ihres Buches. Dort schreibt sie an ihren Partner: „Marcus, seit ich mit dir zusammen bin, weiß ich: Wahre Liebe muss nicht wehtun, wahre Liebe weiß, wo das U-Heft liegt.“

 

So wird auch gleich der anschaulich Rat gebende und jedermanntaugliche Charakter von „Musterbruch“ (Beltz-Verlag, 21 Euro) deutlich. Cammarata versteht es im positiven Sinne als „Klolektüre“ – lesbar in familienfreundlichen Zeithäppchen, weil Eltern halt abends oft zu müde sind, sich Hochtheoretischem am Stück zu widmen.

Treiberin der Debatte um Mental Load

Tatsächlich eignet sich aber gerade das U-Heft, also das gelbe DIN-A5-Heftchen, in dem die Vorsorgeuntersuchungen U1 bis U9 für Kinder verzeichnet sind, hervorragend, um das Themenfeld der gleichberechtigten Elternschaft und ihrer Schieflage abzumessen, in dem sich Patricia Cammarata mit Artikeln, Vorträgen und Büchern bewegt.

Schon zuvor als Autorin für Elternthemen bekannt, ist die 49-jährige Diplompsychologin seit etwa sechs Jahren Treiberin und Teil der Debatte über jene Frage, warum Mütter, mittlerweile großteils erwerbstätig, weiterhin den Löwinnenanteil der Sorge- und Hausarbeit übernehmen, ebenso wie den sogenannten Mental Load, also die Denk- und Manageaufgabe drum herum. Warum also hat in vielen Familien sie die U4 oder U5 im Kopf, vereinbart Termine und nimmt sie wahr – während er nicht weiß, wo das Heftchen liegt? Und wie lässt sich das ändern? Denn in Zeiten von Fachkräftemangel, Altersarmut von Frauen und überlaufenden Mütter-Kind-Kuren wird die unbezahlte Arbeit daheim auch zum gesellschaftlichen Problem.

Frauen zu Kümmerarbeit erzogen

„Musterbruch“ ist eine Bestandsaufnahme der Ungleichheit (eine 34-jährige Frau übernimmt täglich 5 Stunden 18 Minuten Sorgearbeit, ein gleich alter Mann 2 Stunden 31). Aber das Buch beschreibt auch Gründe und liefert Ideen, es anders zu machen. Die Autorin trägt manches zusammen, was anderswo (bei Mareice Kaiser, Laura Fröhlich oder Franziska Schutzbach) schon zu lesen war. Etwa, wie Frauen zur Kümmerarbeit erzogen werden, wie sie ihnen von außen als originär-biologische Zuschreibung in die Wiege gelegt wird. Trotzdem ist diese leicht verständliche Zusammenschau kultureller und struktureller Erklärungen erhellend, vor allem in ihren psychologischen Details. So beschreibt Cammarata anschaulich, wie komplex die Männer- und Frauenbilder der Eltern auf kindliche Identitätsbildung wirken.

Die Tipps, wie sich gleichberechtigte Elternschaft leben lässt, konzentrieren sich vor allem auf das private Aushandeln der Paare, die sich Muster klarmachen und dann Aufgaben wahlweise abgeben oder einfordern müssen. Damit, so Cammarata, beginnen sie bitte unbedingt vor der Geburt und in einer paritätisch geteilten Elternzeit.

Auch Politik und Wirtschaft in der Pflicht

Entlässt dieser individuelle Schwerpunkt Politik und Wirtschaft aus der Pflicht? Nein, sie werden von der Unterzeichnerin des Equal-Care-Manifests an ihre Versprechen (Förderung gleichberechtigter Elternschaft als Ziel im aktuellen Koalitionsvertrag) und Aufgaben erinnert. Die Autorin fordert nur Eltern auf, darauf nicht zu warten. Denn das U-Heft findet Mann ohne staatliche Anreize.

Patricia Cammarata liest am Sonntag, 25. Februar, um 11 Uhr im Merlin in Stuttgart aus „Musterbruch“. Infos unter : www.merlinstuttgart.de

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