Bundestagswahl im Wahlkreis Stuttgart I Spannender Zweikampf um das Direktmandat

Von Thomas Braun 

Im südlichen Stuttgarter Wahlkreis ist die Spannung besonders groß. Der Grund: der vor vier Jahren knapp unterlegene Grünen-Chef Cem Özdemir will dem CDU-Platzhirsch Stefan Kaufmann das Direktmandat abjagen.

Grünen-Chef Cem Özdemir will dem CDU-Platzhirsch Stefan Kaufmann im südlichen Stuttgarter Wahlkreis  das Direktmandat abjagen. Alle Bundestagskandidaten im Wahlkreis I stellen wir in der Fotostrecke vor. Foto: dpa 6 Bilder
Grünen-Chef Cem Özdemir will dem CDU-Platzhirsch Stefan Kaufmann im südlichen Stuttgarter Wahlkreis das Direktmandat abjagen. Alle Bundestagskandidaten im Wahlkreis I stellen wir in der Fotostrecke vor. Foto: dpa

Stuttgart - Wie schon bei der Bundestagswahl vor vier Jahren wird der Ausgang der Abstimmung im südlichen Stuttgarter Wahlkreis mit besonderer Spannung erwartet. Und das hat seinen Grund: Mit dem Bundesvorsitzenden der Grünen, Cem Özdemir, will dort ein prominenter Bundespolitiker dem bisherigen Platzhirsch Stefan Kaufmann (CDU) das Direktmandat abjagen und ihn damit aus dem Bundestag kegeln.

Um dieses Ziel zu erreichen, haben die Grünen mit der SPD in der Landeshauptstadt einen Pakt geschlossen. Sozialdemokraten sollen demnach im Wahlkreis I Özdemir die Erststimme geben, im Gegenzug machen sich die Grünen im anderen Stuttgarter Wahlkreis dafür stark, dem dortigen SPD-Bewerber die Erststimme zu geben.

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Die Dritte im Reigen der aussichtsreichen Kandidaten, die frühere SPD-Landesvorsitzende Ute Vogt, die wie Özdemir über die Landesliste ihrer Partei abgesichert ist und den Wiedereinzug in den Bundestag so gut wie sicher hat, peilt nun ein gutes Zweitstimmenergebnis für ihre Partei an. Gleiches gilt für die Liberale Judith Skudelny – die auf der Landesliste ebenfalls weit vorn platzierte Abgeordnete wurde von der Stuttgarter FDP aus dem Wahlkreis Nürtingen entlehnt, um endlich wieder einen FDP-Vertreter aus der Landeshauptstadt im Bundestag platzieren zu können. Hinzu kommt Christina Frank, die für die Linke antritt, aber nicht unbedingt nach einem Mandat in Berlin strebt.

Vor vier Jahren lag CDU-Mann Stefan Kaufmann knapp vorn

Bei der Wahl vor vier Jahren war die Ausgangskonstellation ähnlich. Der damalige CDU-Newcomer Kaufmann lag am Ende bei den Erststimmen 4,5 Prozentpunkten vor Özdemir. Sein Ergebnis von 34,4 Prozent war zugleich das niedrigste Erststimmenresultat der CDU in diesem Wahlkreis seit 1980. Özdemir, damals von seiner Partei nicht auf der Liste abgesichert, erzielte zwar mit 29,9 Prozent das bisher beste Ergebnis eines Grünen-Bewerbers in einem Stuttgarter Wahlkreis, verfehlte aber den Einzug in den Bundestag. Ute Vogt wurde mit 18 Prozent deutlich auf den dritten Platz verwiesen – der Erststimmenanteil der SPD halbierte sich im Vergleich zur Bundestagswahl 2005. Über die Landesliste ihrer Partei zog sie dennoch in den Bundestag ein. Linke und FDP verfehlten dieses Ziel dagegen, obwohl den Liberalen damals Bemerkenswertes gelang: Bei den Zweitstimmen lag die Partei mit 19,5 Prozent auf Rang drei hinter der CDU (27,9 Prozent) und den Grünen (22 Prozent); die Sozialdemokraten gingen mit 18,9 Prozent nur noch als viertstärkste politische Kraft im Stuttgarter Süden durchs Ziel. Die Linke kam auf 6,7 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag 2009 im Wahlkreis I übrigens bei 77,3 Prozent.

Dieses Mal geht es für den CDU-Kandidaten und Kreisvorsitzenden der Partei Stefan Kaufmann um mehr als nur um seine Wiederwahl. Die Partei hat unter seiner Ägide den OB-Sessel im Stuttgarter Rathaus an die Grünen verloren, was ihm innerparteilich viel Kritik eingetragen hat. Den Kreisvorsitz konnte er – auch mangels personeller Alternativen – behaupten. Sollte Kaufmann das Direktmandat für die CDU verlieren und sein Mandat einbüßen, könnte er sich als Parteichef kaum halten.

Auch für Özdemir steht viel auf dem Spiel, obwohl er als Spitzenkandidat im Land in jedem Fall den Sprung in den Bundestag schaffen dürfte. Gelingt es ihm trotz der Erststimmenkooperation mit der SPD wieder nicht, den CDU-Rivalen zu überflügeln, wäre das für seine Karriere ein Dämpfer.

Kandidat der S-21-Gegner könnte Zünglein an der Waage sein

Im Wahlkreis 258, wie er offiziell heißt, leben nach Angaben des Statistischen Amts der Stadt rund 157 000 Wahlberechtigte. Auffällig ist der überdurchschnittlich hohen Anteil an bürgerlichen, akademisch gebildeten Einwohnern. Auch der Anteil der älteren Wähler über 65 Jahre liegt mit knapp 24 Prozent relativ hoch. Das Gebiet umfasst die Bezirke Mitte, Nord, Süd, West, sowie Birkach, Degerloch, Möhringen, Plieningen, Sillenbuch, Vaihingen und Hedelfingen. Außer den genannten Bewerbern treten zudem Christian Thomae (Piraten), der frühere FDP-Mann Ronald Geiger (Alternative für Deutschland), Gerhard Hammitsch (Freie Wähler), Ronnie Hellriegel (Nationaldemokratische Partei Deutschlands), Dieter Bauer (Ökologisch-Demokratische Partei), Hubertus Mohs (Bürgerrechtsbewegung Solidarität) sowie die Einzelbewerber Hans-Jürgen Gäbel und Werner Ressdorf an.

Eine Stuttgarter Besonderheit ist, dass auch die Gegner des umstrittenen Bahnprojekts S 21 mit eigenen Bewerbern bei der Bundestagswahl antreten und um Erststimmen werben. Im südlichen Wahlkreis geht für sie Frank Schweizer ins Rennen. Die Projektkritiker wollen erreichen, dass das Thema, das von den etablierten Parteien im Wahlkampf weitgehend ignoriert wurde, am Kochen gehalten wird. Sie zielen auf von den Grünen enttäuschte Protestwähler ab. Bei einem Kopf-an-Kopf-Rennen könnte das Özdemir den Sieg kosten.

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