Am Samstag stand er um halb vier Uhr früh am Tatort des Mordes an einem 18-Jährigen, über Ostern belagerten ihn Fernsehen und Zeitungen. Seit Sommer 2022 musste der Asperger Schultes Christian Eiberger mehrfach Ausnahmezustände bewältigen. Ein Gespräch darüber, wie er das fertigbringt.
Herr Eiberger, innerhalb eines Dreivierteljahres wurden zwei junge Menschen aus Asperg umgebracht. Eine mögliche Landeserstaufnahmestelle vor der Haustür wühlt die Menschen zusätzlich auf. Trotzdem wirken Sie zuversichtlich. Wie schaffen Sie das?
Sie sagen: ‚Ich wirke so’. Ich denke: Ich bin auch genau so. Ich bin Optimist aus Überzeugung. Das lasse ich mir auch von niemandem nehmen. Auf katastrophale Ereignisse wie diese beiden Todesfälle ist man natürlich nicht vorbereitet, und es wäre auch schlimm, wenn man darauf vorbereitet werden müsste. Mit so einer Haltung geht man ja nicht an diesen Traumjob heran. Wenn solche Dinge geschehen, belasten sie natürlich massiv. Ich habe aber meine Familie, Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich mich austausche. Das hilft mir, Kraft zu schöpfen, um dann sagen zu können: Durch diese Situationen müssen wir durch, aber dann schauen wir als Stadtgesellschaft gemeinsam nach vorne und überlegen – was können wir tun, und wie wollen wir leben, damit so etwas Schlimmes nicht wieder passiert? Und wie können wir für unseren öffentlichen Raum ein anderes Sicherheitsgefühl schaffen?
Das Kleinstadt-Sicherheitsgefühl ist in Asperg doch massiv erschüttert.
Mit ist etwas ganz wichtig: In allen Medien spricht man jetzt über die Waffen, über diese unfassbare Tat. Mir persönlich kommen die Familie des getöteten jungen Mannes und die Freunde, die trauern, zu kurz. Unsere Gedanken sind bei ihnen, wir wollen ein Signal senden: Der Staat und die Kommune dürfen sich solche Taten nicht gefallen lassen. Deswegen ist es wichtig, dass es einen schnellen Ermittlungserfolg gab. Ich hoffe, dass der Verdacht sich bestätigt, die Täter überführt und entsprechend bestraft werden, und man der Familie zeigen kann: Ja, wir nehmen eure Trauer ernst, und ja, der Staat handelt.
Wollen und können Sie den Familien in ihrer Trauer beistehen?
Da muss man sehr behutsam vorgehen. Ich kann nicht mit der Tür ins Haus fallen, eine Familie muss nach einem so schrecklichen Unglück die Chance haben, sich zu sammeln. Bei Tabithas Familie habe ich eine gewisse Zeit ins Land gehen lassen und mich dann als Gesprächspartner angeboten, aber mit dem Signal, dass ich es auch bestens verstehen könnte, wenn sie kein Gespräch will. So kamen wir in Kontakt. Wir haben uns getroffen, und ich empfand es als sehr gut und wertvoll. Wir sind bis heute in losem Austausch. Mir war es wichtig, dass die Familie sich nicht allein gelassen fühlt, sondern weiß, die Stadt und die Stadtgesellschaft nehmen Anteil. Im aktuellen Fall möchte ich auch so vorgehen.
Haben Sie einen Coach?
Nein, und habe nicht vor, mir einen zu besorgen. Ich verlasse mich auf mich selbst. Natürlich bedarf es einer mentalen Vorbereitung. Aber ich gehe offen auf die Leute zu, ich verstelle mich nicht. Ich habe ein ehrliches Interesse daran, Halt und seelische und moralische Unterstützung zu bieten. Egal, wie schwierig das Thema ist. Das ist meine persönliche Haltung.
Woher nehmen Sie diese Stärke?
Ich bin so erzogen worden. Von Kindesbeinen haben mich meine Eltern geprägt, vorurteilsfrei auf Menschen zuzugehen, mit jedem das konstruktive Gespräch zu suchen und Verantwortung zu übernehmen.
Sie besuchen keine Resilienz-Kurse für Kommunalpolitiker?
Vielleicht kommt der Tag noch, dass ich so etwas brauche. Aber momentan fühle ich mich stark genug, dass ich das auch ohne solche Hilfen leisten kann. Ich bin, wie ich bin. Ich denke, das verschafft mir eine gewisse Glaubwürdigkeit. Die hilft mir wiederum zu sagen: Auch wenn einmal alles auf dich einprasselt – bleib deiner Linie treu.
Sie wurden nach Tabithas Tod von der Identitären Bewegung bedroht. Hatten Sie Angst?
Gedanken habe ich mir schon gemacht, aber Angst hatte ich nicht. Ich fühle mich sicher, meine Familie und ich haben uns nach den Anfeindungen der Identitären Bewegung auch mit der polizeilichen Betreuung gut aufgehoben gefühlt. Ich habe die Situation auch nicht unter den Tisch gekehrt, sondern wollte der Bevölkerung zeigen, wie nah vor der eigenen Haustür sich solcher Hass abspielt. Durch den offensiven Umgang wollte ich auch ein Signal geben, dass ich das nicht zulasse und mich wehre. Aber noch einmal, auch im aktuellen Fall: Was ich erlebt habe und erlebe, ist um ein Vielfaches weniger schmerzhaft als das, was die trauernden Familien aushalten und durchstehen müssen.
Der Prozess gegen den Angeklagten im Fall Tabitha beginnt jetzt. Gleichzeitig kommt in Sichtweite womöglich eine Landeserstaufnahmestelle (Lea) für Geflüchtete. Eine giftige Kombination?
Diese Gemengelage ist ganz schwierig und heikel. Zu der Zeit, in der die Verhandlung gegen einen tatverdächtigen Syrer beginnt, sind wir ohne jegliches Fingerspitzengefühl mit einer möglichen Lea für mehr als 1000 Menschen direkt vor unserer Haustür konfrontiert. Ganz klar: Man darf die Menschen niemals über einen Kamm scheren. Auch wenn man 1500 Deutsche an einen Ort packt, sind schwarze Schafe dabei. Ich verstehe auch, dass das Land seinen Aufgaben nachkommen muss. Aber das Land muss auch unsere Sichtweise verstehen und akzeptieren, dass wir diese Pläne ablehnen.
Sie sind ungewollt medial präsent geworden. Wie geht es Ihnen damit?
Seltsam. Deutschlandweit wegen einer getöteten Jugendlichen oder einer Schießerei in Asperg bekannt zu werden, seinen Namen im ‚Spiegel’ oder im ‚Focus’ zu lesen, sein Gesicht im Fernsehen zu sehen: Das ist nichts, was man sich wünscht. Wenn man eine neue Keltenstätte in Asperg finden würde, darüber würde ich liebend gerne den ganzen Tag erzählen. Klar muss ich mich bei solchen schlimmen Themen den Medien stellen, weil es ein berechtigtes Interesse gibt. Aber es ist jedes Mal neu belastend.
Machen Sie sich Sorgen wegen der schlechten Außenwirkung Ihrer Stadt?
Ich bin der Überzeugung, dass wir keine schlechte Außenwirkung haben. Ja, wir müssen diese schrecklichen Dinge aufarbeiten, die medial auch ausgetreten werden. Aber wir müssen auch wieder zu den schönen Ereignissen zurückfinden und sie nach außen strahlen lassen.
Stadt reagiert – keine Facebook-Kommentare mehr möglich
Zur Person
Christian Eiberger (parteilos), 41 Jahre, ist seit Herbst 2017 Asperger Bürgermeister. Er wuchs in Neuler bei Ellwangen auf, studierte an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg Diplom-Verwaltungswirt und arbeitete unter anderem in Ingersheim und Möglingen. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.
Soziale Medien
Die Stadt Asperg schaltete nach Tabithas Tod die Kommentarfunktion ihres Facebook-Accounts ab: „Sie ist für öffentliche Einrichtungen eine rechtliche Grauzone und die Kommentar-Moderation rund um die Uhr nicht leistbar“, sagt Eiberger.