Kennen Sie Jebenhausen? Oder Braunsbach? Die Städte Bad Buchau und Rottweil dürften vielen bekannter sein. Von Ulm und Stuttgart gar nicht zu reden. Das sind nur einige von insgesamt 31 Städten und Gemeinden, in die das Buch „Jüdisches Leben in Württemberg. Gestern und Heute“ mitnimmt auf eine spannende Entdeckungsreise. Auf Spuren, die belegen, dass die Geschichte der hier ansässigen Juden weit ins Mittelalter zurückreicht, und dorthin, wo heute wieder jüdisches Leben erblüht. Nach und trotz der Shoah, deren Schrecken nicht ausgeblendet werden.
Ein Jubiläum als erster Schritt
Ein Jubiläum habe ihn dazu motiviert, sagte der Autor und Herausgeber Martin Janotta bei der Buchvorstellung im Evangelischen Medienhaus: Als 2021 in Deutschland „1700 Jahre jüdisches Leben“ gefeiert wurden, habe er als Redakteur des Evangelischen Gemeindeblattes das Augenmerk auf die engere Heimat gerichtet und die Serie „Jüdische Spuren“ initiiert. Sie erschien Woche für Woche, geschrieben von einem Dutzend Autorinnen und Autoren, von den Lesern geschätzt und für eine baldige Entsorgung zu schade. Zwischen zwei Buchdeckeln gesammelt, ergänzt mit der Einführung in die Geschichte des Judentums in Württemberg von dem Judaisten und Mitherausgeber Josef Herbasch, sind sie jetzt als lohnendes und lehrreiches Lesebuch eine Einladung und ein Reiseführer zugleich.
Inventar einer Synagoge in Kirche
Zum Beispiel nach Jebenhausen. Hier entdeckte Janotta Ungewöhnliches: Eine Dorfkirche, die 1992 als „Jüdisches Museum Göppingen“ eröffnet worden ist und aus der eine Stahlkonstruktion ragt, die den Davidstern symbolisiert. „Die Kirchenbänke und Kronleuchter sind aus der alten Synagoge“, erzählt Janotta, „denn als die jüdische Gemeinde ihre Synagoge am Ort 1899 aufgegeben hat, schenkte sie Bänke und Leuchter der evangelischen Gemeinde“. Die nahm dankend an. Das verrate doch viel über das Zusammenleben von Christen und Juden. Der Ausleger vom koscheren Wirtshaus „König David“, ein prachtvoller König mit seiner Harfe, sei das Prunkstück im Museum.
Oder nach Braunsbach. Ein Dorf am Kocher, in dem Ende des 19. Jahrhunderts etwa 900 Menschen lebten, zu je einem Drittel evangelisch, katholisch und jüdisch, wie Autorin Friederike Höhn im kleinen Rabbinatsmuseum erfahren hat. Ein Foto aus dessen Bestand zeigt vier honorige Herren: Den evangelischen Pfarrer, den katholischen Pfarrer, den Bezirksrabbiner und den Doktor, die sich regelmäßig im evangelischen Pfarrhaus zum Tarock trafen. In trauter Harmonie. Jüdischen Viehhändlern und Geldverleihern sei allerdings generell Misstrauen wegen unterstellter betrügerischer Absichten entgegengebracht worden.
Synagoge mit Glockenturm
Und nach Bad Buchau, wo einst eine Synagoge mit einem Glockenturm und einer Glocke stand, über die Josef Herbasch staunt: Glocken seien eigentlich unvereinbar mit dem jüdischen Kult. Die Synagoge wurde am 9. November 1938 ein Raub der Flammen. Das Grundstück, heute ein Park, gehört der Familie Einstein. Siegbert Einstein (1889-1968), ein Großneffe Albert Einsteins, ist auf dem jüdischen Friedhof begraben.
Jüdische Gemeinden gibt es heute weder dort noch in vielen anderen Orten der Spurensuche. Dafür aber in Rottweil, wo Martin Janotta eine lebendige Gemeinde vorfand, aus dem Nichts gegründet von russischen Zuwanderern. Und natürlich in Stuttgart, Sitz der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW), und den Zweigstellen Ulm, Esslingen, Reutlingen, Heilbronn. Den Einblick ins Gemeindeleben, den Clarissa Weber mit ihrer Reportage einer Synagogenführung für islamische Studentinnen gibt, würdigt die IRGW-Vorstandssprecherin Barbara Traub als wichtigen Beitrag zur Verständigung. „Wir wollten die Augen öffnen für ein offenes und lebendiges Judentum, das hier dazugehört wie das Christentum“, betonen Jarotta und Herbasch. Ihre Einladung, dieser Entdeckungsreise zu folgen, bekräftigen sie mit einem optimalen Service von Informationen, Tipps und Ausflugsempfehlungen.
Buch „Jüdisches Leben in Württemberg: Gestern und heute“, herausgegeben von Martin Janotta und Josef Herbasch, 192 Seiten, 190 historische und aktuelle Abbildungen, Evangelischer Verlag Stuttgart 2023, Euro 29,95.