Die Zustimmung der Stuttgarter zum Bahnprojekt Stuttgart 21 ist seit der Volksabstimmung 2011 zurückgegangen. Im Gegensatz zu allen anderen Großprojekten wird der Bau des Tiefbahnhofs negativ beurteilt.

Stuttgart - Dass sich die Stuttgarter in ihrer Stadt ausgesprochen wohlfühlen, hat bereits der erste Teil der aktuellen Bürgerumfrage ergeben (die StZ berichtete). Im zweiten Teil der Erhebung, die das statistische Amt am Donnerstag veröffentlicht hat, wird überdies deutlich, dass auch die großen Projekte und Vorhaben in der Landeshauptstadt durchweg positiv beurteilt werden. Einzige Ausnahme: das umstrittene Bahnprojekt S 21.

„Das Projekt stößt auf mehr Skepsis und ist auf das Meinungsniveau des Jahres 2007 zurückgefallen“, betonte Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (CDU) bei der Vorstellung der Ergebnisse. Demnach kommt der Umbau des Kopfbahnhofs in eine unterirdische Durchgangsstation aktuell nur auf eine Zustimmung von 46 von 100 möglichen Punkten auf dem Kommunalbarometer. Das sind zwar fünf Punkte mehr als bei der Bürgerumfrage 2009, zugleich aber auch der zweitniedrigste Wert seit 1995. Im Jahr der Volksabstimmung 2011, bei der sich im November knapp 53 Prozent der Stuttgarter gegen einen Ausstieg des Landes aus der Mitfinanzierung von S 21 ausgesprochen hatten, war das Projekt mit 53 Punkten so gut bewertet worden wie seit Beginn der Erhebung 1995 nicht mehr (damals 57 Punkte).

39 Prozent halten S 21 fü schlecht, 37 Prozent sehen es positiv

Der CDU-Bürgermeister vermutet angesichts des Resultats der Erhebung in Sachen S 21 einen „typischen Großbaustelleneffekt“. Durch die zunehmende Wahrnehmung der Baustellen rund um den Hauptbahnhof und in der Stadt wachse auch die Belastung der Bevölkerung. In Prozenten ausgedrückt haben 17 Prozent der Befragten eine sehr gute und 20 Prozent eine gute Meinung zu dem Projekt. Demgegenüber halten aber elf Prozent Stuttgart 21 für schlecht, 28 Prozent gar für sehr schlecht. 20 Prozent der Befragten wollten sich nicht eindeutig festlegen, nur drei Prozent haben gar keine Meinung zu dem Bahnprojekt. Die Prozentzahlen wurden von den Statistikern gewichtet und in Punkte umgerechnet, die dann auf dem Kommunalbarometer abgebildet werden. Dies soll eine bessere Vergleichbarkeit mit den vergangenen Jahren herzustellen.

Während die Tieferlegung des Hauptbahnhofs überwiegend negativ gesehen wird, sehen die Bürger die städtebaulichen Aspekte des Umbaus positiv: Die in der Zukunft zu erwartende Erweiterung des Rosensteinparks und des Schlossgartens erreicht einen Zustimmungswert von 68 Punkten, der Bau der Stadtquartiere Rosenstein- und Europaviertel immerhin noch 51 Punkte. Auffällig: eine klare Mehrheit der weiblichen Befragten (46 zu 32 Prozent) steht dem Tiefbahnhof ablehnend  gegenüber, während Männer das Vorhaben mehrheitlich befürworten (43 zu 37 Prozent).

Klinikum und Stadt am Fluss werden positiv bewertet

Durchweg positiv werden dagegen andere Projekte und stadtplanerische Vorhaben bewertet. Ganz oben auf der Punkteskala rangiert mit 75 Punkten der Ausbau des Stadtbahnnetzes. Die Neuordnung des Klinikums Stuttgart am Standort Katharinenhospital erreicht eine Zustimmung von 70 Punkten, die städtischen Pläne für einen Landschaftspark Neckar kommen auf 75 Punkte. Auch Bauprojekte wie das Stadtmuseum im Wilhelmspalais (65 Punkte) sowie der geplante Rosensteintunnel (62 Punkte) werden von der Bevölkerung überwiegend gutgeheißen. Ebenfalls auf mehrheitliche Zustimmung trifft der geplante Bau von Windkraftanlagen (63 Punkte).

Bemerkenswert auch: die von OB Fritz Kuhn (Grüne) vorangetriebene Ausweitung des Parkraummanagements wird stadtweit von 39 Prozent der Befragten überwiegend positiv beurteilt, nur 16 Prozent äußerten sich negativ. 23 Prozent äußerten sich nicht eindeutig, 21 Prozent wollten nicht antworten. Das ergibt eine Zustimmung von 59 Punkten auf dem Kommunalbarometer. Besonders hoch ist die Zustimmung im Stuttgarter Westen, dem Pilotbezirk für die Parkraumbewirtschaftung. Dort äußerten 45 Prozent eine gute bis sehr gute Meinung zu dem Konzept, 28 Prozent lehnen es ab; 19 Prozent sehen Vor- und Nachteile.

Auch Gerber und Dorotheenquartier schneiden positiv ab

Mit bereits realisierten Vorhaben sind die Bürger ebenfalls weitgehend zufrieden. Die Landesmesse auf den Fildern steht dabei gemeinsam mit dem Kunstmuseum am Schlossplatz und der Mercedes-Benz-Arena mit jeweils 73 Punkten gut da, den Spitzenplatz behaupten derweil die beiden Automobilmuseen von Daimler und Porsche mit jeweils 79 Punkten.

Weniger euphorisch, aber dennoch positiv gestimmt sind die Befragten gegenüber Bauprojekten in privater Trägerschaft oder mit privater Beteiligung. Das Einkaufszentrum Gerber (57 Punkte) und das Dorotheen-Quartier (56 Punkte) sind im Vergleich zur Bürgerumfrage 2009 in der Bewertung gestiegen beziehungsweise gleich geblieben. Nicht gefragt hat das Statistische Amt nach der Zustimmung zum Einkaufszentrum Milaneo.

Die Bürgerumfrage wird von der Stadt alle zwei Jahre durchgeführt. Zwischen April und Juni 2013 wurden 8600 repräsentativ ausgewählte Stuttgarter schriftlich befragt – 3800 antworteten. Die maximale Abweichung von den ermittelten Prozentwerten beträgt laut Thomas Schwarz, Leiter des Statistischen Amts, einen Prozentpunkt.

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