Buchtipp: Elias Hirschl, „Salonfähig“ Schlüsselroman über Sebastian Kurz

Er ist das Idol des Erzählers: der österreichische Kanzler Sebastian Kurz. Foto: dpa/M. Schreiber

Der junge österreichische Autor zeichnet in „Salonfähig“ ein satirisch bissiges Porträt der Generation Slim Fit.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - In Österreich sind politische Entwicklungen gerne mal aus sich heraus literaturfähig, ob daraus nun ein Roman entsteht oder nicht. Manche Skandale und Affären wirken geradezu, als folgten sie einem geheimen Drehbuch – und die verrücktesten davon tun das ja vielleicht auch. Kunst wird zum Kontrastmittel, um hinter so mancher „b’soffnen G’schicht“ das tatsächliche Geschwür aus Korruption, Vetternwirtschaft und krimineller Energie sichtbar zu machen.

 

Das kommt dem Genre des Schlüsselromans entgegen. Und so verwundert es nicht weiter, dass in diesen Tagen ein Roman erschienen ist, dessen Protagonist allem nachzueifern sucht, was sein Idol, der junge neue Bundeskanzler der Republik Österreich, der hier nicht Sebastian Kurz, sondern Julius Varga heißt, vorlebt.

„Salonfähig“ des jungen Autors Elias Hirschl ist ein satirisches Porträt der Generation Slim Fit: schnittige Anzüge aus bestem Haus, schön, reich und zu allem bereit, was diese Privilegien sichert. „Julius ist gut“, sagt sich sein Bewunderer jeden Morgen vor dem Spiegel, „und wenn ich mir ins Gesicht schaue, mir mit dem Schildpattkamm und einem Tupfer Haarwachs die schwarz gefärbten Haare zurückstreiche und mir so ein wohlig warmes Gefühl durch den Magen geht, dann finde ich mich auch gut.“

Der Roman beginnt mit dem Traum einer Obduktion. Dem Ich-Erzähler werden alle Organe entnommen, übrig bleibt nur die Hülle. Offenbar ist das genug. Irgendwann steht er auf und geht. Was folgt, ist die Obduktion einer Gesellschaft, die sich mit dem Schein begnügt, und sich nicht darum schert, wie es um ihre Organe bestellt ist.

Der namenlose Ich-Erzähler gehört der Jugendorganisation der Partei des 35-jährigen Kanzlers an. Er führt den Leser durch die kalten Herzkammern der Macht und die Kapillaren einer schaurigen Hadeswelt aus Clubs, Versammlungen und politisch-privaten Zerstreuungen aller Art. Dabei legt er das Betriebsgeheimnis einer Sozialtechnik offen, die die Anpassung an jede beliebige Oberfläche perfektioniert hat.

Auf einem Konzert der Rechtsrock-Band Frei.Wild weiß er sich so sicher zu bewegen wie bei einem Besuch der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Nach dem Vortrag eines Zeitzeugen ringt er sich ein salbungsvolles Statement über das Gut der Demokratie ab, um gleich darauf von seinen Spezeln der „Jungen Mitte“ wissen zu wollen: „Klang das authentisch?“

Hauptsache, das Styling stimmt

Ihn habe fasziniert, dass nur noch solche Menschen an der Spitze der Macht landen, die den spezifischen Stil der leeren Rede am besten beherrschen und die Kunst der Bewegung perfektioniert haben, sagte Hirschl in einem Interview. Styling, Vernetzung und eiskalter Zynismus sind das Markenzeichen einer Elite, die in ihrer skrupellosen Gefälligkeit nur mehr sich selbst reproduziert.

Der 1994 in Wien geborene Autor trat bisher mit Romanen hervor, die so schöne Titel tragen wie „Hundert schwarze Nähmaschinen“ oder „Meine Freunde haben Adolf Hitler getötet und alles, was sie mir mitgebracht haben, ist dieses lausige T-Shirt“. Für die Kombination von glänzenden Luxusmarken und finsterster Gefühllosigkeit hat er an einem Autor wie Bret Easton Ellis Maß genommen – auch wenn dieses „Austrian Psycho“ ein wenig wie die Slim-Fit-Variante des großen amerikanischen Vorbilds wirkt.

Info

Elias Hirschl: Salonfähig.
Roman. Zsolnay-Verlag. 256 Seiten, 22 Euro.

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