Bundesagentur für Arbeit im Südwesten Weiterbildung läuft auf Sparflamme

Weiterbildung ist die Kernkompetenz der Festo-Weiterbildungstochter Didactic. Foto: /Festo

Vor der Pandemie fehlte die Zeit, während Corona das Geld – es gibt viele Gründe, warum Unternehmen nicht qualifizieren. Warum es aber wichtig wäre, sagt Christian Rauch, Chef der Bundesarbeitsagentur im Südwesten.

Stuttgart - Es sei schon frustrierend, sagt Christian Rauch, der Chef der Bundesagentur für Arbeit im Baden-Württemberg. Vor Corona hätten die Unternehmen wegen der vielen Arbeit keine Zeit für Weiterbildung gehabt. Und während der Pandemie wäre zwar Zeit gewesen, doch da hatten sie nur Augen für die Liquidität, erzählt Rauch aus Gesprächen mit Unternehmern. Die Folge: „Wir sehen eine Verschärfung des Fachkräftemangels“, sagt Rauch im Gespräch mit unserer Zeitung.

 

Wirtschaftsforscher bestätigen das. „Seit Mai 2021 fehlen deutschlandweit bereits wieder mehr Fachkräfte als vor Ausbruch der Coronapandemie. Die Fachkräftelücke verdoppelte sich von Februar 2020 bis Mai 2021“, ist in einer noch unveröffentlichten Studie des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) in Tübingen nachzulesen. Nicht nur Gastronomie, Hotels und Speditionen suchen händeringend Mitarbeiter. Besonders IT-Experten sind begehrt. Natürlich lässt sich die Not mit Neueinstellungen lindern, aber eben auch mit Qualifizierungen. „Die Unternehmen haben die Zeit leider nur sehr eingeschränkt genutzt“, kritisiert Rauch.

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Die Pandemie hat etliche Unternehmen im Südwesten gar nicht, 40 Prozent eher gering und 28 Prozent hart getroffen. Besonders gelitten haben kleine Firmen mit 5 bis 19 Beschäftigten, wozu neben der Gastronomie auch Ingenieurbüros gehören. Wegen der begrenzten finanziellen Möglichkeiten haben sich Kleinunternehmen auch von Personal getrennt. Die Arbeitsmarktzahlen zeigen es. Vor Corona zählte die Bundesagentur 200 000 Arbeitslose im Südwesten; während der Pandemie stieg die die Zahl bis auf 270 000.

Auch wenn nicht alle Firmen betroffen waren, die Weiterbildungsmaßnahmen wurden von allem mehr oder weniger deutlich zurückgefahren. Im vergangenen Jahr bildeten 34 Prozent der Betriebe ihre Mitarbeiter weiter, 15 Prozent der Beschäftigten nahm an entsprechenden Kursen teil, hat das das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) errechnet. Das ist der niedrigste Stand in diesem Jahrtausend. Auch hier haben vor allem die Kleinstbetriebe gespart. Zum Vergleich: Im Jahr vor Corona qualifizierten 55 Prozent der Unternehmen 36 Prozent der Beschäftigten.

Mehr Kreativität gefragt

Rauch hat durchaus Verständnis, dass Unternehmen in einer kritischen Situation aufs Geld achten. Er sagt aber auch: „Fachkräfte werden nicht durch die Bundesagentur für Arbeit gebacken“. Rauch erinnert daran, dass die Lage sich sogar noch zuspitzen wird, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen.

„Sonst ist im unternehmerischen Handeln ja auch eine hohe Kreativität“, ruft er salopp zu mehr Engagement und zu mehr Ideen in Bezug auf Weiterbildung auf. Dabei müsse man auch „den einen oder anderen, der bisher als Fachkraft nicht im Fokus war, in den Blick nehmen“, ermahnt der Chef der Arbeitsagentur im Südwesten. Die Behörde könne dabei nur unterstützen.

Kritisch setzt er sich auch mit dem Maschinen- und Anlagenbau auseinander, dessen Mitglieder vor kurzem den Mangel an Arbeitskräften als das – perspektivisch gesehen – mit Abstand größte Problem bezeichnet haben. Rauch: „Der Maschinenbau spricht von Fachkräftemangel, wenn er nicht mehr wie gewohnt zehn, sondern nur noch zwei oder drei Bewerbungen bekommt. Der Handwerker, der manchmal überhaupt keine Bewerbung bekommt, kann darüber nur lächeln“. „Fachkräftemangel hat auch eine subjektiv gefühlte Dimension, die im Zeitablauf entsteht“, fügt er hinzu.

Zuwanderung ist nötig

Rauch leugnet keineswegs, dass die Wirtschaft einen großen Bedarf an Fachkräften hat, der nur durch Zuwanderung gedeckt werden kann. Detlef Scheele, der Präsident der Bundesagentur für Arbeit, geht davon aus, das Deutschland auf längere Sicht 400 000 ausländische Fachkräfte jährlich braucht. Wie viele davon auf Baden-Württemberg entfallen, kann Rauch nicht sagen. Aber er weiß aus Erfahrung: Menschen, die im Alter von 25 Jahren angeworben werden, bleiben nicht ihr Leben lang in Deutschland. „Wenn sie eine Nettozuwanderung von 400 000 brauchen, müssen die vermutlich Jahr für Jahr eine Million rekrutieren, weil 600 000 Deutschland wieder verlassen. “

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In der Vergangenheit sind viele Spanier, Italiener und Portugiesen der Arbeit wegen nach Deutschland gekommen. Doch diese Länder haben selbst Probleme mit ihrer Demografie. „Wir haben bisher Arbeitskräfte vom Balkan, der Ukraine, Indonesien, Mexiko, Brasilien und Vietnam angeworben“, so Rauch. Vor allem der Pflegenotstand sollte so gelindert werden.

Viele Schutzsuchende sind integriert

Aber auch die Schutzsuchenden sind als Fachkräfte hochwillkommen. Wer erinnert sich nicht an den Herbst 2015, als die damalige Kanzlerin Angela Merkel fast eine Million Flüchtlinge im Land willkommen hieß. „Vor Corona waren mehr als die Hälfte der Schutzsuchenden von 2015 im Arbeitsmarkt integriert“, zieht Rauch Bilanz. Weil unter ihnen viele gering Qualifizierten waren, gehörten sie zu den Ersten, die während der Pandemie die Arbeit verloren. Mittlerweile hat sich die Lage am Arbeitsmarkt wieder deutlich entspannt. Deshalb dürften wieder 46 oder 47 Prozent der Schutzsuchenden einen Job haben. Übrigens: Die anderen Migranten sind nicht etwa arbeitslos. Etliche befinden sich in der Weiterbildung.

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Und vielleicht nutzen sie dafür die Angebote der Bundesagentur zum Thema Qualifizierung. Sowohl Einzelpersonen können sich beraten lassen, die Behörde geht aber auch in Unternehmen. Und dann gibt es im Internet etwa das Projekt „New Plan“, wo jeder Ideen bekommt, sobald er den Beruf sowie seine Stärken und Fähigkeiten eingegeben hat. Das Angebot wird genutzt. Ist das Interesse an Weiterbildung geweckt? Rauch zögert. „Wir machen die Erfahrung: Je blühender der Arbeitsmarkt, umso geringer ist die Bereitschaft, sich noch mal auf die Schulbank zu setzen und in Weiterbildung zu investieren“, sagt Rauch.

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