Böllerschüsse des Villinger Grenadiercorps, danach Gottesdienste, Festansprachen und schließlich eine historische Zusammenkunft im Schneegestöber am Hölzlekönig, einer Kneipe, die noch heute auf halbem Weg zwischen Villingen und Schwenningen liegt: So wurde am 1. Januar 1972 der Zusammenschluss der beiden Städte gefeiert, der größten Fusion der baden-württembergischen Kommunalreform. Sogar einen alten Schlagbaum entfernten die Honoratioren an jenem Tag, obwohl es den an der alten badisch-württembergischen Grenze schon seit Jahrzehnten nicht mehr gab.
Dafür trennte anderes die beiden Partner. Am sichtbarsten war der fünf Kilometer breite grüne Freiraum zwischen den beiden Stadtbezirken. Doch Gerhard Gebauer, der frisch gewählte SPD-Oberbürgermeister der nun zweitgrößten Stadt im Regierungsbezirk Freiburg, hatte große Pläne. Er träumte von einer vierspurigen Stadtautobahn als schnelle Verbindung, an der sich zahlreiche öffentliche Einrichtungen aufreihen. Hier sollte das Selbstverständnis als neues Oberzentrum des Südschwarzwaldes in Beton gegossen werden.
Die Neue Heimat plant das Zentrum
Im Auftrag des Gemeinderats erarbeitete die gewerkschaftsnahe Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat damals ein ehrgeiziges Entwicklungskonzept. In einem Nordbogen sollten Villingen und Schwenningen baulich verbunden werden. Einerseits, so sah es der Fusionsvertrag ausdrücklich vor, sollten die beiden historischen Stadtkerne nicht ausbluten, sondern in ihren städtischen Funktionen gestärkt werden. Deshalb war auch nie von einer „Neuen Mitte“ die Rede wie in anderen fusionierten Orten jener Zeit. Andererseits sollte „durch die Überplanung und Bebauung des zentralen Raumes die gemeinsame Stadt sichtbar als kommunale Einheit“ dargestellt werden, wie es im Gutachten der Neuen Heimat hieß.
Dabei sah das gewerkschaftsnahe Unternehmen, dessen Geschäftsführer niemand Geringeres als der spätere Ministerpräsident Lothar Späth (CDU) war, vor allem das Land in der Pflicht, um die grüne Grenze zu überwinden. Es hatte Villingen und Schwenningen in seinem Landesentwicklungskonzept als gemeinsames Oberzentrum ausgewiesen und damit den Anstoß für die Städteehe gegeben. Nun solle es seinen politischen Willen durch die Zuweisung überörtlicher Einrichtungen bekunden, hieß es. Unmissverständlich forderte das Gutachten den Zuschlag einer Universität. „Eine Entwicklung des Zwischenbereichs ohne konkrete Zusage für die Hochschule ist fraglich“, warnte das Unternehmen.
Lothar Späth vergisst seine eigenen Appelle
Auch die Ansiedlung eines Hauptschwerpunktkrankenhauses, eines Gymnasiums, sogar eines Verkehrsübungsplatzes und ein Umzug der Südwestmesse war im Plan enthalten. Bis 1990 sollten 235 Hektar überbaut werden, eine Fläche, die sieben Mal so groß wäre wie die Villinger Innenstadt. 422 Millionen Mark waren als Bausumme angegeben. Die Hälfte davon sollte bis 1980 verbaut sein. „Es herrschte eine Planungs- und Modernisierungseuphorie“, sagt der ehemalige Stadtarchivar Heinrich Maulhardt. „Man wollte die Vergangenheit hinter sich lassen und etwas Neues im großen Stil schaffen.“
Vergleicht man die Luftbilder von 1968 – vier Jahre vor der Fusion – mit denen von heute, erkennt man, dass auch nach fünf Jahrzehnten das ehrgeizige Programm nur in Ansätzen abgearbeitet werden konnte. 120 Hektar wurden bis heute im Mittelbereich bebaut, allein 40 Hektar davon im Wohngebiet Schilterhäusle, das direkt an Villingen grenzt. Die Misere begann schon kurz nach der Fusion. 1974 mussten die Stadtoberen einsehen, dass mit einer Ansiedlung staatlicher Behörden nicht mehr zu rechnen sei. Auch als Späth 1978 selbst zum Ministerpräsidenten aufstieg, schien er sich nicht mehr an die eigenen Appelle als Neue-Heimat-Chef zu erinnern.
Die Krise erwischt die fusionierte Stadt
Als OB Gebauer 1982 eine Zehn-Jahres-Bilanz des Zusammenschlusses vorlegte, räumte er ein, dass die Entwicklung zum Oberzentrum stagniere. Im Zentralbereich hatte sich bis dahin so gut wie gar nichts getan. Weder Gerichte, noch Einrichtungen des Landkreises, der Arbeitsverwaltung oder der Industrie- und Handelskammer waren umgezogen. An einen Krankenhausneubau auf der grünen Wiese war ebenfalls nicht zu denken. Sowohl die Klinik in Villingen als auch diejenige in Schwenningen waren bei der Fusion noch keine 20 Jahre alt gewesen.
Von den wenigen externen Ansiedlungen profitierten hingegen zunächst die alten Stadtbezirke. Die Berufsakademie, die Polizeihochschule und die Außenstelle der Fachhochschule Furtwangen gingen nach Schwenningen, in Villingen entstand die Neue Tonhalle. Die Bewältigung der Wirtschaftskrise und der Niedergang der Schwenninger Uhren- und der Villinger Unterhaltungselektronikindustrie setzten der Stadt zu. Sogar die Einwohnerzahl sank.
Dann baut der OB eben selber
Erst nach dem altersbedingten Rückzug Gebauers vom OB-Posten 1994 kam Bewegung in das Projekt. Und es war Gebauer selbst, der für sein Lebenswerk Pflöcke einschlug, wie es der Ex-Stadtarchivar Maulhardt sagt. 1998 gab er mit dem Bau seiner geriatrischen Klinik den Startschuss für eine späte Entwicklung im Zentralbereich.
Es folgten ein Wohngebiet, ein Einkaufszentrum und schließlich, 2014, endlich auch das Schwarzwald-Baar-Klinikum. Nur der Bau einer zentralen Stadtverwaltung scheiterte 2012 in einem Bürgerentscheid. Dafür hat die IHK gerade den Rohbau für ihre neue, 18,5 Millionen Euro teure Zentrale fertiggestellt. Im Herbst soll sie bezogen werden.
Die Quantität stimmt, die Qualität nicht
Die Väter (und wenigen Mütter) der Städtefusion würden sich beim Betrachten des heutigen Luftbildes wohl wundern, dass vieles so lange gedauert habe, glaubt Maulhardt. „Insgesamt wären sie aber wohl gar nicht so unzufrieden“ – zumindest was die Ausmaße der Bebauung betreffe. Und heute sei man ohnehin froh, dass nicht alles zubetoniert wurde – und auch aus Gebauers vierspuriger Stadtautobahn nichts geworden sei. Qualitativ sehe die Bilanz anders aus. „Dass hier so viele Speditionen angesiedelt würden, hätte man damals wohl nicht gedacht.“