Buchtipp: Judith Hermann, „Wir hätten uns alles gesagt“ Erzählen, um zu verschweigen

Geschichten als Schutzraum: Judith Hermann Foto: Andreas Reiberg/a.reiberg

Mit ihren frühen gefeierten Erzählbänden „Sommerhaus, später“ und „Nichts als Gespenster“ wurde Judith Hermann einst zu einer Stimme ihrer Generation. In ihrem neuen Buch gibt sie nun intime Einblicke und rührt an das Geheimnis ihres Schreibens.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Es ist nun 25 Jahre her, da stürzte ein Erzählband die literarische Welt in eine Verzückung, der man getrost das Adjektiv magisch beifügen darf. Deutlicher glaubte man nirgends die Stimme des Geistes der Zeit vernommen zu haben, als in den Abbreviaturen des Lebens, die Judith Hermanns „Sommerhaus, später“ versammelt. Aus Restbeständen einer Handlung und den Schwaden eines aufgeschlossenen Verhältnisses zum Nikotinkonsum traten Gestalten hervor, deren unscheinbare Dramen sich unter der Oberfläche melancholischer Interieurs hielten. Ihre Liebschaften glichen spiritistischen Sitzungen, ihre Rätsel behielten sie für sich.

 

Mittlerweile ist der Rauch verflogen, eine andere Generation hat übernommen, mit deutlich mehr im Hier und Jetzt verankerten Themen und einem moralischen Furor, dem der Zauber des Ungefähren verdächtig erscheint. Aber auch die, die ihm am rückhaltlosesten erlegen waren, ließen kurz darauf Judith Hermann schwer dafür büßen, dass man sie damit beladen hatte, das Lebensgefühl einer vergangenen Zeit zu tragen.

Im Dunkeln einer Berliner Nacht

Sechs Bücher hat 1970 geborene Berlinerin bisher geschrieben. Nun folgt das siebte: „Wir hätten uns alles gesagt“. Die Chancen stehen gut, dass darin das Geheimnis ihrer Kunst gelüftet wird. Zumindest auf den ersten Blick, der naturgemäß auf die erste Seite fällt. Frankfurter Poetikvorlesung – allerdings rückt die Unterzeile gleich den Konjunktiv des Titels zurecht: „Vom Schweigen und Verschweigen im Schreiben“. Blättert man weiter, befindet man sich nicht im akademischen Licht, das nüchtern Schreibweisen und Verfahren erhellt, sondern im Dunkeln einer Berliner Nacht, in der eine Ich-Erzählerin unverhofft ihrem Psychoanalytiker begegnet, „zwei Jahre nach dem Ende der Psychoanalyse und zum allerersten Mal außerhalb des Raumes, in dem ich jahrelang auf seiner Couch gelegen hatte“.

So beginnt keine Vorlesung, so beginnen Erzählungen – von Judith Hermann. Was natürlich auch heißt, dass aus dieser Begegnung nichts entspringt, dessen Bedeutung im Ablauf eines bestimmten Geschehens liegen würde: Man begrüßt sich, raucht, auch wenn man sich das schon lange abgewöhnt hat, dann verschwindet Dr. Dreehüs, so sein Name, in einer unscheinbaren, etwas verlebten Kneipe, in die die Erzählerin ihm nach einer Weile folgt. Das, auf was es eigentlich ankommt, ereignet sich auf einer anderen Bühne: auf ihr agieren Träume, Assoziationen, Erinnerungen – und Texte, die aus diesem Stoff entstanden.

Doppelte Bedeutungen und Geheimnisse

Das Stück, das hier gespielt wird, stellt eine psychoanalytische Szene nach. Es handelt von Schutzräumen, Verschachtelungen, Gehäusen – und Sommerhäusern. Man lernt die Familie der Erzählerin kennen: die in Petersburg geborene Großmutter, deren Großvater ein Leuchtturmwärter war; den jähzornigen, depressiven Vater, der zehn Jahre in einer Nervenheilanstalt zugebracht hat. Er bastelt der Tochter ein Puppenhaus, dessen verborgene Türen und Kammern wie ein Modell für die Innenwelten erscheinen, in denen sich Judith Hermanns Figuren finden und verlieren.

Überall Kisten und Kästen, vor den Schränken standen andere Schränke, in Hängeböden spukt die vom Vater lustvoll gepflegte Angstvorstellung eines kleinwüchsigen Untermieters, im Keller lauert das erigierte entblößte Glied des Kohlenmanns. Doppelte Bedeutungen und Geheimnisse bestimmen das Leben: „Unser Haus war ein Haus der Stimmungen, Ahnungen, Verfassungen, es war unsicher, unverständlich und für ein Kind absolut unberechenbar.“

Zerbrechliche Glücksmomente

Die Gegenwelt dazu bildet das Sommerhaus der Großmutter an der Nordsee. Ein verwilderter Onkel haust darin – und die Wahl- oder Gegenfamilie der Erzählerin, mit der ein fragiles Glück einzieht, das eigentümlich versetzt erfahren wird: „Glück ist immer der Moment danach – der Moment, in dem du das vermeintliche Glück überstanden hast, mit heiler Haut davongekommen bist, Glück als solches erkannt und wieder verloren, losgelassen und verworfen hast.“

Die äußeren und inneren Räume stehen in einer merkwürdigen gegenläufigen Verbindung. Je weiter die Erzählerin – und es gibt Gründe, sie beharrlich so zu nennen – Einblick in die privaten Fluchten ihrer Welt gewährt, desto hermetischer buchstabiert sie damit eine Praxis der Verkapselung und Abschottung aus. Die Geschichte ist ein Schutzraum, „ein Gehäuse wie die Schale einer Nuss“. Das Eigentliche ist das Verschwiegene.

Um auf den Zauber von Judith Hermanns Schreiben zurückzukommen – hier ist die Lösung: „Die Erzählung lenkt den Leser vom Eigentlichen ab, sie lenkt ihn von mir ab. Ein Zaubertrick – der Leser sieht dem Hokuspokus des Zauberers zu und verpasst den Trick.“ Jede Geschichte legt sich wie ein schützendes Gespinst um den existenziellen Kern, der sie bedingt. Das ist das Geheimnis, das hier enthüllt und zugleich für immer verschlossen wird.

Seine Unversehrtheit ist der Grund, warum Judith Hermanns Schreiben, das einmal für das flüchtige Lebensgefühl eines Augenblicks einstehen musste, auch 25 Jahre später nichts von seiner Eigenart und rätselhaften Schönheit verloren hat. Es ist gedeckt von dem, was es verschweigt.

Und natürlich muss man so auch die Geschichte verstehen, die hier erzählt wird, von dem traumatisierten Kind eines depressiven Vaters, „aus einer Familie von Verrückten“. Wie schlau, diese Verpuppung eines Lebensromans als Poetikvorlesung zu tarnen.

Der flüchtige Sound einer Epoche mag verflogen sein. Aber der dunkle Resonanzkörper des Geheimnisses trägt die Stimme dieser Autorin über alle Moden und Marotten hinweg.

Judith Hermann: Wir hätten uns alles gesagt. Fischer-Verlag. 192 Seiten, 23 Euro.

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