Buchtipp: Michel Houellebecq „Vernichten“ Am besten stirbt es sich zu zweit

Ist der einstige Provokateur etwa altersmild geworden? Keine Sorge, Michel Houellebecq bleibt Michel Houellebecq. Foto: imago/Manuel Cedron

Michel Houellebecqs neuer Roman „Vernichten“ macht seinem Titel alle Ehre – und ist doch das Werk eines großen Humoristen.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Was hat man nicht alles befürchtet, mit welchem Coup Michel Houellebecqs neuer Roman in das noch junge Jahr hineinplatzen würde. Zumal bei einem Titel wie „Vernichten“. Und doch scheint es, als könnte man dieses Mal getrost ohne das beliebte Etikett Skandalautor auskommen, das im Fall dieses Schriftstellers eigentlich immer schon das Wesentliche überklebt hat. Es sei denn, man fühlt sich durch das Fehlen allzu plakativer Verschaltungen zwischen dem Gang der Dinge und einem mutwillig zerzausten Untergangsphantasma erst recht provoziert.

 

Dabei überschreibt auch dieser Roman die Gegenwart mit einer nicht unplausiblen Version der unmittelbar bevorstehenden Zukunft. In Frankreich wird gewählt, allerdings ist man schon einen Zyklus weiter. Nach zwei Legislaturperioden darf der Präsident laut Verfassung nicht mehr antreten, ein populistischer Strohmann soll für vier Jahre übernehmen, um die triumphale Wiederkehr des jetzigen Amtsinhabers vorzubereiten, hinter dem unschwer Emmanuel Macron zu erkennen ist, unterwegs auf putinistischen Pfaden in die ewige Herrschaft.

Politische Innenansichten

All diesen von Spindoktoren betreuten postdemokratischen Manövern zum Trotz steht Frankreich nicht schlecht da, baut sogar beinahe bessere Autos als Deutschland, woran der Wirtschaftsminister großen Anteil hat – und seine rechte Hand, der Finanzinspektor Paul Raison, die eigentliche Hauptfigur des Romans. Doch zur nicht unplausiblen Version der Zukunft gehören nicht nur politische Innenansichten, die sich Houellebecqs Freundschaft mit dem amtierenden französischen Wirtschaftsminister verdanken mögen, sondern auch das Schicksal, das eine verschleppte Weisheitszahnbehandlung bereithält, Krankheit, Alter, Tod – und das, was menschliche Nähe und Verbundenheit dem entgegenzusetzen haben.

Die Ehe Paul Raisons liegt auf Eis. Im Kühlschrank wie im frostigen Interieur bester Pariser Wohnlage herrscht strikte Gütertrennung zwischen den veganen Vollwertprodukten von Pauls Frau Prudence und mikrowellengeeigneten Fertiggerichten. Doch wo Houellebecq sonst die Vergletscherung der Gefühle des diffus mit Globalisierung, Welthandel und Europas Niedergang zusammenhängenden allgemeinen Libidoverlusts ausmalt, herrscht Tauwetter. Was nicht heißt, dass die Welt damit ein wirtlicher Ort würde, aber dass es sich darin in jedem Fall zusammen besser aushalten lässt als allein. „Familie und Ehe waren die beiden verbliebenen Pole, die das Leben der letzten Bewohner des Abendlandes in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts ordneten.“

Eingefleischte Le-Pen-Wähler

Der Schlaganfall von Pauls Vater bringt das Paar, das sich eigentlich schon darauf eingestellt hat, den Untergang seiner Beziehung unter optimalen zivilisatorischen Bedingungen zu vollziehen, wieder zusammen. Wobei sie nach zehnjähriger sexueller Abstinenz manches in dieser Hinsicht erst wieder erlernen müssen. Prudence nutzt die sektiererischen Initiationen des Wicca-Kultes, um ihren Körper wiederzuerwecken, Paul die Dienste eines Escort-Mädchens. So fromm der Rückzug in den Schoß der Familie erscheinen mag, richtig glücklich dürften die nicht werden, die schon auf die retrograde Zähmung in altersmildem Herbstlicht spekulieren. Houellebecq bleibt Houellebecq.

Mutwillig gesetzte Trigger stellen die Impulskontrolle einer linksliberalen Öffentlichkeit auf eine harte Probe. Zum Beispiel die, dass die einzige wirklich niederträchtige Figur eine linksliberale Gesellschaftsreporterin ist, deren selbstgerechter moralischer Konformismus über Leichen geht, während die im strukturschwachen Norden lebende Familie von Pauls erzkatholischer Schwester das Herz am rechten Fleck trägt – natürlich hat man hier immer Le Pen gewählt.

Die Krankheit des Jahrhunderts

Anschläge bilden auch in diesem Roman das Movens der Geschichte. Und so schwer sie sich zuordnen lassen, von linksextrem über christlich-fundamentalistisch bis satanistisch reicht das Spektrum, so sehr verfallen sie gemeinsam einem gegenrevolutionären Verdikt, das Pauls Vertraute aus der Lektüre des großen Antiaufklärers Joseph de Maistre beziehen – nicht anders als der extreme rechte Kandidat Éric Zemmour im gegenwärtigen französischen Präsidentschaftswahlkampf. Stoff für Skandale fänden sich bei genauere Betrachtung also genug.

Doch Houellebecq ist kein Eiferer belletristisch verpackter Gegenwartsdeutung. Die verkehrte Welt ist ihm nicht Gegenstand ideologischer Rechtgläubigkeit, sondern melancholischer Heiterkeit. Und so ist dieser große Roman, dessen Titel sich auf alles bezieht, was sich in bester französischer Tradition unter Mal du siècle – Krankheit des Jahrhunderts – verstehen lässt, eben nicht nur abgrundtief traurig, sondern auch abgrundtief komisch. Der Skandalautor erlebt seine Reinkarnation als Humorist.

Weil Pauls Freund, der Wirtschaftsminister, bei der Rationalisierung der industriellen Produktivität ganze Arbeit leistet, steigt die Arbeitslosigkeit. Die Berater in den Verwaltungen bekommen Clowns-Workshops, um das Heer der Menschen ohne qualifizierte Beschäftigung bei Laune zu halten. In eine ähnliche Rolle schlüpft Houellebecq. Er blickt in die Hinterzimmer der Macht, in die Krankenhäuser und Altersheime einer müden Gesellschaft – und bringt uns zum Lachen, wo wir eigentlich verzweifeln müssten.

Info

Autor
 Michel Houellebecq, 1958 geboren, gehört zu den wichtigsten Schriftstellern der Gegenwart. Für den Roman „Karte und Gebiet“ (2011) erhielt er den renommierten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt. Sein Roman „Unterwerfung“ (2015) stand wochenlang auf den Bestsellerlisten und wurde wie viele andere seiner Werke mit großem Erfolg für die Theaterbühne adaptiert und verfilmt. Zuletzt erschien „Serotonin“ (2019).

Michel Houellebecq: Vernichten
. Roman. Aus dem Französischen von Steffen Kleiner und Bernd Wilczek. Dumont. 624 Seiten, 28 Euro.

Weitere Themen