Bundesliga-Schiedsrichter in Zeiten des Coronavirus So hilft Martin Petersen bedürftigen Menschen

Von Marco Seliger 

Der Stuttgarter Martin Petersen pfeift in der ersten Liga – wie viele Andere kann der Schiedsrichter seinen Job gerade nicht ausüben. Stattdessen hat er eine Initiative gegründet und geht für bedürftige Menschen in der Corona-Krise einkaufen – unter anderem.

Supermarkt statt Bundesliga: Martin Petersen hilft bedürftigen Menschen. Foto: imago//Oliver Zimmermann
Supermarkt statt Bundesliga: Martin Petersen hilft bedürftigen Menschen. Foto: imago//Oliver Zimmermann

Stuttgart - Die Entscheidung fiel spontan, und sie kam aus dem Bauch heraus. Sie kam, als Martin Petersen neulich beim Einkaufen war, dabei einige hilflose ältere Menschen sah – und sich dann selbst dabei entdeckte, wie er kopfschüttelnd vor sich hin murmelte: „Was macht ihr denn hier, bleibt doch zuhause!“ Wenig später sah der im Stuttgarter Osten wohnhafte Bundesliga-Schiedsrichter eine ältere Frau, die kein Klopapier mehr bekommen hatte im Supermarkt. Da habe es klick gemacht, sagt Petersen, der der Dame etwas von seinem Bestand abgab.

Daheim angekommen, war die Entscheidung gereift: Ich will helfen, sagte sich Petersen, und aus dem „Ich“ wurde schnell ein „Wir.“ Der 35-Jährige, der seit Sommer 2017 in der ersten Liga pfeift und wie viele andere Menschen gerade seinen Job nicht ausüben kann, gründete mit seiner Frau Anita eine Corona-Hilfsinitiative. Jenen Menschen, die der Risikogruppe (hohes Alter, Immunschwäche, Vorerkrankungen) angehören, will Petersen unter die Arme greifen. „Wir helfen Ihnen mit Einkäufen von Lebensmitteln und Medikamenten, beim Gassi gehen mit dem Hund und Botengängen“ – so steht es auf der flugs errichteten Internetseite (www.aniundpeter.de; E-Mail: info@aniundpeter.de). Und so leben es die Petersens.

Anita koordiniert von zuhause aus, Martin ist draußen unterwegs. Der Mann, der sonst von Sechzehner zu Sechzehner rennt, geht nun von Supermarkt zu Supermarkt. Und zeigt zwischendurch einem Hund die Gelbe Karte, wenn er nicht folgt. „Es ist mir wichtig, etwas Sinnvolles zu tun in der fußballfreien Zeit“, sagt Petersen, der vornehmlich im Stuttgarter Osten unterwegs ist, aber betont, sein Gebiet bei Bedarf auszudehnen. Und dass sich auch Leute melden sollen, die mithelfen wollen und dafür eine Anlaufstelle suchen.

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Martin Petersen veröffentlicht auch seine Telefonnummer – was ein kleines Sinnbild ist für den Ernst der Lage. Denn welcher Bundesliga-Schiedsrichter täte das schon im normalen Leben, in dem ihm der ungebremste Hass von einigen Unverbesserlichen wohl gewiss wäre? Petersen sagt trocken, dass er es der „Generation offline leicht machen will, um mit uns in Kontakt zu kommen, deshalb gibt es jetzt auch eine Festnetznummer“.

Die Nummer 0711-267278 steht daher auch auf vielen Flyern, die Petersen in Supermärkten und Apotheken anbrachte – auch, weil einige ältere Menschen sich noch nicht so recht trauen, fremde Hilde anzunehmen, wie Petersen es ausdrückt. Der gebürtige Filderstädter will das Eis brechen und vorangehen.

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Petersen hilft dabei mit einer inneren Gelassenheit – dass ihm derzeit die Einsatzprämien als Schiedsrichter (5000 Euro pro Spiel in der ersten, 2500 in der zweiten Liga) flöten gehen, ficht ihn nicht sonderlich an: „Anderen Menschen geht es schlechter, Leute, die ihren Betrieb schließen müssen zum Beispiel. Ich bleibe ruhig und hoffe einfach, dass ich irgendwann wieder pfeifen kann.“

Bis dahin leitet Martin Petersen sein Hilfsprojekt. Er weiß, dass er dieses, nun ja, Spiel gerade erst angepfiffen hat. Und dass er in der nächsten Zeit womöglich nicht nur in die Nachspielzeit gehen muss. Sondern auch in eine Verlängerung.