Burn-out im Job Was kann ich tun, wenn der Beruf mich überfordert?

Gestresst und überfordert sind in den vergangenen Jahren immer mehr Mitarbeiter – gerade auch in vielen Büroberufen. Illustration: Sebastian Ruckaberle, Adobe Stock/Azat Valeev

Burn-out im Beruf ist nicht nur eine persönliche und psychologische Frage, sondern braucht vor allem Lösungen am Arbeitsplatz.

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Was passiert, wenn ich im Beruf überfordert bin? Was zuerst nur wie eine Frage nach dem persönlichen Befinden klingt, kann massive Konsequenzen haben. Matthias Knüttel, Geschäftsführer der GUV Fakulta – einer DGB-Organisation, die Arbeitnehmer bei Haftungsfragen im Beruf unterstützt –, nennt das Beispiel einer Krankenschwester. Diese landete vor einigen Jahren vor Gericht, weil sie im Dauerstress Patienten auf ihrer Station falsche Medikamente verabreichte – mit tödlichem Ausgang. Am Ende wurde sie wegen Unterlassung verurteilt.

 

Wer überfordert ist, macht Fehler

Die Gewerkschaft Verdi beklagte damals, dass die Überlastungssituation in der Klinik nicht anerkannt worden sei. Ein wichtiger Schritt für Mitarbeiter, die sich mit ihren Aufgaben überfordert sehen, sei deshalb, den Arbeitgeber auch formal durch eine sogenannte Gefährdungsanzeige darauf hinzuweisen – bevor es zu gravierenden Fehlleistungen komme, sagt Knüttel. Das hätte auch im erwähnten Fall den Arbeitgeber mit in die Pflicht genommen. „Wir beobachten in den vergangenen Jahren, dass Überforderung für Fehler am Arbeitsplatz eine immer wichtigere Ursache ist“, sagt er mit Blick auf den Trend bei Schadenersatzforderungen gegen Arbeitnehmer.

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Das hat seiner Meinung nach strukturelle Gründe. „Es kommt in den Betrieben immer häufiger vor, dass die Personaldecke zur Bewältigung des Arbeitspensums zu knapp ist“, sagt Knüttel. Das hat teilweise damit zu tun, dass bestimmte Fachkräfte nicht zu bekommen sind, aber auch damit, dass in vielen Branchen Tempo und Rationalisierung immer mehr auf die Spitze getrieben wurden – ohne die Belastbarkeit der Arbeitnehmer im Blick zu haben. Knüttel, der selber einmal bei der Post gearbeitet hat, beschreibt dort eine Situation, wo kaum ein Briefträger oder Paketbote noch das Pensionsalter erreichte.

Angebote jenseits der Therapie boomen

Einen anderen Blick auf das Problem hat Cornelia Schumacher aus Ostfildern, die sich als Lebensberaterin und Spezialistin beim Thema Burn-out bezeichnet. Sie steht für den wachsenden Bereich der Beratungsangebote, die sich jenseits der Psychotherapie zum Thema berufliche Überforderung etabliert haben. Während für eine Therapie eine medizinisch-psychologische Diagnose notwendig ist, es oft lange Wartezeiten und einen längeren Vorlauf gibt und dies von der Krankenkasse bezahlt wird, offerieren solche Berater, die nicht immer ein psychologisches Studium aufweisen, einen direkten, lebenspraktisch ausgerichteten Zugang – der aber meist selber bezahlt werden muss.

„Mir geht es um die Anleitung zum Handeln“, sagt Schumacher. Auch schon fünf Stunden Beratung könnten weiterhelfen, sagt sie – etwa wenn es darum gehe, bei Anzeichen der Überforderung dem Chef endlich Nein sagen zu können. Auch das Bedürfnis, sich gegenüber der eigenen Familie zu beweisen, führe zur Überforderung.

Burn-out-Training allein hilft nicht immer

Allerdings gibt es gerade beim sogenannten Burn-out und bei Depressionen starke Ähnlichkeiten und Überschneidungen: Eine Depression ist eine Erkrankung, die eine medikamentöse und therapeutische Behandlung notwendig macht. Johannes Schenkel, Ärztlicher Leiter der Unabhängigen Patientenberatung, einer von den Krankenkassen finanzierten, aber von ihnen unabhängigen kostenlosen Beratungsstelle, empfiehlt deshalb, sich erst eine psychologische Diagnose einzuholen. Das Burn-out-Syndrom lässt sich teilweise mit praktischen Schritten wie einer besseren Zeiteinteilung gut angehen. Eine Depression hat zwar ähnliche Symptomen – wird aber anders behandelt.

„Meistens kommen Menschen wegen bestimmter Symptome zu uns in die Beratung – und erst im tieferen Gespräch stellt sich heraus, dass die Situation am Arbeitsplatz dafür ein wichtiger Grund ist“, sagt Schenkel. „Unser Wunsch aus Patientensicht ist es, den Fokus stärker auf Stress am Arbeitsplatz zu legen, das Thema von Arbeitgeberseite her offener zu behandeln.“ Konsequente Strategien gegen Burn-out sollten für Arbeitgeber zum Pflichtprogramm im Rahmen des Gesundheitsschutzes werden.

Physische Überbeanspruchung seltener

Überforderung im Beruf hat viele Gesichter – und betrifft beileibe nicht nur psychologische Phänomene, sondern auch körperliche Überbeanspruchung. Bei Letzterem hat aber der Arbeitsschutz in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht. „Beim Thema psychische Überbelastung gibt es hingegen noch einen großen Nachholbedarf“, sag Schenkel. Hier für Abhilfe zu sorgen, die vielleicht die ganze Führungskultur eines Unternehmens betreffe, sei eben viel schwieriger, als einen neuen Bürostuhl oder Schreibtisch zur Entlastung der Gesundheit anzuschaffen.

Angst vor Konfrontation mit dem Chef

Das Thema ist vielschichtig: Eine Überforderung im Beruf gründet meistens auf einer Wechselwirkung aus persönlicher Situation und Organisation am Arbeitsplatz. Das Problem: Grenzen der Leistungsfähigkeit werden gesellschaftlich tabuisiert. Und so leben Berater und Beraterinnen wie Cornelia Schumacher auch davon, dass insbesondere Männer ungern zum Psychologen gehen. Viele Arbeitnehmer vermeiden zudem eine Konfrontation mit dem Arbeitgeber. „Ich sage manchmal, dass es dann eine bessere Lösung ist, sich einen anderen Arbeitsplatz zu suchen“, sagt Schumacher.

Arbeitgeber in der Pflicht

Der Gewerkschaftsexperte Knüttel verweist hingegen auf die rechtlichen Möglichkeiten, die einem Arbeitnehmer zur Verfügung stehen. Wenn sich die Probleme nicht im Gespräch klären ließen, dann gebe es durchaus ein Instrumentarium, eine Lösung voranzutreiben. In Unternehmen mit einem Betriebsrat ist dieser auch die erste Anlaufstelle. Falls der Arbeitgeber sich sperrt oder es keinen Betriebsrat gibt, so besteht laut Knüttel auch noch der Weg der sogenannten Überlastungsanzeige.

Auf diesem Weg kann ein Arbeitnehmer offiziell Alarm schlagen, wenn er sich beruflich überfordert fühlt. Wenn dies die Krankenschwester im eingangs erwähnten Fallbeispiel rechtzeitig getan hätte, wäre auch das Krankenhaus, das es zu solchen Überlastungssituationen kommen ließ, in Haftung gewesen. Der Arbeitnehmer muss in diesem Fall schriftlich oder mündlich beim Arbeitgeber anzeigen, dass die Gefahr besteht, dass die Arbeitsaufgaben nicht mehr ordnungsgemäß erfüllt werden können.

Am besten mit Kollegen kooperieren

„Idealerweise stellt man eine solche Anzeige nicht allein, sondern zusammen mit ebenfalls betroffenen Kollegen“, sagt Knüttel. Zwar ist dieses Prozedere bisher noch nicht tarifvertraglich oder gesetzlich geregelt, doch es spiele bei eventuellen Haftungsfragen oder Konflikten mit dem Arbeitgeber, die möglicherweise vor dem Arbeitsgericht landen, eine immer wichtigere Rolle.

Was verursacht eine Berufsunfähigkeit?

Psychische Probleme
 Laut einer Untersuchung der Ratingagentur Morgen & Morgen sind psychische Probleme mit Abstand der häufigste Grund für Berufsunfähigkeit. Laut den aktuellsten verfügbaren Zahlen aus dem Jahr 2021 sind 31,9 Prozent dieser Fälle auf Probleme wie Burn-out, Depression oder Überforderung zurückzuführen. Der Anteil steigt seit Jahren. Noch um die Jahrtausendwende lag er nur bei etwa einem Fünftel. Wobei in dieser Statistik nicht abgegrenzt ist, welchen Anteil daran berufliche Überforderung hat und welchen rein persönliche Probleme.

Körperliche Beschwerden
 Erst mit weitem Abstand folgen Probleme des Bewegungsapparats mit 20,3 Prozent. Vor zehn Jahren lagen solche Beeinträchtigungen wie etwa Rückenprobleme bei den Ursachen für Berufsunfähigkeit auf Platz eins, bevor sie von psychischen Erkrankungen abgelöst wurden. Bei körperlichen Beschwerden schlägt sich ein über die Jahre ausgebauter Arbeitsschutz etwa in Büros oder in der Produktion positiv nieder. Dann kommen Krebserkrankungen mit 17, 8 Prozent. Im weiteren folgen Unfälle (8 Prozent) und Herz- und Gefäßerkrankungen (7 Prozent).  

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