Der, der hier erzählt, jobbt in einem Kino als Filmvorführer, während er an dem Roman seines Lebens schreibt, in das jene Liebe auf den ersten Blick wie ein Blitz eingeschlagen hat. Er weiß genau, in welcher Einstellung so etwas ins Bild zu rücken ist. Und natürlich spielt dabei das Buch, das die Leserin vor sich hat, keine geringe Rolle: Rolf Dieter Brinkmanns „Rom, Blicke“. Ein Buch, das der mit einer Halbwaisenrente durch die Westberliner Boheme der Achtzigerjahre taumelnde junge Mann vor Kurzem selbst gelesen hat: „Er beschrieb Landschaften, Zustände, Verlorenheiten, in denen ich mich wiederfand, wiedererkannte, (…) seine Sucht nach Gegenwart war meine Sucht.“
Aufgeputscht von Drogen und Theorie
Aber aus jeder Gegenwart wird Vergangenheit, und die einzige Weise, sich ihr zu nähern, ist das Erzählen. Wenn nichts selbstverständlich ist, und es kein Muster gibt, auf das man sich verlassen könnte, dann besteht, was man Individualität nennt, aus Geschichte. Aus Erlebnissen, Erfahrungen, aus dem ganzen Prozess, der uns zu dem macht, was wir sind. Genau das ist das Thema der Diplomarbeit, die der junge Mann seinen von Drogen und Theorie aufgeputschten Streifzügen durch den nächtlichen Großstadtdschungel abringt, um sein Psychologie-Studium doch noch zu beenden.
Was uns trägt, liegt damit allein in den flatterhaften Händen der Erinnerung, die uns ständig neue Bruchstücke zusteckt, aus denen wir uns etwas zusammenreimen müssen, zu dem wir sagen können: Das bist du.
Mittlerweile sechs Romane hat Ulrich Peltzer diesem Dilemma abgerungen, dessen Produktivität mit der existenziellen Not einhergeht, dass sich nichts voraussetzen lässt, und die Aufschlüsse über die innersten Zusammenhänge der Dinge nur im Medium der Fiktion zu gewinnen sind.
Akt, eine Treppe hochsteigend
Und vielleicht ist das die eigentliche Geschichte, die hier erzählt wird – eine Geschichte von Büchern, Filmen, ekstatischer Kunsterfahrung, über die der Stoff des eigenen Lebens erst zugänglich wird und seine Formung erfährt: „Wie konnte man nach ,Birdland’ oder ,Pissing in a River’ weitermachen wie zuvor“, heißt es einmal. „Wie stumpf musste man sein, mit den ewig gleichen Gedanken, den üblichen Gewohnheiten.“ Und so bezieht dieser Roman seine Intensität und Kraft gerade nicht aus dem verklärenden Rückblick auf eine Zeit der 1-Zimmer-Ofenwohnungen, in der reichlicher Alkohol- und Amphetamingenuss die Voraussetzung geschaffen hat, Deleuze/Guattaris Kultbuch „Anti-Ödipus“ zu verstehen – und beim Anblick eines die Treppe hochsteigenden Akts vom Blitz getroffen zu werden. Peltzers Bestandsaufnahme lebt vielmehr vom Bewusstsein einer grundsätzlichen Flüchtigkeit und dem Versuch, dem Verschwinden Worte abzuringen, im Wissen, dass sich damit Satz für Satz die Wirklichkeit, um die es geht, verändert.
Dieser junge Mann glaubt nicht mehr an die Utopie, den „Kiffertraum von einem Leben ohne Konflikt“. Er verausgabt sich im Augenblick, und setzt der Gefahr, am Ende mit leeren Händen dazustehen, ein wildes Schreiben entgegen, das alle Grenzen zwischen Personen, Gattungen, Materialien überschreitet: „Zwischen Fiktion und Realität keinen deutlichen Trennstrich ziehen zu können, hat mir nie Sorgen bereitet.“ Die Montage aus tagebuchartigen Aufzeichnungen, Zitaten, poetologischen Reflexionen, versammeltem cineastischem Wissen sperrt sich gegen die Folklorisierung der eigenen Geschichte und wird gerade dadurch zu einem Zeitbild, in dem man wiederzuerkennen glaubt, was man niemals erlebt hat.
Aus der Zeit gefallen
Und mittendrin ein Augenblick des Glücks während einer Reise mit der Geliebten nach Zandvoort. Alles weg, was zwischen ihnen steht, ein Einklang ohne Ziel: „Als wären wir plötzlich aus der Zeit gefallen, aus jeder Zeit, Vergangenheit und Zukunft, was gewesen war, was noch käme, Traum, Wunsch, Hoffnung.“ Aber die Zeit kennt kein Halten. Irgendwann ist die Frau mit dem Buch wieder verschwunden, in den Armen eines unangenehmen akademischen Aufschneiders namens Dolf, bei dem sich der Erzähler fragt, wo er sein A verloren habe. Verluste überall.
Was bleibt, ist das Schreiben, der Versuch eines Romans, in der jemand wie sie eine Rolle spielen sollte. „Aber ich wollte keine Geschichte schreiben, keine Worte, sondern die Wirklichkeit, in der ich sie wieder in den Armen hielte.“ Diese Pygmalion-hafte Form der Vergegenwärtigung scheitert. Der Erzähler findet stattdessen Trost und Obdach bei einem schwulen Freund, der ihm aus Leder eine neue Haut schneidert und in die Kunst der Filmvorführung einweist. Und zwischen zwei Blenden beginnt er zu schreiben. Die verlorene Geliebte bringt ihm das nicht zurück. Aber jedem, der das dabei entstandene Buch liest, steht dieses von Euphorie und Verlust, Glück und Enttäuschung geformte Leben so deutlich vor Augen, dass man nicht zögern würde, es sofort in die Arme zu schließen.
Ulrich Peltzer: Das bist du. Roman. S. Fischer. 288 Seiten, 22 Euro.
Autor
Ulrich Peltzer wurde 1956 in Krefeld geboren. Er studierte Philosophie und Psychologie in Berlin, wo er seit 1975 lebt. Schon sein Debüt „Die Sünden der Faulheit“ von 1987 spielte in West-Berlin. Sein Roman „Das bessere Leben“, 2015 für den Deutschen Buchpreises nominiert, untersucht die Zusammenhänge von unseren Träumen und den Geldströmen, die die Welt zusammenhalten.
Termin
An diesem Donnerstag um 19.30 Uhr stellt Ulrich Peltzer seinen neuen Roman im Literaturhaus Stuttgart via Livestream vor.