Anzeige

Bulgarien Jenseits des Mafia-Barock

Die Schwarzmeerküste Bulgariens ist an vielen Stellen wild und naturbelassen – hier die Steilküste bei Kamen Brjag. Foto: Miehtig
Die Schwarzmeerküste Bulgariens ist an vielen Stellen wild und naturbelassen – hier die Steilküste bei Kamen Brjag. Foto: Miehtig

Deutsche Urlauber lieben Bulgarien, weil die Schwarzmeerküste ein günstiges Sonnenziel ist.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Die Möwen von Sveti Konstantin i Elena ziehen ungestört ihre Kreise über dem ältesten Badeort Bulgariens. Noch hat der Strandläufer die goldene Sandbahn vor den teils futuristischen Hotelbauten fast für sich allein. Doch die Sonnenschirm-Armada steht schon Spalier. Klaus strahlt und lässt die Zähne blitzen: „Ich hab’ mir mein gesamtes Esszimmer hier neu machen lassen“, sagt er, „das ist um die Hälfte billiger als zu Hause!“ Der Norddeutsche ist seit letztem Jahr Stammpatient in der Zahnklinik Dentaprime bei Varna. Implantate mit Sonnenschein-Garantie, wo früher nur KP-Funktionäre kurten. Das ist ein bissfester Grund für einen Urlaub an der bulgarischen Schwarzmeerküste. Rund 815000 Deutsche pro Jahr zieht es nach Bulgarien.

Im Vergleich mit zehn europäischen Badeländern ist Bulgarien das günstigste für Sparfüchse, fand vor kurzem auch der ADAC heraus: Nirgendwo sonst gibt’s die Strandliege und das Bier billiger. „Bulgarien boomt“, freut sich PR-Manager Vladimir Kostov, „aber wir wollen nicht nur Billig-Touristen und Sozialhilfeempfänger.“ Die nördliche Steilküste hinter dem Hafenstädtchen Baltschik wurde auf knapp zehn Kilometern mit gleich drei Golfplätzen mitsamt Privatflughafen und Marinas bestückt.

Es gibt angenehmere Orte als die 500000-Betten-Hochburgen vom „Gold- (zahn)strand“ Zlatni Pjasaci, Albena oder dem berüchtigten, zwei Autostunden südlich gelegenen „Sonnenstrand“ mit seinen immer gleichen, oft leerstehenden Fantasy-Apartment-Klötzen – allesamt im charakteristisch-kitschigen Baustil mit Türmchen und Kuppelchen, den die Bulgaren „mutrenski barok“ nennen: Mafia-Barock. Wer diese kilometerlangen Betonwüsten meiden will, kann ins Hinterland oder nach Norden ausweichen, dort Rad fahren oder wandern und in dörflichen Privatquartieren übernachten.

Die Sonne zeichnet mit Lichtflecken Mosaike auf den Waldboden des Zlatni-Pjasaci-Nationalparks. Der Spaziergänger wähnt sich Lichtjahre von den Bettenburgen und Balkan-Ballermännern entfernt. Von alten Baumriesen hängen verschlungene Dornenlianen. Tief Luft holen bei erdigem Waldaroma kann man auf bis zu fünfstündigen Wanderrouten durch den schattigen Eichenwald, ab und zu mit Küstenpanorama.
Hier findet der Frühaufsteher sogar Orte zum Meditieren. Alle Wege des Parks führen ins Kloster: In die Höhlen und Felsvorsprünge des Aladza manastir zogen sich vor rund 700 Jahren die Hesychasten zurück. Die Ruhe und Stille suchenden Mystiker lebten in winzigen Mönchszellen. Treppauf, treppab durch Krypta, Küche und Speisesaal können Besucher heute das Felsenkloster erkunden, manch einer mit rot verbrannter Haut und in Shorts. Die Mönchschoräle schallen von der CD im Museumshäuschen über die Felswand – und wenn man tagsüber eine Pause zwischen zwei Busgruppen erwischt hat, möchte man in den Wald hinausrufen: So müssen Orte der Erleuchtung aussehen!

Wer sich 50 Kilometer weiter nördlich auf die Spuren der Mystiker der Neuzeit begibt, landet in Kamen Brjag nahe der rumänischen Grenze. Das verschlafene Nest am Rande der mit rotem Klatschmohn bewachsenen Steilklippen wird alljährlich von einer kleinen Invasion heimgesucht: Zum „1.-July-Morning“, einer Tradition seit der politischen Wende 1989, versammeln sich hier Hippies und Esoteriker aus ganz Bulgarien. Man sitzt mit Gitarre ums Feuer, hausgemachter Kräuterschnaps macht die Runde. Wenn die Trommler verstummt sind, schläft man im Schlafsack unter Sternen. Kristian kommt aus Varna und will mit dem Sommerjob im Gasthof sein 250-Euro-Durchschnittsgehalt aufbessern: „Vor zwei Jahren zum Juli-Festival habe ich 700 Kaffees serviert – an einem Tag!“ Etwa 4000 Leute strömen zum Festival in das Kaff am Ende der Dobrudscha-Steppe, manch einer aus Italien, Deutschland oder Schweden.

Die Gegend ist auch berühmt für ihre 2500 Jahre alten Gräber und Erdlöcher von Jailata. Auf dem archäologischen Ausgrabungsgebiet über dem Meer betritt man große Wohnhöhlen mit erkennbaren Schlafnischen und antiker Weinstube. Manch einer glaubt, dass in den Höhlen Einsiedlermönche lebten und meditierten. So der junge Bogi, der mit Rucksack am Lagerfeuer sitzt. „Das ist ein ganz spiritueller Platz hier, ich komme seit ein paar Jahren immer wieder für ein paar Tage hierher.“ Spricht’s und zieht los ins Dorf, um Bier und Zigaretten zu kaufen.
Man gibt sich alle Mühe, Touristen in die abgelegene Gegend zu locken. Zum Beispiel nach Kavarna: Das staubige Städtchen mit 12000 Einwohnern und aufgeschüttetem Strand in einer kleinen Bucht hat sich einen Namen als „Rock-Hauptstadt Bulgariens“ gemacht, seinen Bürgermeister Zonko Zonev kennt heute jeder Bulgare. Seit 2006 bringt er Stars wie die Scorpions und Alice Cooper zum alljährlichen Rockfestival in diese Einöde. Damit hat er das fast schon ausgestorbene Nest wieder belebt: Es gibt wieder Banken und Hotels, die Plattenbauten sind mit Wandgemälden der Rockstars geschmückt.

Noch haben die Roma in ihren Baracken am Stadtrand östlich von Baltschik die beste Aussicht aufs Meer. Fragt sich, wann auch sie einem Kasino oder Golfplatz weichen müssen. Links kommt uns eine mit Plastik und Textilien überladene Eselskutsche einer Roma-Familie entgegen, ein Porsche Cabrio setzt zum Überholen an. Das Rennen ist schon längst gelaufen.

Unsere Empfehlung für Sie