Bundesagentur für Arbeit Woran die Suche nach Fachkräften krankt

Bei dem BA-Regionalleiter Christian Rauch wächst die Ungeduld, weil es ihm bei der Bekämpfung des Fachkräftemangels nicht schnell genug voran geht. Foto: dpa/Marijan Murat

Der Regionalchef der Bundesagentur für Arbeit, Christian Rauch, beklagt zu viele Eigeninteressen, Ineffizienz und Denkhürden bei der Bewältigung des Fachkräftemangels. Die Politik nimmt er in die Pflicht.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Deutschland droht ein Wohlstandsverlust durch den sich aufbauenden Fachkräftemangel. Eine drängende Frage ist: Sind Politik und Wirtschaft in der Lage, auf die Alterung der Erwerbsgesellschaft zu reagieren und die nötigen Weichen zu stellen? Christian Rauch, Regionalchef der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Baden-Württemberg, meldet erhebliche Zweifel an.

 

Den Arbeitsmarktforschern zufolge gibt es drei Gruppen mit einem großen Arbeitskräftepotenzial bis 2030 im Land: Zunächst ließen sich bis zu 110 000 Fachkräfte durch Aus- und Weiterbildung gewinnen – wobei auch die Zahl der Ausbildungs- und Studienabbrüche verringert werden müsse. Sodann ließen sich bis zu 112 000 Vollzeitstellen aktivieren, indem Frauen ihre Arbeitszeit erhöhen – vor allem Migrantinnen sind da gefragt. Größte Säule ist die Zuwanderung, mit der rechnerisch bis zu 216 000 Fachkräfte mobilisiert werden könnten.

Rauch wirbt dafür, alle Felder gleichermaßen zu beackern, statt sie gegeneinander auszuspielen: „Selbst wenn es gelingt, alle inländischen Potenziale zu mobilisieren, führt kein Weg an der Zuwanderung vorbei.“ Zugleich warnt er davor, das Heil ausschließlich in der Zuwanderung zu sehen – ein Eindruck, der seit Monaten von Wirtschaftsverbänden erweckt wird. Dies wäre „zu kurz gesprungen“. Da gebe es einen „zu engen Fokus“ auf das Thema Zuwanderung, sagt der BA-Regionalchef. „Zum einen ließe sich der Bedarf so nicht decken, zum anderen sollten wir den sozialen Frieden im Auge behalten und alle Personengruppen mit durch den Prozess der Transformation nehmen.“

„Qualitätsdiskussionen und Bestandsinteressen“

Zugleich beklagt Rauch, „dass Erleichterungen für Quereinsteiger durch Qualitätsdiskussionen und Bestandsinteressen verhindert werden“. So dürfe ein Industriemeister für Elektrotechnik mit IHK-Abschluss beim Automobilbauer zwar Anlagen im Wert von Millionen Euro warten, „aber bei mir im Haus nicht den Sicherungskasten aufmachen“, weil die Vorschriften dem entgegenstehen. Auch verkürzte Teilqualifikationen für weniger spezialisierte Aufgaben werden vielfach noch abgelehnt – nach dem Motto: Wir brauchen einen Facharbeiter oder keinen. „Ist das noch zeitgemäß?“, fragt Rauch.

Vielfach geht es nicht rasch genug voran

Oft begegnet er der Sorge, dass Qualität verloren gehen könnte. Auch außerhalb des Handwerks gibt es viele Beispiele für „Denkhürden“: Nach vier Jahren Diskussion beginnt Rauch zufolge im Februar 2023 endlich ein Modellprojekt, bei dem einer Person mit fachfremdem Berufsabschluss auf verkürztem Weg – also in zweieinhalb Jahren – und finanziell gefördert der direkte Einstieg zum ausgebildeten Erzieher ermöglicht wird.

In etlichen Bereichen „geht es nicht wirklich voran“, resümiert der Behördenleiter, wozu er auch die ineffiziente Anerkennung von ausländischen Abschlüssen bei Zuwanderern aus Drittstaaten zählt. „Da gehen schnell sechs bis neun Monate ins Land, in denen die Menschen nicht arbeiten dürfen.“ Die Prozesse seien nach wie vor langsam und bürokratisch.

Gute Ansätze in den Regionen reichen nicht

Der BA-Regionalchef sieht viele erfolgversprechende Initiativen, etwa das Transformationsbündnis in Heilbronn. Die Anstrengungen in kleinen Allianzen machten sich positiv bemerkbar. „Vieles muss in der Region laufen, denn da wird es konkret“, sagt er. „Es darf da aber nicht steckenbleiben.“ Die Region sei beim Thema Zuwanderung eine zu kleine Einheit. Zudem verlaufe die Transformation so rasant, dass die Regionen rascher voneinander lernen müssten. „Was die nicht lösen können, muss dann die nächsthöhere Ebene lösen.“

Beim Fachkräftemangel gebe es „keinen großen Hebel, sondern viele kleine Baustellen“. Dazu brauche es eine Plattform, auf der all die Aktivitäten gebündelt werden. „Die Vernetzung und das gemeinsame Handeln aller Akteure sind elementar“, betont Rauch und deutet an, dass es aus seiner Sicht in Baden-Württemberg daran fehlt. Es habe eine schlagkräftige Fachkräfteallianz gegeben – die könnte so etwas eventuell leisten. „Es könnte aber auch eine Nummer größer sein: etwa ein Strategiedialog Fachkräfte, der dann auch in Branchen denken muss.“ So eine Plattform gebe es noch nicht. Die Politik müsse den Fachkräftemangel zum Querschnittsthema machen – die Bundesagentur für Arbeit könne einen Beitrag dazu leisten.

Frauen könnten die Folgen des demografischen Wandels mindern

Verluste
 Bis 2030 werden dem deutschen Arbeitsmarkt jedes Jahr 400 000 bis 500 000 Menschen im erwerbsfähigen Alter verloren gehen. Brutto müssten daher pro Jahr 1,6 Millionen Arbeitskräfte zuziehen, um das Erwerbspersonenpotenzial stabil zu halten – netto 400 000 mehr. Baden-Württemberg hat einen Anteil von etwa 15 bis 20 Prozent.

Frauen
Die Erwerbsbeteiligung von Frauen ist in Baden-Württemberg stark gestiegen und mit 78 Prozent im internationalen Vergleich schon sehr hoch. Allerdings arbeitete 2021 fast jede zweite sozialversicherungspflichtig beschäftigte Frau (47,8 Prozent) in Teilzeit mit relativ wenigen Wochenstunden; im Schnitt waren es 19,5 Stunden.

Migrantinnen
Insofern gibt es noch größere Potenziale vor allem im geringen Arbeitsvolumen von Frauen und in der unterdurchschnittlichen Erwerbsbeteiligung von Frauen mit Migrationshintergrund. Bisher liegt diese Beteiligung im Alter von 25 bis 45 Jahren 15 Prozentpunkte unter dem Wert bei Frauen ohne Migrationshintergrund.

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