Buchtipp: Charles Lewinsky „Rauch und Schall“ Goethes Burn-out
In Charles Lewinskys „Rauch und Schall“ leidet Goethe an Ideenlosigkeit. Ein urkomischer Roman über eine nicht überlieferte Schaffenskrise des Meisters.
In Charles Lewinskys „Rauch und Schall“ leidet Goethe an Ideenlosigkeit. Ein urkomischer Roman über eine nicht überlieferte Schaffenskrise des Meisters.
Goethe hat eine Schreibblockade. Nichts geht mehr. Dabei steht er unter Druck. Ein Geburtstagsgedicht für die Herzogin steht an, vom „Faust“ ganz zu schweigen. Und die Zeit rennt. Aber kein Wort bringt er zu Papier. Und, man stelle sich das nur einmal vor: Ausgerechnet seinem Noch-nicht-Schwager Christian August Vulpius, einem Lohn- und Vielschreiber, der nur Unterhaltung fabriziert, dem fallen die Worte einfach nur so zu. An zwei Romanen gleichzeitig arbeitet der gerade. Nein, das schmerzt den wahren Künstler zu sehr. Nichts als Verachtung hat Goethe für Vulpius übrig. „Goethe hatte Christianes Bruder nie gemocht und jetzt mochte er ihn noch weniger.“
Dabei verehrt Vulpius den Meister, und dessen Überheblichkeit kränkt ihn. Also nimmt auch er sich allmählich kleine Boshaftigkeiten heraus. Als der dem Naschen verfallene Goethe einen Puderzucker-Bart hat, schaut er ihm zu: ,„Ich müsste ihn darauf aufmerksam machen“, dachte Vulpius, „es sieht lächerlich aus.“ Aber er sagte natürlich nichts.’
Der herbeigerufene Arzt kann dem blockierten Goethe auch nicht helfen. Ebenso wenig Schillers Tipp: Faule Äpfel in der Schreibtischschublade deponieren. Die aufmerksame Fürsorge seiner Lebensgefährtin Christiane Vulpius, mit der er in wilder Ehe lebt, ist ebenfalls für die Katz.
Je länger Goethe nichts zu Papier bringt, desto mehr beschäftigt er sich mit Nebensächlichkeiten. Aber wer so viel vorzuweisen und einen solchen Ruf zu verlieren hat wie Goethe, der erlaubt sich weder Schwächen noch eine so unappetitliche Wahrheit wie Ideenlosigkeit. Also kümmert Goethe sich zunächst um seine Garderobe, in der er dem Herzog gegenübertreten will, wenn er sein Gedicht vorträgt.
Und das Undenkbare passiert. Ausgerechnet Vulpius hilft Goethe aus der Patsche. Innerhalb kürzester Zeit verfasst er ein Gedicht für den Herzog, das der Meister als sein eigenes ausgibt. Das Urteil Goethes bezüglich der Qualität ist zwar vernichtend – allerdings muss er griesgrämig zugeben, dass der Herzog begeistert ist. Wie viel schlimmer kann es jetzt noch kommen?
Indem Vulpius Goethe Tipps gibt, wie er wieder zu seiner alten Form finden kann. Im Zuge dieses Coachings, kommt es zu einer Verwicklung, die wiederum zu einem urkomischen Twist führt und Goethe, wären diese Ereignisse wahr, wahrscheinlich Ideen für die Weiterarbeit an seinem „Faust“ geliefert hätten.
Charles Lewinsky ist in seinem Roman „Rauch und Schall“ das Kunstwerk gelungen, Goethe so menschlich darzustellen, wie man es nicht zu glauben gewagt hätte: Goethe hat nicht nur Hämorrhoiden und Furunkel. Er ist auch voller Neid auf seinen Schwager, er sucht nach Ausreden, ist ständig schlecht gelaunt und auch hinterhältig: „,Ich könnte das nie’, sagte Goethe, und das war sein erster ehrlicher Satz in diesem Gespräch.“
Natürlich funktioniert das Buch auch deshalb so gut, weil der Autor nicht nur die Biografie der drei Hauptfiguren Goethe, Christian August Vulpius und Christiane Vulpius als Grundlage genommen hat, und dabei umfangreiches Hintergrundwissen beweist. Er hat auch die Sprache, herrlich altertümlich, der Zeit angepasst. Der Roman spielt kurz vor 1800, und klingt so getragen wie bei Goethe selbst, ist nie langweilig, und – besonders wichtig – Lewinksy hält den Stil bis zum Schluss auf hohem Niveau durch.
Lewinsky scheint Spaß an der Sache gehabt zu haben – und das merken auch die Leser. „Rauch und Schall“ ist kein ehrfürchtiges Buch über Goethe, sondern ein amüsanter und durch und durch komischer Roman.
Autor
Charles Lewinsky, Jahrgang 1946, studierte in Zürich und Berlin Germanistik und Theaterwissenschaften. Während seines Studiums arbeitete er als Dramaturg und Regisseur.
Werk
Charles Lewinsky arbeitet seit 1980 als freier Schriftsteller. Er ist Autor zahlreicher Bücher, darunter Melnitz (2006), Gerron (2011) und Kastelau (2014). Lewinsky schreibt auch Theaterstücke und Drehbücher. Der in Zürich geborene Autor wurde für seine Arbeiten mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem französischen „Prix du meilleur livre étranger“ für Melnitz.