BW von oben – Böblinger Hulb Vom Ackerland zum Industriegebiet

1968 war hier von Industriegebiet noch nicht viel zu sehen. Foto: Landesarchiv, StAL/EL 68 IX Nr 1666

Die Hulb, Böblingens größtes Industriegebiet, besitzt eine bewegte Geschichte. Das 36 Hektar große Brachland hat sich innerhalb weniger Jahre in einen Ort verwandelt, in dem fast alles zu haben ist.

Böblingen - Wer die Gefräßigkeit der Stadt entdecken möchte, der wird im Westen Böblingens fündig. Dort haben die Stadtväter vor 60 Jahren begonnen, den steigenden Hunger der Unternehmer nach Fläche und den städtischen Appetit nach Gewerbesteuer zu befriedigen. Die „Hulb“ entstand vor den Toren der Stadt und ist bis heute mit 36 Hektar Fläche das größte Gewerbegebiet Böblingens. Ein Gewerbegebiet mit Geschichte: Mammuts waren dort ebenso zugange wie Torfstecher und Stadtpolitiker auf Brautschau.

 

Wer heute die Vogelperspektive einnimmt und einmal Richtung Dagersheim schwebt, der sieht vor lauter Hallen, Parkplätze und Straßen keinen Flecken Land mehr. Vor 54 Jahren, das zeigen unsere historischen Luftbilder aus dem Jahr 1968, war alles noch ganz anders: Brachland, Wiesen, Äcker. Nur entlang der Herrenberger Straße standen bereits ein paar beeindruckend große Industrieschachteln, ebenso entlang der Hanns-Klemm-Straße, dort wo heute die Firma Kemmler mit Baustoffen handelt und das Baumaschinen-Unternehmen Zeppelin Bagger verkauft.

Exklusiv für Digitalabonnenten: Ihr Haus und Ihre Straße, 1968 und heute.

Eigentlich hatte dieses Stückchen Erde nicht das Zeugs zu einem Areal, auf dem das Bruttosozialprodukt gesteigert wird. Der ehemalige Böblinger Stadtarchivar Christoph Florian hat sich vor einigen Jahren der Geschichte der Hulb gewidmet und erforscht, dass dieses Gewann eine ziemlich schlüpfrige Angelegenheit war. Im Jahr 1495 finden sich erste Spuren im Archiv unter dem Flurnamen „Hulb“ – abgeleitet vom mittelhochdeutschen „hülwe“, was nichts anderes bedeutet als „Pfütze“ oder „Sumpf“, zu deutsch: untaugliches Gelände.

Böblingen begibt sich auf Brautschau

Hätte man nicht zufällig in den 1980er-Jahren Skelettreste von Mammuts, Wildpferden und Fellnashörnern gefunden, wäre die frühe Geschichte der Hulb eher trist gewesen. Der Fund macht aber deutlich, dass dort die Jäger der Steinzeit vor 16 000 Jahren ihre Beute zerlegten und die Hulb bereits damals ein Ort handwerklicher Bemühungen war.

In der frühen Neuzeit versuchten sich die Böblinger dort auch mal als Agrarier und säten Getreide. Erst 300 Jahre später, im 19. Jahrhundert, entdeckte man, dass der feuchte Untergrund Vorteile hat: Eine bis zu drei Meter hohe Torfschicht hatte die Natur vor den Toren der Stadt gebildet. Böblingen wurde Torfproduzentin, und die Hulb lieferte ab 1832 eine Million Torfziegel pro Jahr – als Heizstoff und Düngemittel.

Handel und Gewerbe wird es zu eng in der Stadt

Nach dem Krieg – das Wirtschaftswunder machte auch um Böblingen keinen Bogen – wurde klar: Handel und Gewerbe wird’s zu eng in der Stadt. Im Jahr 1961 beschloss der Gemeinderat, dass auf der Hulb in Zukunft Geschäfte gemacht werden sollen. Das neue Industriegebiet war beschlossene Sache und damit auch der begehrliche Blick auf den Nachbarort Dagersheim. Denn ein großer Teil dieses Geländes zählte zur Gemarkung des Bauernfleckens von nebenan. Die Gemeindereform kam da wie gerufen. Dagersheim entwickelte sich zu einer attraktiven Braut und wurde im Jahr 1971 eingemeindet. Die Mitgift war ganz unromantisch, aber höchst attraktiv: ein Stück Gewerbegebiet. Eine Gabe, die heute noch manche eingeborene Dagersheimer als reichlich unverhältnismäßig betrachten.

Vom Autokauf bis zum Currywurst-Verzehr

Einer raschen Aufsiedlung stand nun nichts mehr im Wege, zumal mit dem Bau der A 81 auch die Laster mit ihren Waren Direktanschluss an die Hulb fanden. Viele Firmen ließen sich das nicht zweimal sagen. Mittelständische Eigengewächse wie die Sanitärfirma Reisser wagten den Schritt ins neue Wirtschaftszentrum der Stadt, internationale IT- und Technologie-Konzerne auf Suche nach ihrem Europasitz wie HP, Philips-Medizintechnik oder Moog wurden dort fündig. Auch mit Kaufanreizen konnte die Hulb rasch aufwarten. Der einheimische Möbler, die Gartenfachmarkt-Kette, der Baumarkt, der Elektroladen, und mit dem Real-Markt einer von Deutschlands umsatzstärksten Supermärkten, ließen sich dort nieder.

Hier kann man Autos und Tierfutter kaufen oder eine Curry-Wurst essen

Dazwischen: sämtliche Branchen, die aus der Hulb ein typisch uneinheitliches Industriegebiet machen. Wer ein Auto kaufen oder reparieren lassen möchte, eine Curry-Wurst braucht, Tierfutter erwerben oder Schrott loswerden will, eine Übernachtung, einen Parkplatz oder Beistand in der Freikirche sucht, wird in diesem Quartier ebenso fündig wie der Nutzer von Angeboten, die gemeinhin nicht so sehr als Aushängeschild dienen: Die Spielhalle ist auf der Hulb ebenso zu Diensten wie das Bordell.

Die französische Kunstflugstaffel war auch schon da

Bunt, versiegelt, manchmal etwas chaotisch und unsortiert – so hat sich die Hulb rasch von Ost nach West in die Landschaft gefressen und Böblingen und Umgebung manche mittlerweile fast vergessene Attraktion geboten. Die legendären Flugtage zum Beispiel, bei denen in den 1960er- und 1970er-Jahren Riesenflugzeuge über dem Areal ihre Show abzogen und die französische Kunstflugstaffel heute undenkbar gefährliche Akrobatik vor einem Riesenpublikum in den Himmel schraubte, oder die Hulb-Open, die die Menschen in den 1990er- und 2000er-Jahren ebenso in Scharen ins Industriegebiet zog – zu Zeiten, als das Wort Gewerbeschau auch in Böblingen noch Glanz versendete.

Wer heute, 61 Jahre nach deren Geburt, durch die Hulb streift, dem bleibt nicht verborgen, dass die gute alte Dame mittlerweile die eine oder andere Falte trägt. Auf der Höhe der Zeit zeigt sie sich nur noch bei der Fernwärmeversorgung, an vielen Stellen neigt sie zur Gebrechlichkeit. Mit dem gut gemeinten Rat zu einem Face-Lifting würde man ihr vermutlich nicht zu nahe treten.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Böblingen