Buchtipp Architektur Was passiert mit Mies van der Rohes erster Bauhaus-Villa?

Mies van der Rohe entwarf für eine Familie in Gubin diese Villa im Bauhaus-Stil. Könnte sie wieder aufgebaut werden? Ein Buch erläutert Ideen und Hintergründe dazu. Foto: DOM Publishers

Das erste ikonische Einfamilienhaus im Bauhaus-Stil von Mies van der Rohe steht im heutigen Polen – zumindest die Grundmauern. Soll die Villa Wolf aufgebaut werden?

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Schaut man sich Interviews aus der Nachkriegszeit an, die das deutsche Fernsehen mit dem Architekten Mies van der Rohe (1886-1969) in den USA geführt hat, blickt ein sich seiner Bedeutung bewusster, Zigarre paffender und freundlich wirkender Mensch in die Kamera. Er berichtet, dass das Apartmentgebäude, das er für den Städtebauwettbewerb 1953 des Berliner Hansaviertels geplant hatte, deutlich weniger Stockwerke hätte haben sollen als er wünschte. Also zog er seinen Entwurf zurück.

 

So kompromisslos war er als junger Architekt nicht, dafür schon perfektionistisch. Er tüftelte so lange an Entwürfen für ein Wohnhaus, bis der Auftraggeber entnervt einen anderen Architekten suchte. Das skizziert Dietrich Neumann in dem Buch „Villa Wolf in Gubin. Geschichte und Rekonstruktion“ in einem Kapitel, das sich Mies van der Rohes Entwicklung als Architekt von Wohnhäusern widmet.

Bauhaus-Villa in Gubin

Dort ist auch zu erfahren, dass Mies van der Rohe, einer der Heroen des Neuen Bauens, Leiter der Bauhaus-Schule in Dessau und der Werkbundausstellung „Die Wohnung“ 1927 in Stuttgart noch ziemlich lange – bis 1924 – für seine Bauherren Landhäuser entworfen hatte, die sich an traditionellen Bauformen orientierten. Und das, obwohl er ja längst öffentlich neue, funktionalistische Architektur propagierte.

Porträt des Architekten Ludwig Mies van der Rohe (1886 - 1969) in seinem Haus in Chicago, Illinois. Foto: www.imago-images.de/IMAGO/LIFE_Picture_Collection

Bei der Villa Wolf in Gubin dann, entstanden von 1925 bis 1927, setzte er erstmals konsequent alle Prinzipien der dann auch an der Bauhaus-Schule gelehrten Formensprache um – mit einem funktionalen Grundriss, ineinander übergehenden Räumen, Flachdach, mit horizontalen Fensterbändern. Dennoch ist das Haus weniger berühmt als die drei Jahre später gebaute Villa Tugendhat in Brno (damals Brünn).

Denn, so bringt es Neumann auf den Punkt: „Das Schicksal ist Mies van der Rohes Haus Wolf nicht gnädig gewesen.“ Das Haus hatte eine nur eine kurze Lebenszeit von 18 Jahren, wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt. Nach dem Krieg brachen die Menschen die Überreste ab und verwendeten die Backsteine für den Wiederaufbau anderer Gebäude.

Das hoch interessante Buch widmet sich der Entstehung und der öffentlichen Wahrnehmung des Gebäudes in dem heute zu Polen gehörenden Ort Gubin (einst Guben). Auch die Bauherren Erich und Elisabeth Wolf werden porträtiert, eine alteingesessene, wohlhabende Textilhändlerfamilie mit Kunstsinn, man sammelte Bilder (Böcklin, Dix), Skulpturen und Porzellan, empfing in der Provinz regelmäßig Gäste aus der Hauptstadt.

Die Geschichte eines Wohnhauses

Lars Scharnholz hat unter anderem mit deren Nachfahren gesprochen, auch über die Rolle der Bauherren während der NS-Herrschaft und bekundet: „Die politische Haltung Erich Wolfs in den 1920er bis 1940er Jahren stellt sich bei genauer Betrachtung aber als ambivalent dar.“ Er gibt dabei zu bedenken: „Eine vollständige Vergangenheitsrekonstruktion ist kaum möglich. Die Unschärfe wird schon allein deshalb bleiben, weil die subjektiven Erinnerungen, bei aller Mühe um Authentizität, immer nur individuelle Sichtweisen wiedergeben können.“

Der sorgfältig gestaltete und mit vielen Bildern und Plänen angereicherte Aufsatz-Band stellt vor allem aber eine Frage – und beantwortet sie mit Ja: Sollte die Villa wieder aufgebaut werden oder nicht? Die Fundamente wurden ausgegraben, Pläne sind erhalten, Hochschulen und archäologische Museen machen Grabungen, forschen zum Gebäude und einer wissenschaftlichen Rekonstruktion. Möglich wäre es also.

Der Denkmalschutz hat zu derlei Themen heute eine recht klare Ansage: wenn Altes saniert wird, sollen beschädigte oder fehlende Teile eben nicht mit anderen alten Teilen aus jener Zeit ersetzt werden. Das, was fehlt, soll neu ersetzt und so als fehlend markiert bleiben.

Aber was mit einem Haus, von dem nur noch einige Grundmauern stehen? Oder mit Gebäuden, die komplett zerstört sind? In Frankfurt am Main – mit dem Wiederaufbau historischer Fachwerkhäuser – und in Berlin – mit dem Wiederaufbau des Schlosses – hat die Gesellschaft sich fürs Rekonstruieren entschieden.

Umstrittener Wiederaufbau

Manche Architekturkenner kritisieren dies als rückwärtsgewandt und maximal gewinnorientiert, weil auch touristisch ergiebig. Dietrich Neumann hält dagegen, führt Beispiele gelungener Wiederaufbauten wichtiger Gebäude auf, darunter ein Werk des ebenfalls dem Neuen Bauen zugeneigten Architekten Gerrit Rietveld (der Rietveld-Pavillon von 1955 steht nun auf dem Gelände eines Museums in den Niederlanden).

Und Neumann argumentiert mit der positiven Resonanz auf Rekonstruktionen von Gebäuden in der Altstadt Frankfurts: „Viele Frankfurter feiern begeistert den wiedergewonnenen Maßstab des ehemaligen ,Wohnzimmers’ der Stadt, nachdem dort 40 Jahre lang eine erstaunlich triste Ödnis von Parkplätzen geherrscht hatte“.

Gleichwohl kann man sich fragen, ob dieses ,Wohnzimmer’ mit zeitgenössischer Architektur nicht auch hätte begeistern können. Andererseits ist noch nach dem Zweiten Weltkrieg so viel gute Architektur abgerissen worden, dass der Aufbau eines eindrucksvollen Gebäudes wahrlich keinen Frevel darstellt.

Die Fotografien des sich in den Hang schmiegenden Backsteinbaus mit Flachdach lassen aber nicht nur Bauhaus-Nostalgiker über eine Rekonstruktion nachdenken. Da sich das Haus an der deutsch-polnischen Grenze befindet, könnte ein „Mies Museum Gubin“ ein zwei Länder verbindendes Projekt darstellen.

Zugleich würde die Arbeit des weltberühmten Architekten am Beispiel des Erstlingswerks, dem die Menschen und die Zeit so übel mitgespielt haben, erlebbar gemacht. Auch bedeutende Architektur, die wechselvolle Biografie eines Hauses, eignet sich, um erkenntnisreich über die jüngere Weltgeschichte zu berichten.

Info

Buch
Mies van der Rohe: Villa Wolf in Gubin. Geschichte und Rekonstruktion. Hg. von Dietrich Neumann. DOM publishers, Berlin. 175 Seiten, 210 Abbildungen, 48 Euro.

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