Bundestagsabgeordneter Diether Dehm ist ein ungewöhnlicher Politiker – der erfolgreich Schlager schreibt und die EU als undemokratisch beschimpft.

Politik/Baden-Württemberg : Bärbel Krauß (luß)

Berlin - Es sieht komisch aus, wie Diether Dehms Hände nach oben flattern. Spielerisch ist die Geste. Die hin und her schwirrenden Finger sollen den Tatbestand des Schillerns illustrieren. Dehms Miene mit den hochgezogenen Augenbrauen im schief gelegten Gesicht macht die unausgesprochenen Anführungszeichen vor dem nächsten Satz überdeutlich: „Das Schillernde ist vielleicht nur ein Tarnmanöver, um vom orthodoxen Antikapitalismus abzulenken“, sagt Dehm über sich.

Dehm kann das Etikett vom Schillernden nicht leiden. Aber wie soll man einen nennen, der nicht nur Bundestagsabgeordneter der Linken ist, sondern auch Liedermacher und Sänger, der Fernsehsendungen produziert, Romane und Musicals verfasst und mehr als 600 Songs geschrieben hat? Nicht nur, dass Dehm zuletzt ein Lied über den NSA-Enthüller Edward Snowden geschrieben hat. Auf sein Konto geht auch Klaus Lages „Tausendmal berührt“, die Erkennungsmelodie der Schimanski-Krimis „Faust auf Faust“ oder der Gassenhauer „Was sollen wir trinken“, mit dem die Bots Karriere gemacht haben.

Gegen Stasi-Vorwürfe gegen Dehm gerichtlich vor

Dehm ist sicher der einzige Parlamentarier, der es in die Schlagercharts geschafft, mit Konstantin Wecker, Heinz Rudolf Kunze, BAP und anderen Großen der Szene gearbeitet hat. Dehm hat Wolf Biermann nach dessen Ausbürgerung aus der DDR gemanagt und die DDR-Eiskunstläuferin Kati Witt nach der Wende. Die Stasi hat Dehm, wie 1996 bekannt wurde, als IM Willy geführt. Er selbst sagt bis heute, er sei unwissentlich abgeschöpft worden. Biermann, der Dehm zunächst als „blitzgescheit“ wahrgenommen hatte, meinte nach der Enthüllung im „Spiegel“, möglicherweise habe der doch nur „rote Brause im Kopf“.

Unter dem Künstlernamen Lerryn ist Diether Dehm vor vielen Jahren auch in Stuttgart aufgetreten. „Im Lab war ich oft“, erzählt der 63-Jährige, der heute europapolitischer Sprecher seiner Fraktion ist. Sein Frankfurter Singsang lässt seine Sätze freundlich und konziliant klingen, wenn er nicht gerade über die „Konzernmedien“ wettert, die einen wie ihn – „Ich bin wohl ein linker Linker“ – sowieso nur verzerrt darstellten. Zur feindlichen Journaille, die ferngelenkt vom Großkapital alles Linke unterdrückt, zählen in seiner Sicht ziemlich alle etablierten Printmedien und Sender, natürlich auch die Stuttgarter Zeitung.

Kritik an der EU ist in der Linken weit verbreitet

Im Streit bei der Aufstellung seiner Partei für die Europawahl hat er einen zentralen Part. Nicht nur hat Diether Dehm für den Parteitag am Wochenende in Hamburg eine Alternative zum Leitantrag des Parteivorstands formuliert. Aus seiner Feder stammt der Satz, dass „die EU zu einer neoliberalen, militaristischen und weithin undemokratischen Macht“ geworden ist. Die EU – weithin undemokratisch und militaristisch. Kritik an der EU ist in der Linken weit verbreitet, die Ablehnung der Troika-Politik zur Eurorettung wird nicht nur in Wahlkämpfen liebevoll als Alleinstellungsmerkmal herausgestellt. Aber seit diese Aussage in der Welt ist, will die linke Führung von Fraktionschef Gregor Gysi bis hin zu den Parteivorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger den Satz wieder loswerden. Die politische Konkurrenz hat ihn der Oppositionsführerin im Bundestag lustvoll um die Ohren gehauen. Er ist sofort zu einem neuen Gradmesser für die Regierungsfähigkeit der Linkspartei geworden – beziehungsweise für deren Fehlen.

Dehm ist Antikapitalist und Profiteur des bekämpften Systems

Diether Dehm zählt zu den Linken, die im Westen der Bundesrepublik sozialisiert wurden, von ihren parteiinternen Kritikern für verbohrt gehalten und von den Sozialdemokraten, deren Mitglied er 33 Jahre lang war, als Sektierer oder Chaoten gebrandmarkt werden. Egal worüber er spricht – Europa, Wachstum, Wirtschaftspolitik, seine Partei, ihren Kurs – seine Sätze sprudeln über von ideologischen Bezügen und historischen Anspielungen. Mal ist die portugiesische Nelkenrevolution Bezugspunkt, mal die Sowjetunion, der Partisanenkampf in Griechenland oder dieser linke Philosoph und jener Dichter. Um eine einfache Sache geht es nie.

Diether Dehm ist Radikaler und Marxist, Antikapitalist und dank seiner Musik auch ein Profiteur des bekämpften Systems. Wenn er sich, wie die Linke insgesamt, für Millionärssteuer und Vermögensabgabe einsetzt, greift Dehm nicht nur anderen, sondern auch sich selbst in die Tasche. Der konservative Journalist Hugo Müller-Vogg, der zu Dehms Sechzigstem die Laudatio hielt, bescheinigte ihm, mit seiner Musik nicht nur „tausendmal berührt, sondern auch hunderttausend Mal abkassiert“ zu haben.

Dehm bestreitet zwar, Anhänger eines radikalen Oppositionskurses zu sein. „Ich bin ein ausgesprochener Proregierer“, sagt er listig. Aber bevor es zu einer Koalition komme, müsse man die SPD umerziehen. „Die Sozis müssen den ganzen Dreck mit der Bankenrettung, Agenda 2010, Hartz IV hinter sich lassen und ihre alten Werte wiederentdecken. Vorher hat eine Koalition mit der Linken keine Chance.“

Bodo Ramelow will der erste linke Ministerpräsident werden

Auf der anderen Seite des Spektrums stehen Leute wie Bodo Ramelow, der zwar aus dem Westen stammt, aber in Thüringen zu einem Aushängeschild des linken Reformerlagers mit Regierungsambition geworden ist. Er versucht, im Herbst der erste linke Ministerpräsident der Republik zu werden, und hat neulich bekannt: „Ich könnte auch mit der CDU bei bestimmten Themen wunderbar zusammenarbeiten.“

Für einen wie Dehm ist so viel ideologiefreier Pragmatismus undenkbar. Politisiert hat ihn, dass Familienangehörige wegen ihres Engagements als Sozialdemokraten von den Nazis umgebracht wurden. Als 15-Jähriger war er in Buchenwald und schwor mit gereckter Faust, die zu bekämpfen, die Hitler finanziert hatten. „Das war eine etwas pathetische Aktion, aber mir wurde schnell klar, dass ich das biografisch zu unterfüttern hatte.“ Damals begann sein antifaschistisches Engagement, das er im Kampf gegen die Deutsche Bank, die er noch heute in eine Sparkasse verwandeln will, mit Veranstaltungen wie „Rock gegen rechts“, als linker Songschreiber, Frankfurter Magistrat und viele Jahre als Sozialdemokrat ausgelebt hat.

Mit sechzehn wurde Dehm SPD-Mitglied. Mit fünfzig trat er wieder aus, weil die SPD mit Gerhard Schröder in seinen Augen den falschen Kanzlerkandidaten gewählt hatte. „Ich habe Schröder als Juso-Bundesvorsitzenden mitgewählt und als Kanzlerkandidaten bekämpft. Ich war damals für Oskar“, sagt er dazu. Zum 125. Geburtstag der SPD hat Dehm das Parteilied „Das weiche Wasser bricht den Stein“ getextet. Irgendwann danach hat er den Brandt’schen Slogan „Mehr Demokratie wagen“ gekapert; „mehr-dehm-wagen.de“ heißt eine seiner Homepages im Internet.

Der Traum, die Massen für den Klassenkampf zu begeistern

Jetzt sitzt er in seinem Berliner Bundestagsbüro im Jakob-Kaiser-Haus und zeigt auf einen Schreibtisch, an dem Bert Brecht „Die Tage der Commune“ verfasst haben soll. Das Möbelstück hat er Brechts Tochter abgekauft, weil der Dichter sein großer Inspirator ist. „Was den Kern von sozialem, friedlichem und demokratischem Fortschritt ausmacht, kann ich so rüberbringen, dass man es auch ohne sechs Semester Soziologie versteht“, sagt Dehm. Und dass die Linke noch nicht alle ihre Themen „programmatisch geistig so durchknetet und auf den Punkt gebracht hat, dass sie populär und eingängig wirken“. Deshalb sei er in den Bundestag gegangen. Irgendwie träumt Dehm nach wie vor davon, die Massen für die sozialistische Idee und den Klassenkampf zu entflammen.

Wie sich das mit dem Kurs der Parteiführung verträgt, der ein rot-rotes Regierungsbündnis in Thüringen möglich machen soll, wird sich in Hamburg und bei der Europafrage zeigen. Ramelow und Dehm markieren mit ihren extremen Positionen den Spagat, den die Linkspartei immer wieder bewältigen muss. Im Vorfeld des Parteitags deuten die Zeichen auf eine Befriedung hin. Die Europäische Union als militaristische und undemokratische Macht – das wird nicht die Meinung in der Partei, wahrscheinlich wird der Satz in Hamburg nicht einmal mehr zur Abstimmung stehen. Der Streit darum ist ein Beispiel für die ideologisch aufgeladenen Grabenkämpfe, die Parteiführung und Pragmatiker der Ost-Linken am liebsten schon vorgestern hinter sich gelassen hätten.

Aber ob das überhaupt und bald gelingt, hängt auch von Dehm und seinen Mitstreitern ab. In der Vergangenheit hat er innerparteilich häufig im Kampfmodus agiert. Als Dietmar Bartsch, der Kandidat der Ostreformer für den Parteivorsitz beim Parteitag vor zwei Jahren gegen den Gewerkschafter Bernd Riexinger verloren hatte, war Diether Dehm unter jenen Siegern, die nicht nur die „Internationale“ anstimmten, sondern auch die Parole „Ihr habt den Krieg verloren“. Dabei hatte Gregor Gysi seine aufrüttelnde Rede über den Hass in der Linksfraktion und die Gräben zwischen Ost und West, die überwunden werden müssen, schon gehalten.