Bürgerbeteiligung Laien forschen für die Wissenschaft

Lichtsmog auf Fotos von Hobbyforschern: links Stadt, rechts Land. Foto: Andreas Hänel
Lichtsmog auf Fotos von Hobbyforschern: links Stadt, rechts Land. Foto: Andreas Hänel

Wenn Wissenschaftler für ein Projekt große Mengen Daten brauchen, greifen sie gerne auf freiwillige Helfer zurück. Und die gibt es zahlreich: Citizen Scientists nennen sie sich, und sie helfen etwa beim Vogelbeobachten, Mückensammeln oder Gemälde-Taggen.

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Stuttgart - Sie fangen asiatische Buschmücken, suchen Hirschkäfer, halten Ausschau nach Mauerseglern und zählen Pinguine. Sie untersuchen die Oberfläche des Mondes, erkunden den Mars und gehen der Entstehung von Galaxien auf den Grund. Die meisten von ihnen verfügen über kein fachspezifisches Wissen und sind keine ausgebildeten Forscher: Sie nennen sich Citizen Scientists – Laien, die Forschung als Hobby betreiben und damit ihren Beitrag zur Wissenschaft leisten.

Christopher Kyba gehört zu den Wissenschaftlern, die auf die Hilfe der Hobbyforscher angewiesen sind. Kyba arbeitet beim Deutschen Geoforschungs-Zentrum und untersucht die Lichtverschmutzung des Himmels. Dabei ist er auf große Datenmengen angewiesen: „Mit den vielen Daten, die die Citizen Scientists sammeln, können wir viel genauere Aussagen treffen“, so Kyba. Die Daten können Smartphone-Nutzer mit der „Verlust der Nacht“-App übermitteln. Hierzu wird von einem beliebigen Standort aus der Himmel fotografiert. Das Foto wird dann automatisch per App an das Forscherteam um Kyba weitergeleitet.

Kybas Projekt ist eine der erfolgreichsten in Deutschland und auch auf der Online-Plattform www.buergerschaffenwissen.de aufgelistet. Dort bieten viele andere Forschungsinstitute Hobbyforschern die Möglichkeit, an den unterschiedlichsten Projekten teilzunehmen – vier der interessantesten Projekte stellen wir vor.

Die Plattform ist seit einem Jahr online, und Wiebke Volkmann von der Initiative „Bürger schaffen Wissen“ zieht eine positive Zwischenbilanz: „Wir haben bisher 43 Projekte online, und in regelmäßigen Abständen erreichen uns immer wieder neue Anfragen.“

Wissenschaft und Wissensgesellschaft

Weil die Nachfrage vieler Wissenschaftler nach engagierten Hobbyforschern so groß ist, sprechen Wissenschaftstheoretiker wie Peter Finke von einer Annäherung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. In seinem Buch „Citizen Science – Das unterschätzte Wissen der Laien“ (Oekom Verlag) plädiert der emeritierte Professor für eine Förderung der Citizen Science, um das lebendige Wechselspiel zwischen der Wissenschaft und der „freien, demokratischen Basis“ der Wissensgesellschaft zu festigen.

In den USA ist diese Basis schon ausgereift. Dort gibt es die Online-Plattform „Zooniverse“, auf der inzwischen mehr als 1,3 Millionen Menschen an wissenschaftlichen Projekten teilnehmen. Auch hier sammeln Hobbyforscher für die Wissenschaftler große Datenmengen, die ein kleines Team an Profiforschern nicht stemmen könnte. Das reicht vom Kennzeichnen alter Tagebücher aus dem Ersten Weltkrieg bis hin zur Untersuchung von Explosionen auf der Sonne. Jedes Projekt verfügt über eine kurze, interaktive Anleitung, in der man das Handwerk erlernt und sofort loslegen kann. Insbesondere bei Astronomie-Projekten haben die Citizen Scientists schon echte Entdeckungen gemacht.

Beobachten ja, Experimente nein

Auch Günter Stock, Präsident der ­Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, sieht die Citizen Science als eine Chance, um neue Wege in der Wissenschaft zu gehen – jedoch nur, solange sie eine „beobachtende Wissenschaft“ bleibe. „Bei Experimenten, die einen bestimmten Forschungs- und Sicherheitsstandard erfordern, bin ich dagegen“, sagte Stock in einem Videointerview. In diesem Fall setzten sich die Hobbyforscher einer zu großen Gefahr aus.

Standards und Strukturen – das fehlt der Citizen Science noch. Die Bürger-schaffen-Wissen-Initiative organisiert deshalb am 4. Mai in Hamburg ein Dialogforum, bei dem Projektinitiatoren und Hobbyforscher die Zukunft ihrer Wissenschaft gestalten sollen. Wiebke Volkmann will auch den Austausch verbessern: „Wir wollen eine Geben-und-nehmen-Kultur.“ Im Gegenzug für die Datensammlung sollten die Hobbyforscher in Zukunft für ihre Arbeit belohnt werden, so Volkmann. Zum Beispiel, indem sie Einsicht in den Forschungsprozess bekommen und vielleicht sogar mal ein größere Forschungsprojekt selbst vorschlagen dürfen.

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