Wenn sich die Städte von Handelszentren zu sozialen Orten wandeln, dann müssen sich die Buchhandlungen mit ihnen wandeln. Deswegen stehen im Verkaufsraum der Bücherei Schäufele in Herrenberg ein Tisch und zwei Stühle. Auf dem Tisch steht ein schönes, gerahmtes Foto von Hansjörg Schäufele – dem Firmengründer, dem Kollegen, dem Leuchtturm, dem Mann, der die Liebe zu Büchern ausstrahlte und seiner Belegschaft und seiner Kundschaft mitgab. Vor dem Bild stehen zwei Kerzen. Schäufele ist im August gestorben – jetzt haben die früheren Mitarbeiterinnen Eva Roll und Eva Freimann das Geschäft übernommen.
Eine alte Dame mit einer typischen Frage
Ein Wagnis, in der Zeit des Ladensterbens und des Internetbuchhandels – sollte man meinen. Oder? „Kein Wagnis“, sagen die beiden Frauen. Weil, wie sie ausführen, die Buchpreisbindung in Deutschland die kleinen Läden schütze. Und weil, wie schnell klar wird, wenn man in ihrem kleinen Laden steht, sie ihre Buchhandlung als sozialen Ort verstehen.
Palim – die Ladenglocke klingelt. Eine Kundin kommt herein mit einer Frage, die für Buchhändler zum Klassiker gehört. Der weniger professionelle Zuhörer kann da schon mal schmunzeln. „Haben Sie ein Buch für eine alte Frau?“, fragt also diese alte Frau ganz ohne Ironie. Eva Freimann steht auf. Sie kennt die Kundin, weiß was sie gerne liest, und kennt deswegen Bücher, die ihr gefallen könnten.
Das Programm hat tatsächlich eine eigene Handschrift und ist damit weg von den Bestseller-Listen der Magazine. Interessant, auch, dass sie tatsächlich noch Klassiker führen. Der „Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil, steht schwarz im Regal, in einem roten Umschlag sieht man den „Ulysses“ von James Joyce. „Wir erarbeiten unser Programm zusammen mit den Verlagsvertretern“, sagt Eva Freimann. Das Geschäft ist gut besucht, ständig läutet die Ladenglocke – obwohl die Buchhandlung Schäufele erst am 2. Januar offiziell neu eröffnet. Unter der Führung der beiden Damen und der Verkäuferin Anke Blickle.
Lesungen in Planung
Die gediegenen Regale stammen noch von Hansjörg Schäufele. Gut ist, dass sie so stabil sind. Denn sie könnten als Sitzgelegenheit dienen, wenn die es bald Lesungen mit Autoren in der Buchhandlung gibt. Zwar sind Lesungen für Buchhandlungen oft ein Verlustgeschäft, weil die Zahl der verkauften Bücher und der Eintritt weniger einbringen als das Autorenhonorar kostet. Aber es geht bei diesen Terminen nicht nur um Schwarz und Rot im Kassenbuch. Die zwei Buchhändlerinnen sehen sich eben auch als kulturelle Institution. Und außerdem denken sie, dass sie so Hansjörg Schäufeles Lebenswerk am besten gerecht werden. Das ist auch im Sinne seiner Familie, die den Beiden die Betriebsübernahme ermöglicht hat.
Palim – die Ladenglocke klingelt erneut. Ein Mann kommt durch die Tür, er schiebt einen Designerstuhl vor sich her. Er hat gesehen, dass beim alten Stuhl im Laden das Plastik zerbröselt ist – und weil er genau den gleichen Stuhl hat, schenkt er ihn den Damen. Das Möbel wird Teil einer Sitzecke werden, die ebenso gut zur sozialen Komponente der Buchhandlung passt, wie die Kaffeemaschine, die dort einmal stehen soll.
Hilfe? Selbstverständlich!
Man kennt sich in der Buchhandlung, und die Herrenberger treffen sich dort, auch zum Plausch. Die meisten der Kunden sind Stammkunden bei Schäufele, und weil die drei Frauen schon seit Jahren dort arbeiten, wissen sie, womit die Leselust ihrer Kunden befriedigt wird.
Palim – und wieder klingelt die Glocke. Ein Mann, Laptop und Outdoor-Jacke, kommt rein. Er stellt die EDV zur Verfügung, für die Inventur, die jetzt ansteht. Er tut das – natürlich – ohne Bezahlung, man kennt sich schließlich.
Ein Leben für die Handlung
Bei Hansjörg Schäufele waren Eva Roll und Eva Freimann angestellt, nun sind sie ihre eigenen Chefinnen. Eva Freimann kommt aus einer Buchhandelsfamilie, kann sich keinen besseren Beruf vorstellen. So wenig wie Eva Roll: Sie hat nach einer Lehre bei einem Buchhändler Germanistik und Geschichte in Tübingen studiert, und ist dann zurück in den Buchhandel. Eine Zeit lang wollte sie ins Verlagswesen gehen, doch ihre Familie brauchte sie mehr als das verlegerische Wesen. Heute ist sie froh über ihre Kinder, von denen sie nun, wenn man so will, ein weiteres hat: die Buchhandlung Schäufele.
Palim – die Glocke klingelt.