Nun gibt es keine Verlängerung mehr, der Abpfiff der sechsten Amtsperiode ist unausweichlich. Kann man nach so einer langen Zeit loslassen? „Das ist Kopfsache“, sagt der Verwaltungschef. „Man kann ja nicht irgendwo der ewige Bürgermeister sein.“ Jeder Wechsel bringe neue Impulse, das sei im Rathaus nicht anders als auf dem Fußballplatz. „41 Jahre waren eine erfüllende Zeit, nun kommt etwas Neues.“ Geplant habe er nichts, sagt er, „ich lasse das auf mich zukommen“. Der fast 73-Jährige geht davon aus, „dass es ein paar Monate braucht, bis sich eine gewisse Balance einstellt“. Jahrzehntelang habe er selbst im Urlaub nie richtig abgeschaltet, sei immer irgendwie im Dienst gewesen. „Das wird jetzt nicht mehr so sein.“
Zunächst Werkzeugmacher gelernt
Nachdenklichkeit schwingt mit, wenn Karl Vesenmaier auf sein berufliches Leben zurückblickt. Als Kind einer Landwirtsfamilie habe er Bescheidenheit gelernt, sagte der verheiratete Vater von vier erwachsenen Kindern einmal, der in Treffelhausen aufgewachsen ist. Er selbst fand über den zweiten Bildungsweg und „glückliche Umstände“ zu seinem „Traumberuf“. Er lernte zunächst Werkzeugmacher, bevor er den Weg in den gehobenen Verwaltungsdienst einschlug. Als Mathe-Fan sammelte er zunächst Erfahrungen als Kämmerer, dann reifte der Wunsch, ein kommunales Spitzenamt anzustreben. „Am 17. Oktober 1982, mit 31 Jahren, wurde ich gewählt“, sagt er, am 5. Dezember dann war Dienstantritt. Die Daten hat er präsent, auch den Abschied am 6. März 2024 wird er nicht vergessen. Viereinhalb Monate nicht genommenen Urlaub nimmt er mit in den Ruhestand.
Vor seiner letzten Wahl, kurz vor seinem 68. Geburtstag, startete er noch mit Träumen, Zielen und Visionen in die Zukunft, von Amtsmüdigkeit war keine Spur. Nun gibt es den Blick zurück auf das Geschaffte. Und das ist jede Menge. Karl Vesenmaier nennt das „schnelle, aber verantwortliche Wachstum“ der Gemeinde an der B 297. Bei seinem Amtsantritt seien es 2700 Einwohner gewesen, heute knapp 4000. Die Wäschenbeurener Grundstückspolitik habe zu diesem Wachstum geführt und viele Millionen Euro in die Gemeindekasse gespült, sagt der Bürgermeister, der das Bauwesen als sein Steckenpferd bezeichnet, nicht ohne Stolz. Es brauche eine gewisse Größe, um die Infrastruktur im Ort zu halten, ist er überzeugt. Das Geld sei dann bei öffentlichen Bauvorhaben eingesetzt worden.
Es ist ein Parforceritt durch 41 Jahre Bürgermeisterdasein. Vesenmaier nennt den Bau der Bürenhalle als einen Meilenstein, der anfangs zu einer Zerreißprobe im Ort wurde. Aber auch die Schulhauserweiterung, den Umbau des alten Bahnhofs zu einem Kindergarten, die Entwicklung des Sportzentrums, die innerörtliche Gestaltung. Als Kämmerer habe er gewusst, wie er die vielen staatlichen Förderprogramme nutzen kann, erzählt er. Zehn Prozent der Gemeinden in Baden-Württemberg seien schuldenfrei, Wäschenbeuren gehört dazu.
Neuer Supermarkt wird gebaut
Die Bebauung des Rathausquartiers mit Café und Bibliothek fällt dem Bürgermeister ein und der nicht ganz günstige und damals umstrittene Brunnen, der aber heute nicht mehr wegzudenken sei. „Mir war immer wichtig, dass etwas von hoher Qualität ist“, erklärt er. Dass die ärztliche Versorgung im Ort gesichert ist, bezeichnet er als hohes Gut. Genauso wie die Nahversorgung, die derzeit mit dem Bau eines neuen Supermarkts sichtbar wird. „Ich habe mehrere Leitz-Ordner zu diesem Thema“, meint er schmunzelnd und spielt darauf an, dass nicht jedes Vorhaben ein Spaziergang war und ist.
Für Vereine greife die Gemeinde tief in die Tasche, und die Feuerwehr habe kein Nachwuchsproblem. Der Verkehr ist ein Thema, das Vesenmaier all die Jahre begleitet hat. Er plädiert langfristig für ein großräumiges Konzept, um die Anlieger vor allem vom überregionalen Lastwagenverkehr zu entlasten. Bereits derzeit fänden in diese Richtung erste Untersuchungen statt.
Die Liste an Projekten ließe sich unendlich fortführen. Von Investitionen in Photovoltaikanlagen über Mietwohnungsbau bis hin zur Schulsozialarbeit. Doch der altgediente Rathauschef macht jetzt einen Punkt. Ihm ist es noch wichtig zu betonen, dass ein Kapitän ohne seine Mannschaft im Rathaus und die konstruktive Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat nichts ist. Und auch Diskrepanzen dazu gehören, das habe er stets sportlich gesehen: „Das ist das Salz in der Suppe. In jedem Streitgespräch lernt der eine vom anderen.“
Steven Hagenlocher heißt der Nachfolger
Nun übergibt Vesenmaier die Kapitänsbinde an Steven Hagenlocher. Der künftige Alt-Bürgermeister wird in Wäschenbeuren bleiben, „denn ich sehe mich als Teil der Ortsgemeinschaft“, sagt er. „Da ist so viel gewachsen, ein gutes Miteinander war mir immer wichtig“. Es kommt nun eine Zeit des Sich-Sortierens, aber auch eine Zeit, in der er seinen Hobbys wie Rad- und Skifahren nachgehen und mit seiner Frau reisen kann. Und mit vier Kindern und zehn Enkeln sei ohnehin immer was los.
Was wird er am meisten vermissen? „Die täglichen Begegnungen mit den Kolleginnen und Kollegen“, sagt er leise. Doch es gibt einen Trost: „Wenn ich künftig durch den Ort laufe, bin ich kein Fremder, sondern ein Bürger, den man kennt.“
Das Gesetz hätte eine Verlängerung möglich gemacht
Alter
„Du bist verrückt.“ Diesen Satz hat Karl Vesenmaier im Januar 2019 sehr oft im Bekanntenkreis gehört. Das „Verrückte“ war, dass sich der langjährige Wäschenbeurer Bürgermeister mit damals 67 Jahren erneut zur Wahl als Bürgermeister stellte und kurze Zeit später in seine sechste Amtsperiode startete.
Recht
Damals sah das Kommunalwahlrecht vor, dass ein Bürgermeister spätestens mit 73 Jahren in den Ruhestand gehen muss, auch wenn die Amtszeit zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht abgelaufen ist. Diese Regelung hat der baden-württembergische Landtag im vergangenen Jahr gekippt. Karl Vesenmaier, der jetzt im März 73 wird, macht dennoch Schluss.