Buslinien zwischen Enzkreis und Leonberg Seitter wünscht sich andere Diskussionskultur

Die betroffenen Buslinien zwischen dem Enzkreis und Leonberg werden wieder in vollem Umfang bedient. Foto: Simon Granville

Der Seitter Mobilitätsservice aus Friolzheim bedient seit 1. Januar die Linien zwischen dem Enzkreis und Leonberg, die im vergangenen Jahr für Wirbel gesorgt haben. Im Gespräch äußert sich Geschäftsführer Alf Seitter zu den Entwicklungen der vergangenen Wochen und Monate.

Wenn es Hunde und Katzen regnet, die Bahn streikt oder man einfach eine umweltschonende Art der Fortbewegung sucht, sind Busse ein Mittel der Wahl. Oft von den Landkreisen beauftragt, betreiben unterschiedliche Busunternehmen die zahlreichen Buslinien im Ländle. Um die Linien 652, 653(a), 655 und 765, die zwischen dem Enzkreis und dem Kreis Böblingen verkehren, gab es im vergangenen halben Jahr einigen Wirbel. Seit Januar ist die Firma Seitter Mobilitätsservice aus Friolzheim für die Linien zuständig. Die Vergabe gilt zunächst für zwei Jahre.

 

Aus der Sicht von Geschäftsführer Alf Seitter hat sich schnell alles eingespielt, und der Betrieb läuft gut. „Dass es mal zu Ausfällen oder Verspätungen kommen kann, das lässt sich nie ganz vermeiden.“ Volle Straßen, zahlreiche Baustellen und zugleich der große Mangel an Busfahrern deutschlandweit erschweren die Arbeit. „Der Landkreis hat uns aber bestätigt, dass die Reklamationen gegen Null gehen.“

Die betroffenen Buslinien haben eine längere Vorgeschichte

Noch bis vor wenigen Monaten hat die Seitter Reise- und Verkehrsgesellschaft die Linien betreut. Im Laufe des Jahres 2023 gab es immer mehr Probleme, es kam zu Ausfällen, der Fahrplan wurde immer weiter reduziert, bis die Firma schließlich Insolvenz anmelden musste. Da die Linien eine wichtige Verbindung zu diversen Gewerbegebieten und vor allem zu den Schulen in Rutesheim und Leonberg bilden, war die Unzufriedenheit bei den Nutzern groß. In einer Übergangsphase von Oktober bis Dezember übernahmen die Firmen Klingel und Eberhardt die Linien, bevor diese nach einer öffentlichen Ausschreibung an den Seitter Mobilitätsservice vergeben wurden.

Der Name sorgte bei vielen für Verwirrung, zumal auch eine falsche Information im Umlauf war. Denn es handelt sich nicht, wie vom Landkreis Böblingen einst mitgeteilt, um eine Neugründung des insolventen Unternehmens Seitter. „Die beiden Firmen hängen nicht zusammen“, erklärt Alf Seitter. „Und es war auch keine Neugründung. Ich habe den Seitter Mobilitätsservice bereits vor fünf Jahren gegründet.“ Bei der inzwischen insolventen Firma Seitter war er Teil der Geschäftsführung. „Seitter Mobilitätsservice bin quasi ich, das ist ein Einzelunternehmen.“ Mit diesem Unternehmen, das bereits im öffentlichen Nahverkehr tätig war, habe er sich bei der Ausschreibung für die Buslinien beteiligt und den Zuschlag erhalten. Bei einer Neugründung wäre das rechtlich überhaupt nicht möglich gewesen.

60 Menschen mussten entlassen werden

„Dass die alte Firma insolvent war, dazu muss ich stehen, und da muss man auch nichts beschönigen“, sagt Alf Seitter. Wobei „rechtliche und finanzielle Hürden“ seitens der Landkreise und des Regierungspräsidiums dabei auch eine Rolle gespielt hätten. 60 Menschen habe die Firma entlassen müssen, das sei für alle eine schwere Zeit gewesen. „Aber das muss man irgendwann hinter sich bringen und schauen, dass es vorangeht.“ Umso dankbarer sei er, dass die Landkreise ihm die Türen nicht verschlossen hätten und er eine faire Chance bekommen habe. Einen Teil der ehemaligen Fahrer konnte er später sogar wieder übernehmen.

Die Zeit vor Januar war für die Beteiligten eine aufreibende Zeit, erzählt er. „Am Montag vor Weihnachten haben wir erst den Zuschlag erhalten. Effektiv hatten wir also anderthalb Wochen Zeit, um die Fahrer zu bekommen.“ Und noch viele weitere Aufgaben standen an, angefangen beim Erneuern und Aushängen der Fahrpläne. „Der Vorteil war, dass wir das Büropersonal bis zuletzt gehalten haben. Aber wir haben bis zum 1. Januar buchstäblich Tag und Nacht gearbeitet.“ Nach dem Start sei er sehr positiv überrascht gewesen, wie gut alles funktioniert habe. Das deckt sich mit den Eindrücken unterschiedlicher Mütter, mit denen unsere Zeitung in Kontakt war.

Kritik an der Diskussionskultur

Einen großen Kritikpunkt gab es allerdings in den ersten Tagen nach Schulanfang: Im Leonberger Ortsteil Gebersheim war ein Bus, der morgens eingesetzt wurde, bereits so überfüllt, dass eine Haltestelle an mehreren Tagen ganz ausgelassen werden musste. Schulkinder mussten zum Teil stehengelassen werden. Das Problem sei in dem Fall tatsächlich einem Computerfehler geschuldet gewesen, sagt Alf Seitter. Für die Strecke war schlicht ein falsches Fahrzeug hinterlegt worden, nämlich ein kleineres. In der Folgewoche sei bereits der richtige Bus im Einsatz gewesen, „seitdem läuft alles“.

An der bisherigen Diskussionskultur stört ihn vor allem eines: „Dass nicht mehr direkt mit dem Unternehmen gesprochen wird, sondern sofort alles in den sozialen Medien breitgetreten wird.“ Das betreffe sogar Lokalpolitiker, die sich in das Thema eingeschaltet hatten, dabei aber nicht ein einziges Mal auf ihn persönlich zugekommen seien. „Jeder weiß, wo unser Unternehmen ist, jeder kann vorbeikommen oder anrufen.“

Als größte Herausforderung für die Zukunft betrachtet Alf Seitter, wie viele Unternehmen in der Branche, den Gewinn an Mitarbeitern. „Fahrer zu bekommen, das war auch bei mir ein zentrales Thema“, sagt er. Vor allem in Deutschland bekomme man keine Fahrer. Er sieht zwei wesentliche Probleme. Einerseits habe er mit einigen potenziellen Mitarbeitern gesprochen, die nach Abzug von Steuern am Ende des Monats aber kaum mehr Geld übrig hätten, als wenn sie gar nicht arbeiten. Fatal seien zudem die extrem hohen Busführerscheinkosten in Deutschland. Um die 10 000 Euro zahlt man hierzulande. „Im Rest der EU ist es oft nicht mal ein Drittel“, bemängelt er. Fahrer müsse man daher meist gezielt im EU-Ausland suchen.

Weitere Themen