Busprobleme auf den Fildern „Das Blöde ist, am Pranger stehen wir“

Buslinien suchen Busunternehmer: In Filderstadt/Aichtal ist derzeit einiges im Argen. Leidtragende sind die Fahrgäste, aber nicht nur sie. Foto: picture alliance/dpa/Sebastian Gollnow

Wer Linien an Busunternehmen vergebe, die am billigsten fahren, müsse sich über Probleme nicht wundern, sagt Witgar Weber vom Omnibusunternehmer-Verband. Er kritisiert, dass oft Leute über den ÖPNV beschließen, die ihn nicht nutzen.

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Filder - Höhepunkt der Busprobleme rund um Filderstadt ist, dass das beauftragte Unternehmen die Linien nun komplett abgibt. Witgar Weber, dem Geschäftsführer des Baden-Württembergischen Verbands für Omnibusunternehmer (WBO), ist klar, warum. Er fordert eine Veränderung, der Druck auf kleine Unternehmer wachse. Das gehe zu Lasten der Fahrgäste. 

 

Seit einiger Zeit herrscht Chaos im Busverkehr rund um Filderstadt. Ist das außergewöhnlich aus Sicht des WBO?

Nehmen Sie es mir nicht übel, mir gefällt das Wort Chaos nicht. Das rückt den Busverkehr in ein sehr schlechtes Licht. Natürlich wollen wir solche Zustände nicht. Wenn der Fahrgast nicht zufrieden ist, kann auch der Unternehmer nicht zufrieden sein.

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Und würden Sie sagen, dass diese Turbulenzen, oder wie auch immer Sie es nennen würden, ein außergewöhnliches Ausmaß angenommen haben?

Ich sag’ mal so: Früher waren diese Dinge nicht üblich, aber sie kommen leider häufiger vor, seit die Landkreise als Aufgabenträger dazu übergegangen sind, Leistungen auszuschreiben. Da ist das vorgezeichnet. Nämlich dann, wenn neue Unternehmen an den Start gehen, mit neuen Fahrzeugen und neuem Personal, das ortsfremd ist.

Das heißt, diese Probleme kann man Ihrer Ansicht nach nur über eine andere Ausschreibepraxis lösen?

Das wäre ein guter Ansatz. Es ist so, dass wir seit rund zehn Jahren eine Situation haben, in der die Landkreise, und zwar landesweit, immer mehr dazu übergangen sind, Busleistungen auszuweiten und gleichzeitig auszuschreiben. Wenn ich mehr Leistung auf die Straße bringen will, kostet das natürlich mehr, weil mehr Personal und mehr Fahrzeuge gebraucht werden. Und dann sind die Landkreise nicht gut beraten, zu sagen, der Billigste erhält den Zuschlag. Denn das heißt dann: Die Qualität geht in den Keller. Das ist natürlich für den Fahrgast misslich.

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Und es beschert der Busbranche einen schlechten Ruf. Das hat ja auch der Fall rund um Filderstadt gezeigt.

Das ist schlecht, ja. Aber jetzt muss ich einfach mal klarstellen: Wenn die öffentliche Hand das Zepter in die Hand nimmt und sagt: Okay, wir schreiben jetzt aus, dann verlagert sich die Verantwortung auf die öffentliche Hand. Das Blöde ist nur: Am Pranger stehen nachher die Unternehmen, dabei sind sie die Getriebenen. Das ärgert mich als WBO-Geschäftsführer. In einer Situation, in der es heißt „wachsen oder weichen“, gehen die Unternehmen ans Limit. Besonders dort, wo der Aufgabenträger sagt: Der Billigste gewinnt. Da muss man sich nicht wundern. Unter dem Strich sind die Probleme vorhersehbar, zumindest haben wir jetzt lange genug diese leidige Erfahrung gemacht, und daraus muss man doch lernen.

Das Busunternehmen, bei dem es zuletzt nicht rund lief in der Filderregion, hat nun den Betrieb der Linien eingestellt. Das würde man in einer Branche, die aufgrund der Verkehrswende aufstrebend sein sollte, auch nicht erwarten.

Es ist leider kein Einzelfall im Kreis Esslingen. Die Unternehmen stehen in einem starken Wettbewerb. Wenn sie als Unternehmen sprunghaft wachsen, müssen sie das auch verdauen. Das war, salopp formuliert, ein zu großer Schluck aus der Pulle auf einen Schlag. Die Landkreise sollten Leistungen wieder direkt vergeben, dann kriegen wir ein organisches Wachstum hin. Uns fällt auf: Der Landkreis Esslingen macht große Linienbündel und das ohne einzelne Lose. Wenn man die vorhandenen Busunternehmen am Markt halten will, muss man sich gut überlegen, ob man sich einen Gefallen tut, indem man Leistungen so zusammenfasst, dass sie über deren Kragenweite hinausgehen. Man zwingt so kleine Unternehmen, sich auf Dinge einzulassen, denen sie nicht mehr gewachsen sind.

So weit die Analyse, was folgt daraus?

Das Thema muss ich ehrlich gesagt an die Kreistage zurückgeben oder an die beteiligten Bürgermeister. Denn leider Gottes sind unter den dort Beteiligten die Busnutzer eher die Ausnahme. Diese Gremien beschließen also über Dinge, die man nicht aus eigener Erfahrung kennt und diskutiert, dann aus dem Hörensagen mit. Ich bin schon der Meinung: ÖPNV ist ein Gemeinschaftsprodukt, da muss die öffentliche Hand ihre Verantwortung höher hängen. Themen wie Ausschreibungen, Linienbündel, Vergaben werden im Kreistag beschlossen, die Beteiligten sollten sich schon fragen, ob sie alles richtig machen. Wir wollen doch die Menschen für den ÖPNV begeistern. Und mit schlechten Leistungen kriegen wir das nicht hin.

Zur Person

Geschäftsführer
Witgar Weber, 66, ist seit 13 Jahren WBO-Geschäftsführer. Vorher war er VVS-Geschäftsführer.

WBO
Der Verband sitzt in Böblingen, ihm gehören rund 350 Busunternehmen an.

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