Buchtipp: Ian McEwan, „Lektionen“ Die sexuellen Übungen der Klavierlehrerin

Liebe, Schuld und Missverständnisse im Licht der Zeitgeschichte: Ian McEwan Foto: Bastian Schweitzer/Diogenes Verlag

Der britische Schriftsteller Ian McEwan krönt sein Leben und Werk mit einem epochalen Roman, der beides zusammenführt: „Lektionen“.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Man scheut davor zurück, dieses Buch unter abgedroschenem Begriffsplunder wie „Meisterwerk“ oder „Opus Magnum“ zu ersticken. Und auch wenn man es nach gut 700 Seiten benommen und ergriffen aus der Hand legt, hält man sich besser an die herausfordernde Nüchternheit, mit der es einem entgegentritt, als an die leicht melancholische Euphorie, in der man ihm nachblickt. Ian McEwans neuer Roman „Lektionen“ zieht eine Summe, nicht nur weil er ein ganzes Leben erzählt, sondern weil er zugleich zeigt, was man mit Literatur erreichen kann: dem Zufall und der erdrückenden Allmacht der Verhältnisse eine Geschichte abzuringen, die sich jeder Verallgemeinerung entzieht und die gleichwohl zu allen spricht.

 

Auf der einen Seite stehen die großen historischen Ereignisse, die Epochenschwellen und Umbrüche: der drohende Atomkrieg während der Kuba-Krise, Tschernobyl, Mauerfall, Corona und die aktuell wiederkehrende Angst vor einer nuklearen Katastrophe. Auf der anderen Seite finden sich die biografische Daten, die der Protagonist des Romans, Roland Baines, mit dem Autor teilt: wie dieser wurde er 1948 als Sohn eines schottischen Majors im englischen Aldershot geboren, hat Halbgeschwister aus einer früheren Ehe der Mutter und einen unehelichen Bruder, von dessen Existenz er erst in fortgeschrittenem Lebensalter erfährt; wie Ian McEwan verbrachte er Teile seiner Kindheit in Libyen und wie er wurde er schon früh in ein Internat abgeschoben. Genau hier aber trennen sich die Wege zwischen Memoiren, an die die Fülle lebhaft genau erinnerter Details zunächst denken lassen, und der Gattung des Romans.

Skandalöses Verhältnis

Eingefasst von den Marksteinen der Faktizität öffnet sich der fiktionale Spielraum für die kolossalen Verwicklungen, durch die Menschen in Liebe, Schuld und Missverständnisse verstrickt werden, und die dem vorgezeichneten Lauf ihres Lebens eine unerwartete Wendung geben. Im Falle Roland Baines‘ sind das zwei Schlüsselerlebnisse, die sich auf untergründige Weise gegenseitig bedingen. Das erste ist die unerhörte Liaison, die sich zwischen dem Kind an der Schwelle zur Pubertät und seiner Klavierlehrerin entwickelt.

Was sich im Rückblick als strafrechtlich höchst virulente Missbrauchserfahrung darstellt, zeigt sich aus der juvenilen Sicht erlebter Erinnerung als Amour fou, an deren Vollzug hormoneller Überschuss, Abenteuerlust ebenso beteiligt waren wie der Wunsch, „es“ noch kennen zu lernen, bevor die Welt in einem atomaren „Tête-à-Tête“ von Nikita Chruschtschow und John F. Kennedy 1962 verglühen würde.

Zwischen Kaltem Krieg und globalem Hitzekollaps

Auch wenn letzteres abgewendet werden konnte, hatte die sexuelle Initiation am Rand der Apokalypse einschneidende Folgen: Aus dem vielversprechenden Schüler und angehenden Konzertmusiker wird ein den Obsessionen seiner Klavierspielerin wie den eigenen Trieben hilflos ausgesetzter Rumtreiber. Er bricht das Internat ab, schlägt sich nach dem Ende der irrwitzigen Affäre, die, wie es einmal heißt, „sein Gehirn neu verdrahtet hat“, mit Gelegenheitsjobs und zahllosen Eskapaden serieller Monogamie durch. Schließlich landet er in der Ehe mit der Deutsch-Engländerin Alissa Eberhardt. Bis eines Morgens ein Zettel auf dem Tisch liegt, in dem seine Frau erklärt, das falsche Leben geführt zu haben, und Roland auf dem Weg ins richtige zurücklässt mit dem gemeinsamen, wenige Monate alten Sohn.

Das ist das zweite Schlüsselmoment, um das dieses von der verrinnenden Zeit vorangetriebene Leben unausgesprochen kreist, und dabei eine Fülle von Ereignissen zwischen Literatur-, Politik- und Gesellschaftsgeschichte umwälzt: jene sich aktuell in Luft auflösenden Hoffnungen, die einmal mit dem Ende des Kalten Krieges verbunden waren oder die immer konkreter werdenden Ängste wegen des globalen Hitzekollapses. In seinen Höhenflügen, Irrtümern und Bauchlandungen mag dieses Leben vielen anderen gleichen, die kein genialer Autor zu einem epochalen Werk verdichtet.

Ein solches hat Rolands Ex-Frau geschaffen, nach ihrer Flucht vor familiärer Enge und der Sexbesessenheit eines Mannes, der in ihren Augen nichts auf die Reihe bekommen hat. In Deutschland wird sie zu einer erfolgreichen Schriftstellerin, ähnlich jener Briony Tallis, deren Erfindungen in McEwans „Abbitte“ den Faden des Schicksals spinnen. Als sich Roland in Alissas letztem Roman wiederzuerkennen glaubt, weist sie ihn zurecht: „Ich borge mir hier was und da. Ich erfinde. Ich schlachte mein eigenes Leben aus. Ich bediene mich überall, verändere, biege es mir zurecht, wie ich es brauche.“

Auch der lange Jahre alleinerziehende Ian McEwan hat hier sein Leben ausgeschlachtet und in eine andere Möglichkeit seiner selbst verwandelt. Man muss kein großer Schriftsteller werden, um in seinem Dasein gerechtfertigt zu sein – um diese Einsicht zum Ereignis werden zu lassen, allerdings schon. Das ist die vielleicht die wichtigste Lektion dieses großen Lebensromans, den man an dieser Stelle dann doch als das bezeichnen darf, was er ist: McEwans Meisterwerk.

Ian McEwan: Lektionen. Roman. Aus dem Englischen, Von Bernhard Robben. Diogenes Verlag. 720 Seiten, 32 Euro.

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