Buchtipp: Peter Blickle, „Andershimmel“ Im Sog der Innerlichkeit
Peter Blickle erforscht in seinem Roman „Andershimmel“ die pietistische Gefühlskultur – bis an die Schmerzgrenze.
Peter Blickle erforscht in seinem Roman „Andershimmel“ die pietistische Gefühlskultur – bis an die Schmerzgrenze.
Stuttgart - Ein Anruf nach dreißig Jahren, und schon ist man schon wieder mitten drin. Als junger Mann hat Johannes sein Dorf, eine pietistische Brüdergemeinde irgendwo in Oberschwaben, verlassen, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Doch seine Prägungen wird man nicht so leicht los, auch nach dreißig Jahren nicht. Das Telefon klingelt ihn zurück in eine Welt, die durchdrungen ist von der Großschreibung: alles führt auf Ihn zurück, alles geschieht in Ihm und durch Ihn, Er fordert unbedingten Gehorsam. Wenn man eine Tracht Prügel bezieht, was oft vorkommt, ist das ein Ausfluss Seiner Liebe, denn Schmerzen sind Prüfungen. Und weil Er nicht alles selbst machen kann, wacht ein Ältestenrat mit spitzem Mund über die Geschicke des Dorfes, einer durch und durch männlichen Zeugung: „Lasset eure Weiber schweigen in der Gemeinde.“
Hier ist Johannes aufgewachsen, zusammen mit seiner um sieben Stunden jüngeren Zwillingsschwester. Bei seiner Flucht hat er sie, mit der ihn ein inniges Verhältnis verbindet, zurückgelassen. Doch nun erreicht ihn die Nachricht, dass sie sich eingewiesen hat in das, was im Dorf „Irrenanstalt“ heißt.
In seinem Roman „Andershimmel“ gräbt sich Peter Blickle tief in den Untergrund einer vom Pietismus dominierten Gefühlskultur hinein, wie sie dem in der oberschwäbischen Brüdergemeinde Wilhelmsdorf aufgewachsenen und später wie sein Protagonist in den USA lehrenden Autor wohl aufs Engste vertraut ist. Man spricht in so einem Fall gerne von Freischreiben. Doch bei Blickle funktioniert das nicht so richtig. Denn so kritisch und genau er das Leben unter einer nicht mehr hinterfragbaren religiösen Ordnung zeichnet, so eigentümlich wird sein Schreiben von dem unterwandert, an was es sich abarbeitet.
Versucht der Roman auf seiner Handlungsebene so etwas wie eine Emanzipation zu erzählen, das Einsickern der Wirklichkeit in einen geistlichen Schutzbezirk, setzt der Modus der Darstellung das Überwundene nur umso nachdrücklicher in Kraft. Und weitaus stärker als die theologische Herausforderung stellen dabei die ästhetischen Zumutungen den Leser auf die Probe. Endlose Fragenkataloge, Litaneien, aphoristischer Wildwuchs geben einen Begriff davon, was es heißt, etwas eingebleut zu bekommen. Der Drang zur Verinnerlichung saugt wie ein gewaltiges Vakuum alles Greifbare an sich. Nahezu auf jeder Seite finden sich Sätze wie „sie war in sich“; ständig versucht jemand „in sich“ zu hören, schickt sich etwas an, „in ihm“ aufzugehen; manchmal werden auch einfach nur syntaktische Partikel lose dahin geworfen: „Bei sich. In sich.“ Gibt es in dieser Welt kein Lektorat?
Das Gestaltungsvermögen ist der Bekenntnislust nicht gewachsen. Peter Blickles Roman ist Teil des Programms, mit dem sich die Edition Klöpfer unter dem Dach des Kröner Verlags als neue belletristische Adresse in Stuttgart präsentiert. Schön anzusehen ist die Ausgabe zweifellos, doch der Inhalt ist dürftig. Darin entspricht das Buch zwar der pietistischen Skepsis gegenüber äußerem Gepränge. Aber für künftige Unternehmungen würde man sich doch ein beherzteres Eingreifen der züchtigenden Hand eines Lektors wünschen – aus Liebe zum Leser.
Peter Blickle: Andershimmel. Roman. Kröner – Edition Klöpfer. 320 Seiten, 24 Euro.