Buchtipp: Édouard Louis, „Die Freiheit einer Frau“ Mama und ich

Shooting-Star der Pariser Literaturszene: Édouard Louis Foto: imago/Sven Simon/Elmar Kremser/SVEN SIMON

Doppelte Befreiung: Der französische Autor Édouard Louis schreibt an seiner Familiengeschichte weiter.

Stuttgart - Seit seinem Debüt 2014 mit dem autobiografischen Roman „Das Ende von Eddy“ gilt der heute 29-jährige Édouard Louis als neuer Shooting-Star der Pariser Literaturszene. Das Buch war eine wütende Abrechnung mit dem bildungsfernen und homophoben Milieu der Arbeiterklasse in einem 1000-Seelen-Dorf in der Picardie, wo der Schriftsteller in prekären Verhältnissen aufgewachsen ist und wegen seiner Homosexualität als Außenseiter gemobbt wurde.

 

Inzwischen freilich hat der junge Mann nicht nur seinen Allerweltsnamen Eddy Bellegueule gegen den aparter klingenden Édouard Louis eingetauscht, sondern es über die Zwischenstation in einem Gymnasium in Amiens ins elitäre akademische Milieu der École normale supérieure in Paris geschafft. Die klassische Aufsteigerstory also, wie sie von Stendhals „Rot und Schwarz“ über Balzacs „Verlorene Illusionen“ und Flauberts „Lehrjahre der Männlichkeit“ bis zu Maupassants „Bel-Ami“ in vielen Klassikern der französischen Literatur erzählt wird.

Märchenhafte Metamorphose

Gleich drei Neuerscheinungen in diesem Jahr zeigen, dass das literarische Unternehmen „Édouard Louis“ weiterhin floriert. Zusammen mit dem britischen Filmemacher Ken Loach hat er ein Buch über das Verhältnis von Kunst und Politik veröffentlicht, im Frühjahr erschien bei seinem Hausverlag Seuil unter dem Titel „Combats et métamorphoses d’une femme“ ein kleiner Text über seine Mutter, und jetzt im Herbst kam mit „Changer: méthode“ die Fortsetzung zu „Das Ende von Eddy“ auf den Markt.

Das neue Werk, an dem der Autor vier Jahre lang gearbeitet hat, erzählt von den Lehrjahren in Amiens und Paris und davon, wie aus dem hässlichen Entlein aus der Provinz der umschwärmte Prinz des Quartier Latin in Paris wurde. Auch als amerikanische Fernsehserie nach einem Drehbuch von Altmeister James Ivory wird man sich diese märchenhafte Metamorphose voraussichtlich bald ansehen können.

Schwierige Lebenssituation

Solange sich für „Changer: méthode“ noch kein deutscher Verleger und Übersetzer gefunden haben, müssen sich die Leser hierzulande mit Édouard Louis’ Buch über seine Mutter begnügen, das unter dem Titel „Die Freiheit einer Frau“ auf neunzig großzügig bedruckten Seiten, quasi als Nebenprodukt zur eigenen Befreiungsgeschichte, die Emanzipationsgeschichte von Monique Bellegueule erzählt.

Im Gegensatz zum Debütroman ist der Ton hier weniger anklagend, der „Klassenflüchtling“ und verlorene Sohn bemüht sich um Verständnis für die schwierige Lebenssituation seiner Mutter und bekennt, dass er „Krieg gegen dich“ führte und dafür literarische Abbitte leisten will. Der Mutter ist es inzwischen selbst gelungen, sich nach zwanzig Jahren Ehe von ihrem Mann, Édouards Vater, zu trennen und mit einem neuen Lebensgefährten nach Paris zu ziehen. Als sie dort eines Tages sogar die Schauspielerin Catherine Deneuve, eines ihrer Idole, kennenlernt und mit ihr eine Zigarette raucht, kann der Sohn ihr bestätigen: „Stimmt, du bist die Königin von Paris“. Jetzt ist das Märchenglück perfekt.

Édouard Louis: Die Freiheit einer Frau. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. S. Fischer, 96 Seiten, 17 Euro.

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