Bücherschränke Reste-Rampe und Fundgrube für Literaten

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Es gibt sie in Berlin und Backnang, Reutlingen und Remseck, Göttingen und Gerlingen, Darmstadt und Ditzingen: die allzeit offenen Tausch- und Ausleihstellen für Bücher. Die Idee entstand 1991 als Aktionskunst der Künstler Michael Clegg und Martin Guttmann.

Der Bücherschrank Foto: factum/Granville
Der Bücherschrank Foto: factum/Granville

Kreis Ludwigsburg - Es gibt sie noch, auch in Zeiten elektronischer Konkurrenz durch E-Books, Smartphones oder Tablet-PC : Buchstabensüchtige, Bibliophile, die beim Kaffeetrinken, beim Verweilen in einer (fremden) Stadt mehr brauchen als Speisekarten oder Werbeblättchen. Menschen, die sich an der griffigen Erfahrung eines gedruckten Schriftwerks gerne festhalten, sich inspirieren lassen und gerne durch Reihen von Buchrücken stöbern.

Für diese Menschen sind die offenen Bücherschränke erfunden worden, und seit einigen Jahren werden diese immer populärer, werden in immer mehr Städten und Gemeinden Behältnisse aufgestellt: für Besucher und Einheimische, die suchen, schmökern, leihen, mitnehmen oder etwas reinstellen wollen. Jüngstes Mitglied im Bunde der Bücherschrankstädte ist Sachsenheim. Dort sucht die Stadtverwaltung geeignete Schränke, um Leseratten auch hier Gratisfutter anbieten zu können (Wer einen abzugeben hat: bitte an die Bücherei wenden unter 0 71 47/90 02 53 oder buecherei@sachsenheim.de). Für uns Grund genug, dem Phänomen der Gratisstöberschränke auf den Grund zu gehen.

Lesen mit Sand und Sonnenschirm

Thomas Hitschler lächelt zufrieden in seinen schlohweißen Rauschebart. Er holt einen Stapel Bücher von ganz oben aus dem rund zwei Meter hohen Bücherschrank am Vaihinger Marktplatz und sortiert sie liebevoll zwei Etagen weiter unten ein. „Das Projekt hat sich gelohnt, es läuft richtig gut“, sagt Hitschler, ein Aktivist der „Vaihinger Aktion Innenstadt“, kurz: VAI. Der Verein war Pionier in Sachen offener Bücherschrank im Kreis: pünktlich zur Eröffnung des „Vaihinger Strandlebens“, bei dem tonnenweise Sand nebst Sonnenschirmen und Liegestühlen den Marktplatz zur mediterranen Piazza machen, wurde 2009 der Bücherschrank aufgestellt. Eine Marke Eigenbau eines örtlichen Schreiners: vier Etagen, beidseitig befüllbar und mit wetterfesten Klappen. Am Donnerstag, 16. Juli, wird das Regal bei der Strandleben-Eröffnung also sechs Jahre alt.

Wie auf Bestellung kommt ein Pärchen an den Schrank – Touristen wahrscheinlich – und stöbert nach einem literarischen Zeitvertreib. Tatsächlich kann man hier mit etwas Geduld und Jagdinstinkt fündig werden: zwischen den üblichen Verdächtigen (Simmel, Danella, Konsalik) und merkwürdigen Spezialpublikationen (von Elektro- bis Gartentechnik) stechen unter den rund 400 Titeln auch Perlen hervor – zum Beispiel die „Stadt der Blinden“ des Literatur-Nobelpreisträgers Jose Saramago. Ganz zufällig ist das nicht: „Wir misten hier regelmäßig aus“, sagt Thomas Hitschler.

Bücher sind der Witterung ausgesetzt

Auch in Ditzingen wird der Bücherschrank am Glemsbalkon regelmäßig betreut. Michael Kecker von der Bürgerstiftung schaut danach, zumal das Regal im wahrsten Wortsinn noch ein offenes ist. Bis Herbst, meint die Sprecherin der Stiftung, Ruth Romanowski-Steger, könnte der Schrank mit einer kratz- und schlagfesten Tür, am besten einer Schiebevorrichtung, versehen werden. Der Kontakt zum Handwerker ist geknüpft, die Pläne sind gemacht. Denn auch wenn die Bücher nach hinten in das tiefe Regal geschoben sind, sind sie doch schutzlos dem Wetter ausgesetzt. Michael Kecker habe „schon ein paar Mal alle Bücher in seinem Bücherregal gerettet“. Nahezu jeder dürfte fündig werden: Konsalik, Christa Wolf, Janosch, Scholl-Latour, Karl May. Die Bürgerstiftung hatte das offene Bücherregal im Rahmen der Leseförderung initiiert. Nun steht es dort seit Herbst des vergangenen Jahres. Direkt an der Glems, an einem lauschigen Platz sollen auch Nichtleser an Bücher herangeführt werden. Erwachsene Spaziergänger bleiben stehen, aber auch Jugendliche, beobachtet Romanowski-Steger. „Das tut dem Winkel ganz gut.“ Zumal der Glemsbalkon zwar in der Ortsmitte, aber doch außer Sichtweite der Haupteinkaufsstraße liegt.

Ein Chinakracher im Regal

Auch Remseck ist Teil der Bücherschrank-Familie des Landkreises. Nachdem es im Aldinger Haus der Bürger einen gab und auch in Hochberg eine Telefonzelle zu diesem Zwecke angepinselt und umgewidmet worden war, wollte der Remsecker Ortsteil Hochdorf nachziehen. Kurz vor Weihnachten 2014 wurde ein schlichter Bücherschrank bei der Bäckerei am Wilhelmsplatz aufgestellt. Zur Jahreswende warfen Saboteure einen Chinakracher hinein. Doch der Schaden war schnell behoben.

Seitdem wird der Schrank regelmäßig beobachtet und fachlich betreut – und zwar von einer echten Expertin, der ehemaligen Leiterin der Ortsbücherei, Christa Enke. Der rund 200 Werke fassende Schrank wirkt fast noch ein wenig besser sortiert als das ältere Pendant im deutlich größeren Vaihingen/Enz. Außer Simmel, Stephen King und Co., flankiert vom „Großen Kreuzworträtsel-Lexikon“ und weiteren kuriosen Fachtraktaten, findet sich hier aktuell durchaus Habhaftes: die „Ehepaare“ von John Updike oder „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ von Peter Hoeg.

„Die Frau Enke ist da wirklich hinterher“, sagt der FDP-Stadtrat Gustav Bohnert, der zufällig zum Kaffee vorbeikommt. Er selbst hat nach eigenem Bekunden noch nie etwas ausgeliehen, aber: „Meine Frau und ich sind aktive Bringer.“

Stöbern in der Telefonzelle

Die Gerlinger haben kurzerhand eine echte alte englische Telefonzelle umgewidmet. Vor 27 Jahren war sie ihnen von ihrer Partnerstadt Seaham geschenkt worden. Die Telefonzelle hatte zunächst ihre eigentliche Funktion erfüllt. Als sie aber immer weniger benutzt wurde, wurde sie immer mehr zur Zielscheibe von Vandalismus. Bis sie dann, wieder hergerichtet, auf dem Neuen Platz an der Endhaltestelle der Stadtbahn in neuer Funktion auch einen neuen Standort erhielt.

Seitdem ist sie ein bunter Blickfang auf der weiten Fläche zwischen der Seniorenwohnanlage und der Stadtbibliothek. Knapp 200 Bücher stehen dort, darunter ein vergleichsweise neues „Reise-Abc Schweiz“ ebenso wie ein in die Jahre gekommenes Kündigungsschutzgesetz. Gleichwohl macht sich offenbar die Nähe zur Schule bemerkbar: etliche ausrangierte Reclamhefte laden zum Lesen ein.




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