Buchtipp: Raphaela Edelbauer, „Die Inkommensurablen“ Wiener Träume

Spiegelbild einer untergehenden Welt: die Wiener Karlskirche Foto: imago/Peter Widmann

Drei junge Leute taumeln am letzten Tag vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs durch Wien: Raphaela Edelbauers kluger Roman „Die Inkommensurablen“ führt an die Abbruchkanten der Vernunft – von da ist es nur ein kleiner Sprung in die Gegenwart.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Wir alle haben fremde Erinnerungen. Beim Lesen eines Buches, das von vergangenen Zeiten erzählt, versteht sich das von selbst. Und was ist ein Kanon anderes als ein Erinnerungsspeicher, der das individuelle Bewusstsein über seine Grenzen hinaustreibt und ihm im Hintergrund Dinge souffliert, die es irgendwann selbstverständlich für den Ausdruck seiner ureigensten Identität hält.

 

Die Autorin Raphaela Edelbauer kommt aus Wien. Und wenn man so will, kreuzen sich in dieser Stadt eine ganze Reihe kultureller Nervenbahnen, über die zirkuliert, was den Gedächtnisspeicher der Moderne speist. Ihr Roman „Die Inkommensurablen“ spielt am Vorabend des Ersten Weltkriegs, aber er strebt nicht danach, die bekannten Schauplätze effektvoll ins Licht zu setzen – was ihm nebenbei bestens gelingt –, sondern den Prozess kollektiven Erinnerns selbst.

Die erste Schicht, auf die man dabei stößt, ist Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, dieses kanonische Werk, das mit einem naturwissenschaftlichen Willen zur Wahrheit eine auseinandergeborstene Welt zu ordnen versucht. Es ist gewissermaßen die erste fremde Erinnerung in Edelbauers Roman. Ihm abgemessen ist der reflexive, essayistische Duktus des Erzählens, aber auch der Grenzgang an die Ränder des Möglichen, wo Rationalität in einen anderen Zustand kippt.

Der 17-jährige Knecht Hans, der sich autodidaktisch zu Besserem berufen fühlt, als auf dem Land zu versauern, hat seine bäuerliche Herkunftswelt hinter sich gelassen, um in Wien zu sich selbst zu finden. Denn ihn peinigt die zwiespältige Gabe, von den Gedanken anderer Leute heimgesucht zu werden, weshalb er den Rat der Psychoanalytikerin Helene Cheresch sucht.

In ihrem Umkreis lernt er zwei weitere junge Leute kennen: die aus proletarischen Verhältnissen stammende Mathematikstudentin Klara und den Aristokratensohn Adam, der sich auf seine Weise dem militaristischen Familiendrill in die sinnliche Verfeinerung durch die Kammermusik der Zweiten Wiener Schule entzieht. Alle drei verhalten sich zur überlebten Ordnung ihres Herkommens ungefähr so wie die inkommensurablen Zahlen zu den natürlichen. Darüber promoviert Klara, Zahlen, deren geometrische Evidenz im systemsprengenden Widerspruch zur Theorie stehen, in der sie gedacht werden. Oder so ähnlich. „Das Auf-die-Spitze-Treiben des Rationalen ist das Irrationale“, erklärt Klara Hans, der das auch nur der Spur nach versteht. Was aber völlig ausreicht, um dieser Ahnung wie ein roter Faden durch das Labyrinth einer vor Spannung berstenden Stadt zu folgen, die in den Stunden vor Kriegsausbruch ihre eigene Weise hat, Rationalität ins Irrationale zu investieren. Am Ende einer langen Nacht wird Hans einige davon kennengelernt haben.

Patriotisches Schlafwandeln

Er wird erleben, wie das kulturelle Hochamt einer Quartettprobe in eine dumpfe Schlägerei ausartet. Er sitzt an der Tafel mit alten Backenbärten, die gerade ausgehandelt haben, eine Generation junger Leute in den Tod zu schicken, abgefunden mit dem leeren Versprechen eines ständeübergreifenden Patriotismus.

Er kreuzt die Pfühle, in denen das ausgebeutete Lumpenproletariat vegetiert, lernt queere Formen der Liebe kennen und steigt hinab in die Unterwelt des Es, als wäre Wien nicht nur der Wirkungsort Sigmund Freuds, sondern zugleich das topische Modell von dessen Seelenlehre.

Die Psychoanalytikerin Helene erforscht das Phänomen, dass eine Vielzahl von Leuten Ausschnitte des gleichen Traums träumen, darunter auch Adam und Klara, die als Einzige sogar die Gabe besitzt, zwischen den einzelnen Sequenzen hin und her zu wechseln. Seltsam. Aber wie verhält es sich mit der nationalistisch aufgeputschten und zugleich schlafwandelnden Masse – woher stammen die Vorstellungen und Träume, denen sie in die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts folgt?

Raphaela Edelbauers Spurensuche führt an die einsamen Zonen, in die sich die fortgeschrittenste Kunst und Wissenschaft wagt, aber auch an die Abbruchkanten der Vernunft von Rausch, Manipulation und Esoterik. Und so tief sie ihren Protagonisten in diese Abgründe blicken lässt, verliert sie ihn nie an einen historischen Bildungsbilderbogen.

Gezielt gesetzte V-Effekte reißen ihre somnambul-präzise Sprache immer im genau richtigen Moment aus dem Taumel der Erinnerung in die Geistesgegenwart des Hier und Jetzt. Denn von diesem Wien ist es nur ein kleiner Sprung zur Frage, welches kalte Kalkül in den kollektiven Wahngebilden steckt, von denen heute Verschwörungsanfällige so überzeugt sind, als wären es ihre eigenen Erfahrungen.

Dieser vielschichtige Roman gibt darauf keine vorschnellen Antworten, sondern vollzieht an sich selbst, wovon er handelt: die Zirkulation von Erinnerungen, Suggestionen und Texten, die jenen Raum beschriften, in dem wir glauben, ganz wir selbst zu sein. Das macht diese „Inkommensurablen“ ziemlich unvergleichlich.

Info

Autorin
Raphaela Edelbauer, geboren in Wien, studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst. Für ihr Werk „Entdecker. Eine Poetik“ wurde sie mit dem Hauptpreis der Rauriser Literaturtage ausgezeichnet. Außerdem wurde ihr der Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb, der Theodor-Körner-Preis und der Förderpreis der Doppelfeld-Stiftung zuerkannt. Ihr Debütroman „Das flüssige Land“ stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, für ihren zweiten Roman „DAVE“ erhielt sie den Österreichischen Buchpreis. Raphaela Edelbauer lebt in Wien.

Termin
Am 3. Juli stellt die Autorin ihren Roman im Gespräch mit dem Literaturkritiker Helmut Böttiger im Stuttgarter Literaturhaus vor.

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