Buchtipp: Diane Oliver, „Nachbarn“ Allein unter Weißen
Die in dem Band „Nachbarn“ erstmals versammelten Kurzgeschichten der viel zu jung gestorbenen afroamerikanischen Autorin Diane Oliver sind ein kleines Literaturwunder.
Die in dem Band „Nachbarn“ erstmals versammelten Kurzgeschichten der viel zu jung gestorbenen afroamerikanischen Autorin Diane Oliver sind ein kleines Literaturwunder.
Offensichtlich steht etwas Ungeheuerliches bevor. Die Zeitungen schreiben darüber, seit Wochen zirkulieren Hassbriefe. Und in der Nacht ertönt plötzlich ein Knall, Glas splittert. Was hat sich die Familie in der Titelstory „Nachbarn“ von Diane Olivers Erzählband nur zuschulden kommen lassen? Oder zwei Geschichten weiter: Warum ist diese junge Frau so aufgeregt, dass ihr Herz flattert, und sie erwägt, vielleicht doch noch umzukehren? Von der Sache her müsste man im einen Fall antworten: ein Junge wird eingeschult, im anderen: vier Teenager wollen ein Lokal besuchen – nichts weiter. Aber gerade die ungeheure Spannung zwischen völlig harmlosen Vorgängen und einem emotionalen und gesellschaftlichen Ausnahmezustand ist es, die wiederum dem Leser den Atem verschlägt.
Sie erklärt sich aus dem Umstand, dass jene Familie und diese jungen Leute als Schwarze versuchen an einem ganz normalen Alltag in den US-amerikanischen Südstaaten der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts teilzuhaben, wo die sogenannte „Rassentrennung“ zwischen Afroamerikanern und Weißen zwar dabei ist, juristisch endgültig überwunden zu werden, aber in den Köpfen umso aggressiver weiterschwelt.
Im Kanon der neueren Literatur, in der die Selbstbehauptung schwarzen Lebens im unabgeschlossenen Kampf gegen Rassismus, Diskriminierung und Ungleichheit ihren Ausdruck findet, fehlt der Name Diane Oliver. Bis jetzt. Denn ihre Storys von dem kleinen Tommy, der als erster schwarzer Junge eine Schule der Weißen besuchen soll, oder der vier jungen Leute, die in ihren besten Kleidern einen Platz in einem Restaurant zu beanspruchen wagen, stattdessen auf einer Polizeistation misshandelt werden, sind von überwältigender Eigenständigkeit und Kraft.
Man kann es ein kleines Wunder nennen, was mit diesen nun größtenteils erstmals veröffentlichten Texten aus der Vergessenheit ins Licht der Gegenwart rückt, knapp sechzig Jahre nachdem diese so vielversprechende Stimme von einem tödlichen Motorradunfall mit nur 22 Jahren zum Schweigen gebracht wurde. Diane Oliver erzählt aus dem Leben von Leuten, für die es gefährlich ist, im Dunkeln alleine draußen herumzulaufen, deren Neugeborene bisweilen sterben, als hätten sie Angst zu atmen; von Müttern, deren Männer sich davon gemacht haben, während sie, um sich und ihre Kinder durchzubringen, als Köchinnen knechten – in Häusern, wo ihnen mit kalten Augen Überstunden aufgehalst werden, damit ihre Auftraggeberinnen mit allerlei Köstlichkeiten bei Wohltätigkeitsveranstaltungen oder kirchlichen Basaren glänzen können.
Die einen lösen ihre Existenz auf, in der Hoffnung im Norden ein besseres Leben zu finden, und begegnen doch wieder nur dem Gefühl, „als wären sie Teilchen in einem riesigen Puzzle, seltsam geformte Kleckse, die nirgendwo hineinpassten.“ Andere ziehen sich in den Wald zurück, wo sie sich etwas aufbauen, das sie mit dem Holzhammer gegen die Übergriffe einer zerstörerischen weißen Fürsorge verteidigen.
Einige Geschichten treiben die in allen habituellen Facetten erfasste soziale Gegenwart an den Rand der Groteske. Andere führen ins Herz gesellschaftlicher Anerkennungs- und Abstoßungsprozesse. Eine Arztgattin hat sich eine respektable Stellung erobert, die von einem Besuch ihrer Stieftochter in den Grundfesten erschüttert wird: „Ihr ganzes Leben bestand aus Lügen. Eines Tages würde sie damit aufhören, den Leuten etwas vorzumachen, doch wenn Schluss mit den Spielchen war, dann wäre auch Schluss mit ihr.“ Ihr Mann ist der einzige schwarze Arzt einer ansonsten ausschließlich weißen Krankenhausbelegschaft.
Diane Olivers Erzählwerk verewigt jenen Umbruch, als die Bürgerrechtsbewegung trotz einer vor allem in den Südstaaten fortwirkenden Gewaltkultur dabei war, einer schwarzen Mittelklasse den Weg zu bahnen. Und sie zeigt die äußeren und inneren Barrieren, an denen man dabei scheitern kann.
Wie es die Autorin selbst getan hat, besucht auch Winifred in der „Kammer im ersten Stock“ als eine der ersten Schwarzen ein privates Frauen-College. Aber was soll sie studieren? Schauspiel – dann müsste sie wohl Jahre lang den Part des Hausmädchens übernehmen? Biologie – dann drohten ihr bei den vielen Exkursionen unangenehme Erfahrungen mit der in Motels nur dem Buchstaben nach abgeschafften Rassentrennung. Schließlich entscheidet sie sich für Geschichte, einsam über Büchern in der Bibliothek. In die Schilderung ihrer Erlebnisse ist die Fallstudie der Entstehung einer Zwangsneurose eingearbeitet, in die sich die junge Frau vor der von eisiger Nichtachtung geprägten Parallelwelt ihrer Zimmergenossin zurückzieht.
Doch die Wirkung und Bedeutung von Diane Olivers Storys beläuft sich nicht auf die Dokumentation bis heute andauernder Unrechtsverhältnisse, so vielansichtig sie hier in den Blick geraten. Nichts in der reifen Beherrschung literarischer Mittel, dem souveränen Gebrauch von Stilformen und Perspektiven deutet auf einen Anfang. Und bevor man nun mit paternalistischem Wohlwollen ausmalt, was hier noch hätte entstehen können, wäre der Autorin ein längeres Leben vergönnt gewesen, gilt es erst einmal die frühe Meisterschaft dieser Wiederentdeckung auszuhalten.
Es kommt nicht allzu oft vor, dass im Buch der Weltliteratur ein bislang übersehenes Kapitel aufgeschlagen wird, das die ganze Geschichte noch einmal in neuem Licht erscheinen lässt.
Diane Oliver: Nachbarn. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg. Aufbau Verlag. 304 Seiten, 24 Euro.
Autorin
Diane Oliver wurde 1943 in Charlotte, North Carolina, geboren und besuchte nach dem Highschool-Abschluss das Women’s College, die spätere University of North Carolina. Sie war Chefredakteurin der Unizeitung. An der University of Iowa nahm sie am Writers’ Workshop teil und erhielt den Master-Abschluss postum, wenige Tage nachdem sie 1966 im Alter von 22 Jahren bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen war.
Storys
Zu ihren Lebzeiten erschienen vier Kurzgeschichten, darunter die Story „Nachbarn“, die mit dem O. Henry Award ausgezeichnet wurde. Zwei weitere wurden nach ihrem Tod veröffentlicht. Erstmals werden nun vierzehn ihrer Storys in einem Band zusammengeführt.